Chinesen wollen ihre Chefs glücklich machen

von Judit Hillemeyer
Samstag, 21. Mai 2005
Harald Fraszczak
Harald Fraszczak
Frisch auf den Tisch. Lebende Schildkröten und Frösche offeriert Metro ihren chinesischen Kunden. Andere Länder, andere Sitten. Auf diese Bedürfnisse mussten sich sechs internationale Manager einstellen.



Sie steuern neunzehn Cash+Carry-Märkte der Düsseldorfer Metro Group in China. Einer davon ist der Deutsche Harald Fraszczak. Der 43-Jährige lebt seit eineinhalb Jahren mit seiner Frau in Shanghai - mit großer Begeisterung, trotz manchen Hürdenlaufs.

Öffentliches Ausspucken findet sich im Land der Mitte ebenso wie verwirrende Höflichkeit - ein Kopfnicken bedeutet nicht immer ein Ja. Harald Fraszczak weiß, "Chinesen handeln und denken anders", und fügt hinzu, "ich bin nicht in Deutschland, und Chinesen mögen sicher auch Sachen an mir nicht".

Diese Einstellung prädestiniert ihn für China. Neben fachlichen Qualifikationen bringt er soziale Kompetenzen mit, die ein Auslandsaufenthalt erfordert: Frustrationstoleranz, Offenheit, Kontaktfreudigkeit und Flexibilität. "Man braucht eine Stehaufmännchen-Mentalität", und diese wird tagtäglich aufs Neue gefordert.

"Wir haben ein international identisches Geschäftsprinzip, nämlich Ware an Großverbraucher und Geschäftskunden wie Restaurants, Händler, Kantinen und Institutionen zu verkaufen. Doch die Bedürfnisse der Kunden sind in jedem Land anders.

So müssen Sortimente und Kundenansprache angepasst werden. "Dabei machen wir auch Fehler, aus denen wir dann lernen", räumt er ein.

So liebt der Chinese schlachtwarmes Fleisch, bevorzugt den Kauf von Lebendvieh und prüft befühlend präsentierte Ware. "Deshalb wird häufig die Verpackung aufgerissen. Das ist für uns kein sehr angenehmes Verhalten, weil der nächste Kunde die Ware schon nicht mehr kauft."

Die Konsequenz: Gründung eines speziellen Teams, das diese Ware wieder verpackt und mit dem entsprechenden EAN-Code versieht.

Es ist vorgekommen, dass ein Kunde schlachtwarme Schweinehälften orderte. "Wer keine Kühlmöglichkeit hat, kann nur daran erkennen, ob es wirklich frisch geschlachtet worden ist."

Natürlich wird bei Metro Fleisch allein aus hygienischen Gründen umgehend gekühlt. Doch eine gekühlte Logistikkette musste erst einmal aufgebaut werden. "Wir frieren heute die Ware auf minus 15 Grad", sagt Harald Fraszczak, wohlwissend, dass das in Deutschland, wo minus 28 Grad den Status quo bilden, ein Skandal wäre.

Aufbau einer Logistikkette

Für ihn ist das ein erster Erfolg. "Zuvor wurde uns Ware mit einer Kerntemperatur von plus zehn Grad angeliefert." Nach entsprechenden "Hinweisen" haben sich die Lieferanten umgestellt, "denn sie wissen, dass sie mit uns wachsen können und sind deshalb auch bereit, zu lernen und zu investieren."

Das alles braucht Überzeugungsarbeit, und diese findet in Englisch statt. Harald Fraszczak, der seit 1992 bei Metro arbeitet, hat sein Schulenglisch mit Privatunterricht und einem Intensivtraining in England aufpoliert.

"Doch am meisten lernt man, wenn man ins kalte Wasser geworfen wird", sprich: im Ausland arbeitet. Englisch sprechen außerdem die Store-Manager und die angegliederten Bereichsleiter. "Bei Einstellungen achten wir darauf, dass das Personal ein ausbaufähiges Englisch mitbringt."

Mitarbeiter unter dieser Ebene müssen jedoch das Angelsächsische nicht beherrschen.

Kommunikation ist mehr als gesprochene Sprache. Harald Fraszczak hat sein Führungsverhalten zurückgenommen, weil Chinesen ungern widersprechen. "Sie wollen an erster Stelle den Chef glücklich machen."

Mag das in den Ohren so mancher hier zu Lande paradiesisch klingen, der Metro-Geschäftsführer fordert den kritischen Blick auf den Vorgesetzten. Kulturelle Unterschiede im Management#/ZT# Deshalb hält er seine Meinung immer bis zum Schluss zurück. Engagierte Mitarbeiter werden gefördert. So hat es beispielsweise eine Kassiererin bis zur Store-Managerin gebracht.

Zu kulturellen Unterschieden kommt es auch innerhalb der sechsköpfigen Führungsriege, die für Metro in China aktiv ist. Sie setzt sich aus zwei Deutschen, einem Franzosen, Italiener, Chinesen und einem Singapurer zusammen.

"Ich bin als Deutscher eher überpünktlich, aber mein italienischer Kollege hat ein ganz anderes Zeitverständnis." Mit Humor finden sie alle immer wieder zusammen. "Man darf eben nicht auf den deutschen, den italienischen oder den französischen Geist pochen", so Fraszczak.

Diese Toleranz braucht man auch bei den regelmäßigen Videokonferenzen, die selbstredend in Englisch stattfinden.

Auslandserfahrungen hat der Geschäftsführer bereits gesammelt. Der ehemalige Aldi-Manager arbeitete zwei Jahre lang für Metro in Tschechien und der Slowakei und unterstützte zuvor von Deutschland aus die Expansion in Polen und der Türkei.

Er hofft, dass China nicht sein letzter Auslandsaufenthalt für Metro sein wird. Vorerst wird er dort bleiben. Höflichkeitsfloskeln tauscht er bereits in chinesisch aus. "Auch wenn das gelegentlich zu völligen Missverständnissen führt, werden meine Bemühungen gewürdigt." (juh)

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