Migros erlaubt das Kopftuch im Einzelfall

von Judit Hillemeyer
Freitag, 26. November 2004
Der Islam - ein übergreifendes Thema, das auch den Einzelhandel erreicht hat. Migros hat auf offizielle Anfrage einer Mitarbeiterin hin entschieden: Sie darf während der Arbeitszeit ein Kopftuch auf der Verkaufsfläche tragen. Eine allgemeine Erlaubnis soll daraus nicht abgeleitet werden.



Das Schweizer Handelsunternehmen Migros, Basel, hat sich für kein generelles Kopftuchverbot auf den Verkaufsflächen ausgesprochen.

Die Personal-Verantwortlichen sind zu dem Entschluss gekommen, "dass in der Kopftuchfrage kein genereller Entscheid getroffen werden könne, sondern jeder Fall einzeln unter Berücksichtigung der besonderen Situation vor Ort zu beurteilen ist".

Anlass für diese Entscheidung war die Anfrage einer muslimischen Mitarbeiterin im Oktober diesen Jahres, die am Arbeitsplatz ihr Kopftuch tragen möchte. Dem Wunsch wurde nun entsprochen. Die Angestellte arbeitet als Regalauffüllerin in einem Züricher Markt.

Der Fall hat in der Schweiz großes Medieninteresse geweckt. In TV-Umfragen haben sich mehr als 80 Prozent der Bürger für ein Verbot des Kopftuches ausgesprochen. "Die Schweizer verbinden das Kopftuch undifferenziert mit Islam und Terror", sagte ein Migros-Sprecher.

Gesellschaftspolitik

Im Fokus stehe das Kopftuch, während ein indischer Angestellter, der ebenfalls bei Migros auf der Verkaufsfläche arbeitet, von den Kunden völlig unbeanstandet seinen Turban trage.

Eigentlich sei der Einzelhandel kaum die richtige Adresse für gesellschaftspolitische Fragen, so der Migros-Sprecher. Nun sei man aber durch die konkrete Anfrage aufgefordert worden, Stellung zu beziehen. Mit der offenen Entscheidung des Unternehmens "wollen wir ein Zeichen setzen und unsere Gesprächsbereitschaft signalisieren".

Ähnlich liberal hält es der deutsche Einzelhandel. Dass Musliminnen ein Kopftuch während der Arbeitzeit tragen, ist eher die Ausnahme, berichtet die Edeka-Unternehmenssprecherin. So arbeitet zum Beispiel eine Angestellte mit Kopftuch in der Obst- und Gemüseabteilung eines selbstständigen Edeka-Händlers.

Die Entscheidung treffe der Unternehmer beziehungsweise der Verkaufs- oder Bezirkleiter unter Berücksichtigung von Umfeld, Zielgruppe und Standort des Marktes.

Eine offizielle Konzernregelung gibt es auch bei Metro nicht. Entscheidungen werden vom Markt- beziehungsweise Filialleiter getroffen. Und bei Rewe heißt es: "Wenn eine Mitarbeiterin auf das Unternehmen mit dem Wunsch zukommt, am Arbeitsplatz ein Kopftuch zu tragen, so wird dies im Einzelfall konstruktiv geprüft und entschieden."

Insgesamt gelte es, "die Interessen der Kundinnen und Kunden, der Mitarbeiter und des Arbeitgebers abzuwägen", meint Migros. Bei einer Kassiererin müssten verschiedene Umstände geprüft werden: Grundsätzlich käme nur ein Markt mit großer Kassenlinie in Frage.

So könnten sich Kunden "für oder gegen das Kopftuch" entscheiden, sagt der Migros-Sprecher. Auf Wahlmöglichkeiten in der Kassenzone setzt das Unternehmen schon lange. So können sich Kunden zwischen Kassen mit und ohne Quengelware (Süßigkeiten) entscheiden.

Es gibt jedoch Umstände, formuliert der Migros-Sprecher, die eindeutig gegen das Tragen eines Kopftuches sprechen. Je nach Arbeitsplatz sind Vorschriften wie etwa Hygiene oder Arbeitsplatzsicherheit sowie der Schutz der Mitarbeiterinnen vor verbalen oder physischen Attacken zu berücksichtigen.

(juh)

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