Vergütung Mindestlohn für viele Praktikanten

von Redaktion LZ
Freitag, 04. April 2014
Mehr als kopieren und kaffeekochen: Im Praktikum lernen junge Leute Unternehmen und Abläufe im Alltag kennen – ein wichtiger Baustein für den gelungenen Start in den Beruf.
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Mehr als kopieren und kaffeekochen: Im Praktikum lernen junge Leute Unternehmen und Abläufe im Alltag kennen – ein wichtiger Baustein für den gelungenen Start in den Beruf.
LZnet. Der Gesetzentwurf zum Mindestlohn, der am Mittwoch dieser Woche vom Bundeskabinett verabschiedet wurde, verunsichert die Branche. Ein wesentlicher Kritikpunkt: Freiwillige Praktika von mehr als sechs Wochen Dauer sollen nicht zu den Ausnahmen zählen. Das dürfte es Studenten deutlich erschweren, die von Arbeitgebern erwartete Berufserfahrung vor ihrem Einstieg in den Job zu sammeln.
Der Teufel steckt wie so oft im Detail: Zwar sieht der Entwurf zum Mindestlohngesetz vor, dass Praktikanten ausgenommen werden sollen. Allerdings nur solche, die "ein Praktikum verpflichtend im Rahmen einer Schul-, Ausbildungs- oder Studienordnung leisten". Auch Kurzzeiteinsätze in den Unternehmen von bis zu sechs Wochen sind als Ausnahme vorgesehen.

Viele Arbeitgeber in Handel und Industrie setzen bei ihren Nachwuchsführungskräften jedoch voraus, dass diese schon vor Beginn eines Traineeprogramms oder dem Direkteinstieg fundierte erste Erfahrungen im Unternehmen oder der Branche gemacht haben. Sie erwarten dabei keine Schnupperkurse, sondern Einsätze von mehreren Monaten bis zu einem halben Jahr.

"Aus unserer Sicht ist es für einen erfolgreichen Berufseinstieg ratsam, mehr als nur ein Pflichtpraktikum zu absolvieren und sich verschiedene Funktionen und Unternehmen anzusehen", heißt es etwa von Mondelez International. Das Unternehmen beschäftigt in der Verwaltung und in den Werken etwa 170 Praktikanten im Jahr, ein Drittel davon absolviert Pflichtpraktika.

Praktika ebnen den Weg ins Unternehmen

Für Alexandra Heinrichs, HR-Direktorin Marketing & Sales DACH bei Unilever, sind Praktika ein "absolutes Must have" für den Einstieg von Jungakademikern ins Unternehmen – ganz gleich ob als Trainee oder per Direkteinstieg – und "wichtiger als Noten".

150 Plätze werden deutschlandweit in den Werken und der Zentrale in Hamburg jährlich angeboten. "Im Marketing zum Beispiel haben wir überwiegend freiwillige Praktikanten", berichtet Heinrichs. Die Einsätze der jungen Leute dauern drei bis sechs Monate.

Gerade größere Unternehmen zahlen den Nachwuchskräften in Spe dafür Aufwandsentschädigungen von mehreren hundert Euro im Monat. Bei Mondelez sind es "je nach Standort und Dauer 700 bis 970 Euro". Unilever vergütet sozialversicherungsfreie Pflichtpraktika mit 800 Euro, sozialversicherungspflichtige freiwillige Praktika mit 1.000 Euro im Monat.

Einsätze zwischen drei und sechs Monaten

Der Hersteller hat bereits ausgerechnet, was die neue Gesetzgebung zum Mindestlohn bedeuten würde: Auf Basis von 165 Arbeitsstunden im Monat bekämen freiwillige Praktikanten dann 1.402 Euro brutto.

"Das hat natürlich Auswirkungen auf die Budgetplanung", stellt Heinrichs fest. Die Zahl der Praktikumsplätze deshalb zu reduzieren oder deren Dauer auf maximal sechs Wochen zu begrenzen, ist für Unilever jedoch keine Alternative. "Praktika sind extrem wichtig, sowohl für die Persönlichkeitsbildung als auch das Erlernen von Problemlösungskompetenz", sagt die HR-Managerin.

Für jeden Praktikanten stelle das Unternehmen ein eigenes, definiertes Projekt zur Verfügung, intensive Betreuung im Fachbereich inklusive. "Das ist für uns eine Investition, mit der wir uns auch als Arbeitgeber attraktiv präsentieren", so Heinrichs.

Eigene Projekte und intensive Betreuung

"Wenn man davon ausgeht, dass ein Praktikant vor allen Dingen Einblicke erhalten und Dinge lernen soll, findet ich das Thema Mindestlohn überdenkenswert", merkt die Personalerin zur aktuellen Diskussion um das Gesetz kritisch an. Schließlich finde dabei keine normale operative Tätigkeit im Rahmen einer festen Stelle statt.

Ein Praktikant könne in seinen drei bis sechs Monaten keinen nachhaltigen, den Unternehmenserfolg stützenden Beitrag vergleichbar mit einem fester Mitarbeiter leisten. Und er besetze keinen vorhandenen, sondern einen zusätzlichen Arbeitsplatz in einer Abteilung.

Verbände beobachten Entwicklung mit Sorge

Auch die Verbände beobachten die Entwicklung beim Mindestlohn mit Sorge. So fordern die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft die Koalition auf, den Gesetzentwurf zu ändern. "Praktika, die nur zur beruflichen Orientierung dienen, müssen vom Mindestlohn ausgenommen werden", sagt Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer.

"Würden freiwillige Praktika wie Arbeitsverhältnisse behandelt, würden viele Unternehmen sie künftig nicht mehr anbieten", befürchtet Stifterverbandspräsident Andreas Barner. Dies sei fatal, denn nur gut jeder vierte Bachelor-Studierende an Universitäten fälle ein positives Urteil über die Praxisbezüge im Studium. Viele kompensieren diese Defizite durch freiwillige Praktika. "Deren Einbeziehung in die Mindestlohnregelung würde der Praxisorientierung von Hochschulbildung schaden", ist Barner überzeugt.

Beschränkung auf sechs Wochen wenig sinnvoll

"Orientierungspraktika müssen unabhängig von einer ausbildungsbiografischen Einbettung und bis zu sechs Monaten ohne Mindestlohn möglich bleiben", schließt sich die Arbeitgebervereinigung Nahrung und Genuss (ANG) dem Protest an. Eine Beschränkung auf sechs Wochen sei nicht sinnvoll.

"Zum einen kann ein echter Eindruck von der Tätigkeit häufig erst nach einigen Wochen und Monaten entstehen, zum anderen lohnt sich der Aufwand für das Unternehmen hinsichtlich Unterweisung, Einrichtung des Praktikantenplatzes etc. oft nicht für nur sechs Wochen", so der Branchenverband.

Über das Gesetz muss nun der Bundestag beraten. Geplant ist, es bis zur Sommerpause zu verabschieden, so dass der gesetzliche Mindestlohn zum 1. Januar 2015 eingeführt werden kann.

 

 

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