Managementtraining Seitenwechsel Echte Probleme aushalten lernen

von Silke Biester
Freitag, 09. Dezember 2016
Keine Sozialromantik: Es geht um Persönlichkeitsentwicklung und Führung, wenn Manager die Begegnung mit Menschen in Extremsituationen zulassen. Konrad Ellegast war als Phoenix-Vorstand beim Straßenmagazin Hinz & Kunz.
Seitenwechsel
Keine Sozialromantik: Es geht um Persönlichkeitsentwicklung und Führung, wenn Manager die Begegnung mit Menschen in Extremsituationen zulassen. Konrad Ellegast war als Phoenix-Vorstand beim Straßenmagazin Hinz & Kunz.
Die Patriotische Gesellschaft von 1765 bietet mit dem Programm "Seitenwechsel" ein Managementtraining der besonderen Art. Eine Woche lang gehen Führungskräfte nicht ins Büro, sondern arbeiten in einer sozialen Institution. Das soll für persönliche Entwicklung, einen neuen Umgang mit Konflikten und Toleranz sorgen. Manager von Beiersdorf und Tchibo berichten, was das für den Arbeitsalltag bringt.

Andreas Bertram ist Direktor für Qualitätsmanagement bei Beiersdorf. Doch das interessiert eigentlich niemanden, als er den Dienst im Hospiz "Leuchtfeuer" beginnt. "Wenn Menschen bald sterben, zählt meine Funktion als Führungskraft bei Beiersdorf gar nichts", relativiert er die Karriere. Es geht um die Versorgung von Wunden, besondere Wünsche, Achtsamkeit.

Bertram wird seinen Job nahezu vergessen. Das Handy ist abgeschaltet, Kollegenkontakt untersagt, sämtliche Projekte liegen auf Eis. Noch nicht einmal den Dienstwagen nutzt er, fährt stattdessen mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Reeperbahn. So bewegt er sich schon unterwegs in einer Welt, die er normalerweise nie zu Gesicht bekommt.

Bertram nimmt an dem Managementtraining Seitenwechsel teil, das durch Eintauchen in soziale Grenzsituationen die Persönlichkeitsentwicklung und Führungsqualität voran bringen soll. Der Beiersdorf-Mann hat das Hospiz gewählt, andere Manager gehen ins Gefängnis, zu Behinderteneinrichtungen oder Obdachloseninitiativen.

„Im Hospiz die Wahrnehmung für Menschen und Bedürfnisse geschärft“ Andreas Bertram, Beiersdorf
Beiersdorf
„Im Hospiz die Wahrnehmung für Menschen und Bedürfnisse geschärft“ Andreas Bertram, Beiersdorf

Konzerne wie Airbus, Bonprix, BP, DMK Group, Otto, Shell, Phoenix und etliche mehr haben ihren Top-Leuten die Erfahrung ermöglicht, Situationen auszuhalten, die sie nicht beeinflussen können. "Manager kennen ja keine Probleme, sondern nur Herausforderungen", sagt die Programmleiterin Doris Tito. Es sind die Tabuzonen der Gesellschaft, die dazu auffordern, die eigenen Bilder, Normen und Vorurteile zu hinterfragen. Die Teilnehmer sollen verstehen lernen, warum Menschen in Situationen kommen, für die sie zuvor kein Verständnis hatten.

Schließlich gibt es auch in Unternehmen Mitarbeiter in schwierigen Lebenslagen sowie Süchtige und Schwerkranke. "Führungskräfte lernen, sich dem zu stellen. Unangenehme Tatsachen müssen nicht länger tabuisiert werden", ist Tito überzeugt. Schließlich müssen Führungskräfte Menschen und ihre Probleme sehen, um etwas ansprechen und gute Entscheidungen treffen zu können.

"Im Hospiz habe ich meine Wahrnehmung für andere Menschen und Bedürfnisse geschärft", bestätigt Bertram den Effekt, den er für seine Führungsfunktion als außerordentlich wertvoll beschreibt, um ein Team richtig aufzustellen, Aufgaben, Fähigkeiten und Grenzen richtig einzuschätzen.

„Unangenehmes nicht länger tabuisieren“ Doris Tito, Patriotische Gesellschaft
Karin Gerdes
„Unangenehmes nicht länger tabuisieren“ Doris Tito, Patriotische Gesellschaft

"Wenn im Alltag eine vermeintliche Katastrophe über einen hereinbricht, kann ich damit sicher gelassener umgeben", sagt er und zieht noch ein Jahr nach seinem Einsatz ein klares Fazit: "Der Seitenwechsel hat bei mir persönlich, im Vergleich zu allen Managementtrainings zuvor, die maximale Wirkung erzielt." Dabei gehe es nicht um Gutmenschentum oder Sozialromantik, sondern um die eigene Entwicklung.

Beim Hamburger Kaffee- und Nonfood-Konzern Tchibo war Vorstandsmitglied Yves Müller der erste Seitenwechsler. Er durfte seine Woche vor fünf Jahren bei der Obdachlosen-Initiative "Herz As" verbringen. Als "Praktikant Yves" hat er Sozialarbeiter zu Wohnungslosen auf der Straße begleitet, in der Kleiderkammer und bei der Essensausgabe geholfen und in zahlreichen Gesprächen eine Vorstellung davon bekommen, warum jemand unter der Brücke lebt, sich selbst aufgibt. "Hinter jedem Menschen steht ein ganz persönliches Schicksal", weiß er heute. "Diese Erfahrung arbeitet in einem."

Das Programm Seitenwechsel


Das Managementprogramm Seitenwechsel ermöglicht Führungskräften die Mitarbeit in sozialen Institutionen wie Obdachloseninitiativen, Hospizen, Behindertenwerkstätten oder Strafvollzugsanstalten. Eine intensive Vor- und Nachbereitung gehört dazu. Im Rahmen einer Marktbörse lernen die Teilnehmer die Einrichtungen kennen, bevor sie sich entscheiden, wo der einwöchige Einsatz stattfinden soll. Im Nachgang werden in einem moderierten Prozess Strategien entwickelt, wie die Erfahrung in den Führungsalltag im Unternehmen Anwendung finden kann. Rund 6{GV4}000 Manager haben an dem Programm teilgenommen. In Deutschland wird es von der Patriotischen Gesellschaft von 1765 angeboten. www.seitenwechsel.com

Besser hätte auch Tito diesen Nutzen nicht beschreiben können. "Den richtigen Umgang mit echten Problemen und wie man die Balance zwischen Nähe und Distanz findet, lernt man nicht im BWL-Studium", ergänzt sie. "Das geht auch nicht per E-Learning." Im Gespräch mit der LZ beschreibt Müller, inwiefern dieser vorübergehende Ausstieg aus dem Job ein zielführendes Training ist: "Man stellt den Menschen danach deutlicher in in den Vordergrund." Als Personalvorstand sieht er dadurch einen Wert für die kulturelle Entwicklung.

"Der Kernnutzen für das Unternehmen ist sicherlich die Persönlichkeitsentwicklung der teilnehmenden Manager. Werte wie Menschlichkeit, Demut und Bodenständigkeit tun uns gut, die wollen wir im Unternehmen stärken." Deshalb hat er das Programm zum festen Bestandteil des Weiterbildungsangebots gemacht. Jedes Jahr nehmen nun einige Tchibomanager daran teil. "Es wird einem noch mal deutlicher, wie wertvoll es ist, einen Job und ein Einkommen zu haben. Und das kann man auch im Team besser vermitteln", beschreibt er.

Darüber hinaus sei ihm die Verantwortung noch bewusster geworden, die Unternehmenslenker tragen: "Als Führungskraft treffen wir Entscheidungen, bei denen wir die Menschen und sozialen Aspekte nicht aus den Augen verlieren dürfen", nennt er ein praktisches Beispiel. "Nach meinem Seitenwechsel haben wir ein Lager geschlossen. Da war es mir besonders wichtig, Kontakt zu anderen Unternehmen aufzunehmen, um die Mitarbeiter in neue Jobs zu vermitteln. Wenn einem klar wird, dass das richtig ist, sollte man es zumindest versuchen."

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