Qualifizierungsoffensive Lidl-Filialleiter lernen dazu

von Redaktion LZ
Freitag, 21. März 2014
Feilen am Arbeitgeberimage: Thomas Augst, Geschäftsleitung Personal Lidl Deutschland, und Matthias Raimund, Vorsitzender der Geschäftsleitung (r.).
Thomas Schindel
Feilen am Arbeitgeberimage: Thomas Augst, Geschäftsleitung Personal Lidl Deutschland, und Matthias Raimund, Vorsitzender der Geschäftsleitung (r.).
LZnet. Lidl macht seine 3.500   Filialleiter in Deutschland fit für die Zukunft. Eine großangelegte Qualifizierungsoffensive setzt vor allem auf Führungskompetenz und Teambuilding. Ein neues Ausstattungspaket mit übertariflichem Gehaltsstufenmodell plus Firmenwagen soll die Position nach außen wie innen attraktiver machen.
Lidl Deutschland startet eine großangelegte Weiterbildungsoffensive. Jeder der rund 3.500 Filialleiter des Discounters soll mit erweiterten Management- und Führungskompetenzen ausgestattet werden. "Das ist die größte Qualifizierungsoffensive unserer Unternehmensgeschichte", sagt Matthias Raimund, Geschäftsleitungsvorsitzender Lidl Deutschland, bei der Vorstellung des Konzepts in Neckarsulm. Sie sei zum einen notwendig, um das Unternehmen fit für den enger werdenden Arbeitsmarkt zu machen. "Führungskräfte werden rarer, deswegen kümmern wir uns um die Entwicklung eigener Mitarbeiter." Gleichzeitig will Lidl "als attraktiver Arbeitgeber auf dem externen Arbeitsmarkt auftreten". Darüber hinaus seien die Anforderungen an die Filialleiter in den vergangenen Jahren immens gestiegen. So habe sich die Zahl der Artikel im Sortiment von 1.200 auf 1.600 erhöht. Auch die Frischeabteilungen wuchsen: Gab es 2003 noch 15 Achsen mit 160 Artikeln pro Outlet, sind es 2013 25 Achsen mit 310 Artikeln. Die durchschnittliche Verkaufsfläche erhöhte sich von 845 auf 939 Quadratmeter.

Gestiegene Anforderungen

Neue Konzepte und Sortimentsbausteine wie Bake-off, Frischfisch oder die Weinpräsentation sowie der Umgang mit neuen Technologien und Systemen kommen hinzu; ebenso wie längere Öffnungszeiten. Waren Lidl-Outlets 2003 an 58 Stunden in der Woche geöffnet, sind es heute durchschnittlich 84 Stunden. Und die Zahl der Kunden auf der Fläche erhöhte sich um 14 Prozent. All das bringt höheren Handlingsaufwand mit sich und bedingt einen steigenden Personalbedarf in den Märkten: 2003 führte ein Filialleiter durchschnittlich elf "Köpfe", heute sind es 17. "In der Spitze trägt ein Filialleiter Verantwortung für bis zu 56 Mitarbeiter", veranschaulicht Raimund die Notwendigkeit der Qualifizierung. Das habe "gravierenden Einfluss auf die Führungsaufgaben". Zurzeit, so das Ergebnis zweier Mitarbeiterbefragungen, die Lidl in den Jahren 2008 und 2013 durchführte, verbringen Marktleiter allerdings nur etwa 5 Prozent ihrer Arbeitszeit tatsächlich damit. Das soll sich nun ändern. Besonders Kompetenzen wie Personalführung und Teambuilding seien wichtiger denn je. Filialleiter sollten weniger Zeit für das operative Tagesgeschäft aufwenden und stattdessen Freiräume gewinnen für "kundenorientiertes und kennzahlenbasiertes Management".

Freiräume fürs Management

Zwei Jahre lang bereitete sich Lidl intensiv auf das Mammutprojekt vor. Dazu wurde unter anderem die HR-Funktion in den 38 Regionalgesellschaften gestärkt. Unterhalb der Geschäftsführung – auf Bereichsleiter- beziehungsweise Prokuristenebene – wurde die Position des Personalleiters geschaffen. Man habe die Stellen komplett mit internen Bewerbern besetzen können. Mit einem sechs bis zehn Personen umfassenden Team ist der Personalleiter für die Ausbildung zuständig, insbesondere mit Blick auf Azubis, BA-Studenten sowie Filialleiter und deren Stellvertreter. "Mit dieser Struktur sehen wir uns nun gut gerüstet, ein derart großes Projekt zu stemmen, das uns mindestens die nächsten zwei bis drei Jahre begleiten wird", ist Raimund überzeugt.

Individuelle Weiterbildungsmaßnahmen

Am Dienstag dieser Woche wurden alle Lidl-Filialleiter in regionalen Auftaktveranstaltungen auf die neuen Herausforderungen eingeschworen. Die eigentliche Qualifizierung verläuft dann nach einem geregelten, durchstrukturierten Prozess, wie Thomas Augst, Mitglied der Geschäftsleitung und zuständig für das Ressort Personal, betont. Ab der Kalenderwoche 19 durchlaufen die Filialleiter dazu einen sogenannten Entwicklungstag, an dem ihr individuelles Potenzial so genau und umfassend wie möglich erfasst wird. Bestandteile sind unter anderem Interviews zu den Themen Führungsrolle und Kennzahlenverständnis. Für diese Stärken-/Schwächen-Analyse zieht Lidl mit Obermann-Consulting externe Expertise hinzu. Das Ergebnis ist die Grundlage für individuelle Weiterbildungsmaßnahmen. "Unser Konzept funktioniert nicht nach dem Gießkannenprinzip sondern zielgerichtet und effizient", sagt Augst. Und Deutschland-Chef Raimund ist optimistisch, dass "jeder Filialleiter den Schritt meistern wird". Schließlich baue das Anforderungsprofil auf dem täglichen Erleben des operativen Geschäfts auf der Fläche auf.

Übertarifliches Gehalt und Firmenwagen

Wer es bereits erfüllt, erhält ab 1. August 2014 einen neuen Arbeitsvertrag. Bestandteil ist ein "übertarifliches Gehaltsstufenmodell" von 3.000 (Stufe 1) bis 4.000 Euro (Stufe 4) monatlich. Es basiert auf 170 Monatsstunden. Das Zeitmodell soll "der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf Rechnung tragen". Inklusive Weihnachts- und Urlaubsgeld kommen Filialleiter auf 13,2 Gehälter. Zum Ausstattungspaket gehört überdies ein privat zu nutzender Firmenwagen. Wer jedoch lieber seinen alten Vertrag behalten möchte, könne dies tun, versichert Augst. Die Initiative soll die Position nach innen wie in der Außenwahrnehmung am Arbeitsmarkt attraktiver machen. "Denn es ist nicht einfach, gute Filialleiter zu finden", betont er die Bedeutung für das Recruiting. Besonders talentierten Marktleitern stellt er zudem in Aussicht, sich über die Weiterbildung zum Handelsfachwirt für höhere Weihen im Unternehmen empfehlen zu können.

Wirkung auf die Arbeitgebermarke

In einem zweiten Schritt sollen die stellvertretenden Filialleiter fortgebildet werden. Außerdem ist geplant, das Konzept in andere Länder auszurollen. "Dabei entscheidet jedes Land, wann es den Startschuss dazu gibt", beschreibt Lidl-Deutschlandchef Raimund den weiteren Ablauf. Als erstes sei die Slowakei an der Reihe.

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