Bewertungsplattformen Mehr Transparenz am Arbeitsmarkt

von Redaktion LZ
Freitag, 23. Januar 2015
Entscheidung mit Tragweite: Entspricht die Realität den Erwartungen an einen Job? Bewerber wollen vorab etwas über das Unternehmen wissen, bei dem sie anheuern.
FotoS: Picture alliance / Keystone; Screenshots
Entscheidung mit Tragweite: Entspricht die Realität den Erwartungen an einen Job? Bewerber wollen vorab etwas über das Unternehmen wissen, bei dem sie anheuern.
Neue und bereits etablierte Social-Media-Tools treiben die Machtverschiebung zwischen Bewerbern und Arbeitgebern voran. Bewertungen und Gehaltsangaben ermöglichen tiefe Einblicke. Als neuer Player ist Glassdoor am Markt.
Mit dem Start der Arbeitgeber-Bewertungsplattform Glassdoor in Deutschland vergangene Woche gewinnt das Thema Transparenz am Arbeitsmarkt weiter an Fahrt.

Denn die Amerikaner gelten nicht nur als weltweit bedeutendste Website dieser Art, mit Angeboten für Großbritannien, Kanada, Australien, Indien, USA und Frankreich. Sie sind auch finanziell gut ausgestattet.

Anfang des Jahres flossen 70 Mio. Dollar Risikokapital auf die Konten der Website, die nun mit 160 Millionen für den Marktausbau gewappnet sein soll.

Markteintritt: Die internationale Bewertungsplattform Glassdoor.
Besondere Aufmerksamkeit bekommt Glassdoor, weil dort konkrete Gehälter genannt werden – anonym natürlich. Durch das Prinzip "Give-to-get" wird ein kontinuierlicher Informationszuwachs gesichert. Denn nur wer selbst sein Gehalt preisgibt, wahlweise Fotos von seinem Arbeitsplatz hochlädt oder diesen bewertet, hat dauerhaft Zugriff auf den Datenschatz und kann sich kostenlos über potenzielle Arbeitgeber schlau machen.

Zum Start hält Glassdoor 30.000 Berichte, Gehaltsangaben und Fotos zu 6.500 Unternehmen parat. Diese stammen allerdings von Mitarbeitern aus aller Welt, deren Company es auch hierzulande gibt. Die Berichte wurden größtenteils aus dem Englischen übersetzt.

Kununu-Chef bleibt gelassen

Bei dem wichtigsten deutschsprachigen Arbeitsplatzbewerter Kununu schaut man dem neuen Wettbewerber gelassen entgegen: "Gemeinsam mit unserem Mutter-Unternehmen Xing ist Kununu die unangefochtene Nummer eins bei der Darstellung von Firmenportraits", sagt Geschäftsführer Florian Mann und verweist auf einen Vorsprung von rund acht Jahren und 753.000 Erfahrungsberichte von Mitarbeitern aus 187.000 Unternehmen.

Die Einbindung der Bewertungen in Unternehmensprofile bei Xing befruchte beide Portale. Premium-Mitglieder haben zudem die Möglichkeit, direkt Kontakt mit einem Mitarbeiter aufzunehmen, nachdem sie die Bewertung eines Unternehmens gelesen haben.

Marktausbau: Das Karriereportal Xing erweitert die Karriere-Features.
"Wir arbeiten auf Hochtouren an neuen Features für User und Unternehmenskunden", versichert Mann. Dabei soll es unter anderem darum gehen, die persönlichen Präferenzen der Informationssuchenden stärker mit den Anforderungen und Angeboten der Unternehmen abzugleichen.

Auch an einer "intelligenten Verknüpfung" verschiedener HR-Tools für das Recruiting, Talent-Management und Personalmarketing mit den Arbeitgeberbewertungen werde gefeilt.

Portale beeinflussen Job-Entscheidung

"Für Jobsuchende spielt die Bewertung potenzieller Arbeitgeber im Internet inzwischen eine große Rolle: Bei einer Online-Umfrage des Hightech-Verbands Bitkom gaben im vergangenen Herbst drei von zehn Teilnehmern an, sich auf Arbeitgeber-Bewertungsplattformen gezielt über Unternehmen als Arbeitgeber informiert zu haben.

Zwei Drittel ließen sich bei ihrer Entscheidung beeinflussen. 40 Prozent haben aufgrund dieser Einblicke davon Abstand genommen, die Stelle zu wechseln. "Erfahrungsberichte prägen die Identität des Arbeitgebers stark mit", ist Kununu-Chef Mann überzeugt. "Je nachdem, welches Gesamtbild sich ergibt, wird ein Bewerber dieser oder einen anderen Firma den Vorzug geben."

Während die großen Plattformen auf Anonymität setzen, will das junge Video-Portal "Whatchado" ausdrücklich die Menschen zeigen, die ein Statement zu ihrem Job abgeben.

Die Idee dahinter ist, Jugendliche bei der Berufsorientierung zu unterstützen. Nachdem diese ein paar Fragen beantwortet haben, können sie die Stories von "ähnlich tickenden" Beschäftigten ansehen.

Nicht suchen - sondern gefunden werden

Für Suchende, die lieber gefunden werden wollen, bietet Xing seit Oktober den Service "Pro Jobs" an. Er verspricht "maximale Sichtbarkeit bei 3.000 Rekrutern und exklusiven Zugang zu Stellen von Headhuntern ab 50.000 Euro. Die eigenen Vorgesetzten sollen davon allerdings ausgeschlossen sein.
 
Einen ähnlichen Weg geht das neue IT-Portal "4Scotty": Dort können sich Arbeitgeber bei IT-Spezialisten bewerben. Spezielle Filter schützen die begehrten Experten vor ungewollten Angeboten.

Und wenn sie ein Angebot annehmen, entspreche dies der direkten Einladung zum Vorstellungsgespräch, erklären die Gründer. Ein weiterer Anreiz: Bei erfolgreicher Vermittlung erhalten die Kandidaten von 4Scotty ein Startgeld von mehr als 1.000 Euro.

Facebook dagegen fokussiert mit der neuen Anwendung "Facebook at work" nicht den Recruiting- oder Employer-Branding-Markt: Der neue Dienst, der erst von einigen Unternehmen getestet wird, soll vielmehr die eigenen Mitarbeiter einer Organisation miteinander vernetzen.
 
Sonja Perry , Product Manager Glassdoor Deutschland
Glassdoor

"Wir wollen wichtigste Plattform werden"

Frau Perry, welche Ziele verfolgen Sie in Deutschland?
Den Fokus legen wir auf das Wachstum der Glassdoor-Community in Deutschland. Letztlich ist es unser Ziel, die wichtigste Job- und Karriereplattform in allen Märkten zu sein.

Was bieten Sie Arbeitgebern?
Diese können ein kostenloses Profil mit Basisinfos und Fotos einrichten. Sie können ihre Unternehmensbewertungen und Gehaltsübersicht ansehen und darauf reagieren. Es ist möglich, Analysen abzufragen und Informationen über potenzielle Bewerber einzusehen.

Und womit verdienen Sie Geld?
Wir verdienen unser Geld vor allem mit Abonnement-basierten Services für Arbeitgeber. Wir listen Jobangebote, bieten Employer-Branding-Tools und Display-Werbung. Allerdings ist der Service "Glassdoor für Arbeitgeber" hierzulande noch nicht verfügbar.

(S. Biester)

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