Mitarbeiter 4.0 Automatisierung gefährdet Handelsberufe

von Julia Wittenhagen
Freitag, 21. April 2017
Eva Stüber: Bildung kann Jobs sichern, ist die Überzeugung der Leiterin Research und Consulting am IFH Köln. Sie beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Cross-Channel-Management sowie Digitalisierung im Handel und Innovationen.
Eva Stüber: Bildung kann Jobs sichern, ist die Überzeugung der Leiterin Research und Consulting am IFH Köln. Sie beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Cross-Channel-Management sowie Digitalisierung im Handel und Innovationen.
Das Institut für Handelsforschung hat untersucht, inwieweit Digitalisierung im Handel angekommen ist und welche Auswirkung sie auf Jobprofile und Effizienzgewinne hat. Titel der Studie: "Shift happens". Forschungsleiterin Eva Stüber zu kritischen Punkten.

Frau Stüber, die Studie zeigt, dass in Handelsberufen 70 ProNews/Handelzent der Positionen eine Automatisierungswahrscheinlichkeit haben. Besonders betroffen sind Logistik und Administration. Was heißt das konkret für die Mitarbeiter?

Die Auswirkungen der Digitalisierung werden vielerorts noch unterschätzt. Anhand der Automatisierungswahrscheinlichkeiten auf Berufsgruppenebene sehen wir aber sehr deutlich, wie umwälzend die Auswirkungen der Digitalisierung sein können – und darauf ist keiner vorbereitet, auch nicht in anderen Branchen. Dabei heißt eine hohe Automatisierungswahrscheinlichkeit nicht automatisch, dass eben diese Stellen wegfallen – zunächst müssen die Unternehmen auch auf die Technologien setzen, die eine Automatisierung ermöglichen. Was wir jedoch klar sagen können: Vor allem Jobs mit geringerem Qualifikationsniveau werden sehr schnell wegfallen und durch Technologie ersetzt. Für Mitarbeiter bedeutet dies, dass Bildung und Wissen essentiell sind, um den Job zu sichern. Unsere gesamte Gesellschaft muss sich auf diese Entwicklung schnell einstellen.



Seit 2011 sind alte Jobprofile weggefallen und neue entstanden. Was heißt das für die Zahl der Mitarbeiter?

Es sind erst acht Prozent der Jobprofile weggefallen – Unternehmen stehen nach unserer Erkenntnis auf dem Weg der Digitalisierung noch am Anfang. Gleichzeitig sind 30 Prozent neue Jobprofile in den Unternehmen zu finden. Von den bestehenden Profilen haben sich 60 Prozent gewandelt – wer sich als Mitarbeiter nicht fortlaufend weiterentwickelt, wird diese Entwicklung nicht mitgehen können.

Die Studie zeigt, dass die Hoffnungen auf digitale Transformation umso größer sind, je niedriger der derzeitige digitale Reifegrad der Unternehmen ist. Woran liegt es, dass nur 26 Prozent der reifen Unternehmen eine höhere Arbeitseffizienz bestätigen können?

Als potenzieller Wirkungsbereich der digitalen Transformation wird oftmals die Arbeitseffizienz am stärksten fokussiert. In Wirklichkeit liegen die größten Chancen in der digitalen Transformation zum Kunden hin. Im Fokus sollte also primär stehen, welche Mehrwerte ein Unternehmen seinen Kunden durch die Digitalisierung liefern kann.

Das digitale Know-how wird noch als sehr gering eingeschätzt, interne Weiterbildung und Rekrutierung gelten als die besten "Aufhol-Maßnahmen". Was sind überhaupt Digitalkompetenzen?

Die Digitalisierung erfordert nicht nur neues Wissen zu Technologien, sondern auch zu Prozessen, Strategien und Geschäftsmodellen – und dies in einer enormen Geschwindigkeit. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, brauchen Mitarbeiter Digitalkompetenzen. Dazu gehören die grundsätzliche digitale Bereitschaft (Know-how, Interesse an Technologien), die Interaktionsbereitschaft (wie Bereitschaft, vom Kunden her zu denken) und vor allem die Bereitschaft zum Wandel (Lernbereitschaft, Veränderungswille, radikale Veränderungen durchsetzen). Auch bei Führungskräften sind solche Digitalkompetenzen gefragt, beispielsweise die Bereitschaft, abseits etablierter Hierarchien zu arbeiten. Digitalkompetenzen sind somit Kompetenzen zum Überleben in einer dynamischen Hochgeschwindigkeitswelt.

Unternehmen halten den Veränderungswillen ihrer Mitarbeiter im Moment für wichtiger als digitales Know-how. Was sollen sie tun, wenn gerade Führungskräfte ihn vermissen lassen?

Ob ein Unternehmen zukünftig am Markt noch Bedeutung hat oder verschwinden wird, entscheidet sich insbesondere durch seine Führungskräfte: Ohne digitale Fahnenträger geht es nicht! Bei ihrem Voranschreiten müssen sie auch Skeptiker überzeugen und zwischen verschiedenen Interessen und Experten vermitteln können. Dazu gehört Risikobereitschaft und das Durchsetzen von radikalen Veränderungen. Dies sollte im Fokus stehen, statt sich von "Bremsern" aufhalten zu lassen.

In loser Folge beleuchtet die neue Serie Mitarbeiter 4.0 die Digitalisierung aus Mitarbeitersicht.
LZ
In loser Folge beleuchtet die neue Serie Mitarbeiter 4.0 die Digitalisierung aus Mitarbeitersicht.

Schlagworte zu diesem Artikel:

Sie haben Fragen oder Anmerkungen zu diesem Artikel?
Schicken Sie eine Email an die Redaktion.

Hier können Sie die Nutzungsrechte an diesem Artikel erwerben.

Meistgelesen

stats