Managerpersönlichkeiten Langfristiges Denken ist sehr selten

von Silke Biester
Donnerstag, 13. April 2017
Trotzt Kritikern: Paul Polman beharrt seit Jahren darauf, den Unternehmenswert und zugleich die Ökobilanz zu verbessern. Die aktuell kritisierten Veränderungen zielen in die selbe Richtung.
Trotzt Kritikern: Paul Polman beharrt seit Jahren darauf, den Unternehmenswert und zugleich die Ökobilanz zu verbessern. Die aktuell kritisierten Veränderungen zielen in die selbe Richtung.
Der Erfolg eines Konzerns hängt wesentlich vom CEO ab. Der Executive-Search-Spezialist Russel Reynolds hat den Zusammenhang zwischen Ergebnissen und Persönlichkeiten analysiert. Zu den Vorzeigebeispielen zählen Amazon-Gründer Jeff Bezos, PepsiCo-Chefin Indra Nooyi und der aktuell unter Druck stehende Unilever-CEO Paul Polman.

Ein wahrer "Long-Term CEO", wie man bei Russel Reynolds Vorstandschefs nennt, die wirklich langfristig denken, handeln und auch erfolgreich sind, zählen zu den Raritäten der weltweiten Wirtschaft. Die Personalberatung hat die Profile von 900 namhaften Konzernchefs unter die Lupe genommen und festgestellt, dass gerade mal 14 von ihnen "den nötigen Weitblick besitzen", beschreibt Thomas Tomkos im Gespräch mit der LZ den Unterschied.

Das sind weniger als zwei Prozent. "Diese doch sehr überschaubare Zahl hat mich überrascht", gibt der Headhunter offen zu. Sie setzen sich von den übrigen nicht nur durch erfolgreiches Wirtschaften ab. Vielmehr ist ein roter Faden über viele Jahre erkennbar. Sie verfolgen offensichtlich eine Strategie, die sie der Welt auch beschrieben haben.

Die Mehrzahl der übrigen Vorstände gibt dagegen wohl dem weit verbreiteten Quartalsdruck und dem Anspruch, so schnell wie möglich Resultate zu liefern, nach, ohne langfristige Strategien mit ausreichend Nachdruck zu verfolgen. "Vielen fällt es im Alltag schwer, eine klare Zukunftsvision zu entwickeln und das große Ganze im Blick zu behalten", stellt Tomkos fest. Nur wenige halten unbeirrt an ihren Zielen fest.

Doch das Durchhaltevermögen beim Verfolgen einer Vision zahlt sich aus: Die Performance der langfristig agierenden Top-Manager liegt mit mehr als 60 Prozent weit über dem Durchschnitt. Mehr als die Hälfte von ihnen arbeitet für US-Konzerne (64 Prozent) und eine Minderheit hat den Sitz in Europa (14 Prozent).

Gründer: Von Anfang an glaubte Mr. Amazon, Jeff Bezos, an die Idee des Online-Kaufhauses für Alles. Er hat es trotz jahrelanger Verluste geschafft, Investoren zu begeistern.
Gründer: Von Anfang an glaubte Mr. Amazon, Jeff Bezos, an die Idee des Online-Kaufhauses für Alles. Er hat es trotz jahrelanger Verluste geschafft, Investoren zu begeistern.

Zu den Vorzeigepersönlichkeiten zählt Tomkos in der Konsumgüterwirtschaft Indra Nooyi von PepsiCo, Unilever-Chef Paul Polman und Amazon-Kopf Jeff Bezos. Wobei Mr. Amazon den Vorteil hatte, die Geschäftsidee selbst entwickelt zu haben. "Die Wahrscheinlichkeit, eine visionäre Idee langfristig zu verfolgen, ist größer, wenn ein Gründer sein Unternehmen groß macht", sagt Tomkos. Wer als externer Manager in einen Konzern kommt, hat es durchaus schwerer. Denn er muss nicht nur weiter entwickeln, was andere aufgebaut haben, im gesamten Konzern muss er mit viel mehr Vergangenheit umgehen.

Paul Polman sei es gelungen, Unilever konsequent im Sinne seiner strategischen Ziele weiter zu entwickeln. Bereits im Jahr 2009 habe er die Vision formuliert, den Umsatz zu verdoppeln und gleichzeitig die Umweltbelastung zu verringern. Ein prüfender Blick in die Geschäftsberichte habe ergeben, dass der Umsatz von 2008 auf 2015 von 40 auf 53 Milliarden und das Ergebnis von 5 auf 7,5 Milliarden Euro gestiegen sei, während der CO2-Ausstoß um 39 Prozent pro Tonne reduziert werden konnte.

Mit typischer Weitsichtigkeit habe er die Reputation des Konzerns und die Markenkraft ebenso hartnäckig verfolgt, wie die finanzielle Performance. Und auch die aktuellen Sparpläne und Veränderungen, die Polman eine Menge Kritik einbringen, zielen auf eine Verbesserung des Unternehmenswerts und der Ökobilanz.

Strategin: PepsiCo-Chefin Indra Nooyi lenkt die Transformation des Produktportfolios zu mehr Gesundheit.
Strategin: PepsiCo-Chefin Indra Nooyi lenkt die Transformation des Produktportfolios zu mehr Gesundheit.
Auch PepsiCo-CEO Indra Nooyi fokussiert seit langem das Thema Nachhaltigkeit. Sie treibe zudem die Transformation des Produktportfolios zu mehr Gesundheit und weniger Kalorien voran.

Doch welche Persönlichkeitsmerkmale, Grundeigenschaften und Kompetenzstrukturen bringen diese herausragenden Manager mit? Nachdem Russel Reynolds die Gruppe von Long-Term CEOs identifiziert hatte, wurden ihre Profile auf gemeinsame Eigenschaften überprüft und mit denen anderer Vorstände verglichen.

"Es gibt ein klares Muster"

Der Executive-Search-Spezialist kooperiert dabei eng mit Hogan, dem führenden Anbieter psychometrischer Eignungstests. Die systematische Analyse brachte Gemeinsamkeiten hervor, die der Personaldienstleister in der Studie "Creating Sustained Value – Finding and Supporting Long-Term CEOs" beschreibt: Überzeugungskraft, ein guter Blick auf die Strategie, Tatendrang und Kommunikationstalent. Zweifelsohne sind diese Eigenschaften bei CEOs insgesamt weit verbreitet. Doch bei der Spitzengruppe seien sie noch ausgeprägter, erläutert Tomkos. "Es gibt ein klares Muster."

Wesentlich hängt ihr Erfolg mit der Befähigung zusammen, strategisch und visionär zu denken. Sie sind in der Lage, die Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Das sei die Basis dafür, mit Unsicherheiten umzugehen, also der zunehmenden Volatilität im Markt. Es zeichne sie aus, dass sie eine Situation, die auf den ersten Blick problematisch erscheint, aus einer anderen Perspektive betrachten können und so neue Chancen erkennen. Wer darin geübt ist, weil er Unsicherheit bereits erfolgreich bewältigt hat, bleibe handlungsfähig.

Die Fähigkeit, Menschen zu überzeugen und zu begeistern, mache ebenfalls einen entscheidenden Unterschied aus. Denn auch ein Long-Term CEO wird ja im Tagesgeschäft an Quartalszahlen gemessen. Dann muss er in der Lage sein, zu erklären, warum eine Strategie langfristig sinnvoll ist, selbst wenn sie kurzfristig nichts bringt. Das ist die Stunde der Kommunikationstalente. Für reine Strategen hingegen sei eine solche Situation oftmals eine Falle. "Die Strategie mag noch so toll sein, wenn man die anderen nicht mitreißen kann und sie die Idee vielleicht nicht einmal verstehen, werden sie das Konzept nicht unterstützen", weiß Tomkos.

Jeff Bezos als Vorzeigebeispiel

Wie das geht, habe kaum jemand besser gezeigt als Jeff Bezos: Obwohl Amazon extrem lange unter Break Even gewirtschaftet hat, ist es ihm gelungen, dass Investoren an seine Idee geglaubt haben. Geschickte Kommunikation hat ihnen das Vertrauen gegeben, dass ihr Geld gut investiert ist.

Darüber hinaus gibt es bei den Long-Term-Chefs Vorzüge, die sich in ihrem Werdegang zeigen: Sie haben im Schnitt mehr unterschiedliche Funktionen verantwortet und internationaler gearbeitet und sind üblicherweise länger im Amt als der Durchschnitt. Zudem ist in ihren Lebensläufen eine unternehmerische Phase oder ein kompletter Neustart erkennbar. "Wer einmal raus geht und etwas ganz Neues wagt, zeichnet sich durch großes Zutrauen zu sich selbst aus", beschreibt der Headhunter, wie sich selbst bei einem vermeintlichen Scheitern persönliche Stärken zeigen können.

Bemerkenswert sei zudem die unorthodoxe Zusammenstellung ihrer Teams. Tomkos bewertet dies als Folge perspektivischen Denkens. Hier zeige sich ihre Fähigkeit, über die aktuellen Gegebenheiten weit hinaus denken zu können. Die Fragestellung dahinter laute "Was brauche ich in zwei oder fünf Jahren, wenn ich ein bestimmtes Ziel erreichen will? Wie kann ich mit der Digitalisierung, ganz neuen Wettbewerbern oder Konsumententrends umgehen?"

Netzwerker im Vorteil

Für die Antworten brauche man Menschen im Team, die diese sich wandelnde Welt verstehen und neuen Input liefern können. Im üblichen Netzwerk eines Managers sind solche Typen oftmals gar nicht vorhanden. Also brauche ein Top-Entscheider mit Weitblick die Fähigkeit, Charaktere ins Team zu holen, die ganz anders ticken, vielleicht aus einer anderen Branche kommen. Netzwerker, die ein Händchen dafür haben, Beziehungen aufzubauen, kommen hier weiter. "Ein guter CEO bringt Menschen mit den richtigen Kompetenzen zusammen und sorgt dafür, dass diese unterschiedlichen Charaktere sich im Team wohlfühlen und ihre Stärken einsetzen."

Möglicherweise reiche es auch nicht aus, einen einzelnen solchen Menschen zu rekrutieren. Denn es kann sein, dass er ein Exot bleibt, sich nicht wohl fühlt. Wenn aber gleich mehrere ungewohnte Charaktere ins Top-Management integriert werden, fühlt sich das für alle anderen womöglich wie eine Revolution an. "Das ist ein Balanceakt, der viel Mut und Durchhaltevermögen erfordert", weiß Tomkos. "Das ist nicht einfach."

Und wo findet man diese seltenen Exemplare wirklich langfristig denkender Top-Manager? Bei Russel Reynolds ist man überzeugt, durch die vorliegende Analyse gemeinsamer Charakter- und Karriereeigenschaften nun die Möglichkeit zu haben, unter den Kandidaten, die für eine Top-Position infrage kommen, gezielt solche Persönlichkeiten selektieren zu können – natürlich nur, wenn dies vom Board gewünscht ist. Denn letztendlich stellt sich auch bei Aufsichtsräten oder Eigentümern die Frage, ob sie eher kurz- oder langfristige Ziele verfolgen.

Rotation bei Russel Reynolds

Menschenkenner: Thomas Tomkos
Thomas Tomkos stand sieben Jahre lang an der Spitze von Russel Reynolds. Er hat das Deutschlandgeschäft der Personalberatung als Country Manager verantwortet. Aktuell wird er durch Ulrike Wieduwilt abgelöst. Die turnusmäßige Rotation ist Bestandteil der Unternehmensphilosophie des unabhängigen Executive-Search-Spezialisten. Tomkos agiert ab sofort wieder verstärkt auf operativer Seite mit schwerpunktmäßiger Besetzung von Aufsichtsräten in deutschen und eruopäischen Konzernen sowie Familienunternehmen.

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