Der lange Abschied vom Konsens

von Redaktion LZ
Freitag, 18. Februar 2005
Oswald Metzger Foto: MMM-Kongress
Oswald Metzger Foto: MMM-Kongress
LZ|NET. Die deutsche Gesellschaft gilt als harmoniesüchtig. Notwendige volks- und betriebswirtschaftliche Veränderungen sind ohne Konflikte nicht auf den Weg zu bringen - weder in Politik noch Wirtschaft.



"Die Wohlstandsepoche ist vorbei - auf allen Ebenen muss umgedacht werden," sagte Prof. Dr. Meinhard Miegel, Leiter des Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft e.V., Bonn, den 400 Teilnehmern des MMM-Kongresses. Sie trafen sich Anfang dieser Woche unter dem Motto "Konsens passé - Eintracht oder Konflikt" in München.

Zu jedem Veränderungsprozess gehören Konflikte. Stattdessen herrsche in Unternehmen ein Übermaß an Unterordnung, erklärt Dr. Dieter Frey, Professor für Sozial- und Wirtschaftspsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Verantwortlich seien schwache Führungskräfte, die sich entweder konfliktscheu oder machtdemonstrativ verhielten. Für eine Streitkultur sprach sich auch der ehemalige Ministerpräsident Prof. Kurt Biedenkopf aus: "Streit ist der Vater des Fortschritts." Ein zu starker Konsens führe zur Lähmung.

"Service und Innovation werden in Deutschland abgebaut", beklagte Hans Löbbert, geschäftsführender Gesellschafter der Akzenta GmbH & Co. KG, Wuppertal. Der Discount-Marktanteil beträgt in Deutschland rund 39 Prozent, und das Ende sei noch nicht erreicht, ergänzte Johann Lindenberg, Geschäftsführungsvorsitzender der Unilever Deutschland GmbH.

Tiefe Preis, tiefe Löhne

Dieser Prozess geht mit einem Verdrängungswettbewerb einher. "Auf einen Diskont-Mitarbeiter kommen vier Supermarkt-Angestellte". In dieser Entwicklung sieht Löbbert ein volkswirtschaftliches Desaster. "Tiefe Preise führen zu tiefen Löhnen - tiefe Löhne zu tiefen Preisen." Dem könne nur mit guten Ideen begegnet werden.

Stagnierende Netto-Einkommen sowie hohe Sozialabgaben kennzeichnen den deutschen Markt. Oswald Metzger, Publizist und Politikberater, sprach sich für langfristige wirtschaftliche Strategien und mehr Bürgerverantwortung aus. "Bis zum Jahr 2015 wird der Rubikon überschritten", sagte Metzger.

Die Abschaffung der Alimentierung arbeitsfähiger Menschen sei der erste Schritt. Metzger prognostizierte, dass das Rentenalter auf 67 Jahre raufgesetzt wird und hofft auf eine Senkung der Grenzsteuersätze, damit sich Leistung auch lohnt. "Von einem Wachstum wie in den 50er-Jahren müssen wir uns verabschieden, vor allem im globalen Wettbewerb."

Abschied nehmen heißt es auch von überlebtem Konsumverhalten. Kunden bewegen zwei Linien: Hightech (Kommunikation und Mobilität) und Hightouch (Spiritualität), so Trendforscher Dr. Norbert Bolz, Professor für Medienwissenschaften an der TU in Berlin.

Der spirituelle Mehrwert, die Verführung, bestimme die Kundenbeziehung. "Menschen kaufen sich eine Harley Davidson wegen des Mythos", gab er ein Beispiel. Ein Produkt werde nicht nur über den Preis, sondern über Sinn und Attraktion definiert. Discounter sind für Bolz nicht die Unternehmen der Zukunft, sondern die, die auf Spiritualität setzen.

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