Mitarbeiter 4.0 Betriebsräte vor neuen Aufgaben

von Julia Wittenhagen
Freitag, 07. April 2017
Melanie Frerichs: Zuständig für Grundsatzpolitik in der NGG-Hauptverwaltung. Zuvor war Mitbestimmung und Gute Arbeit bei der Hans-Böckler-Stiftung ihr Thema.
Melanie Frerichs: Zuständig für Grundsatzpolitik in der NGG-Hauptverwaltung. Zuvor war Mitbestimmung und Gute Arbeit bei der Hans-Böckler-Stiftung ihr Thema.
Beschäftigte der Ernährungsindustrie arbeiten nicht nur besonders häufig nachts und am Wochenende, sie haben auch weniger Einfluss auf die Gestaltung der Arbeitszeit als in anderen Branchen, zeigen Umfragen des DGB. Die Hoffnung auf neue Freiräume durch Digitalisierung ist also besonders groß - obwohl die gefühlte Belastung steigt. Wie positioniert sich die Gewerkschaft NGG in einer Zeit, in der Arbeitnehmer auf mehr Selbstbestimmung hoffen?

Frau Frerichs, wie gut sind die Arbeitnehmervertreter am Scheideweg zwischen Selbstausbeutung und Selbstbestimmung dafür gewappnet, Mitarbeiter vor negativen Auswirkungen der Arbeit 4.0 zu schützen? Was sind für sie die wichtigsten Punkte?

Die Arbeitgeber der Lebensmittelindustrie haben so unterschiedliche Digitalisierungsgrade, dass ich zu den Betriebsräten keine Gesamtaussage treffen kann. Wir kennen aber die Topthemen neuer Betriebsvereinbarungen: Datenschutz, Arbeitszeit(-konten) sowie Arbeits- und Gesundheitsschutz. Digitalisierung als eigenständiges Thema steht nicht auf der Liste. Doch die genannten Top 3 lassen sich davon ableiten.

Umfragen zeigen, dass Mitarbeiter mit Digitalisierung mehr Stress verbinden. Die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen, die seit 2013 im Arbeitsschutzgesetz explizit aufgeführt ist, gilt aber als diffizil in der Anwendung, oder?

Ja, Studien zeigen, dass nur 24 Prozent der Betriebe sie umsetzen. Da sehen wir Defizite, denn die steigende psychische Belastung ist ein hochrelevantes Thema. Im Grunde sind alle Akteure unzureichend geschult: Mitarbeiter trauen sich oft nicht zu sagen, ab wann sie sich überlastet fühlen, Personalabteilungen haben keinen Einblick in die Arbeitsvolumina der einzelnen Beschäftigten und Betriebsräte sind auf Rückmeldungen angewiesen. Hinzu kommt: Nicht jeder Betrieb hat Betriebsräte.

Melanie Frerichs von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) hielt vor fünf Jahren ihren ersten Vortrag vor Betriebsräten zum Thema, was die Digitalisierung für Arbeitnehmer bedeuten kann. Ob es Evolution oder Revolution sei, darüber werde ja bis heute diskutiert, sagt sie. 2012 habe es aber noch gar keine praktischen Anwendungen in den Betrieben gegeben. Das habe sich geändert, auch wenn sie die Ernährungsindustrie als sehr heterogen wahrnimmt. Nach Frerichs Beobachtung haben viele kleinere Betriebe in den letzten 10 bis 15 Jahren zu wenig in ihre Modernisierung investiert und werden sich schwer tun, den Anschluss an Industrie 4.0 zu bekommen.

Digitalisierungsfreundliche Mitarbeiter in Kombination mit niedrigem Organisationsgrad und sinkender Tarifbindung machen es schwer, Arbeitnehmerinteressen zu vertreten, oder?

Der Organisationsgrad in unseren Betrieben ist unterschiedlich und nicht generell niedrig. Und Arbeitgeber, die ohne Tarifbindung in den Arbeitgeberverbänden sind, erschweren Tarifverhandlungen. Hinzu kommt die Individualisierung der Interessen als gesamtgesellschaftliche Entwicklung, die in den 1970er Jahren begonnen hat. Mitarbeiter betrachten es als Errungenschaft, immer selbstbestimmter zu arbeiten und mehr Wahlfreiheit zu haben, wann und wo sie arbeiten. Dafür schafft die Digitalisierung die technischen Voraussetzungen. Die Kehrseite ist, dass sie als Beschleunigungstechnologie viele Risiken birgt, vor denen sich einer allein gar nicht schützen kann.

Woher weiß die NGG, wissen Betriebsräte, wofür sie eintreten sollen? Wie flexibel möchten Arbeitnehmer wirklich arbeiten, wie wichtig ist ihnen eine Höchstarbeitszeit pro Tag? Was möchte der Home-Office-Worker?

Für die grundsätzliche Frage, wie man Arbeitnehmer heute kollektiv vertritt, wird Betriebsratsarbeit in Zukunft zwei Wege verfolgen müssen. Der erste: Sie gehen weg von der Stellvertreter- zur Interessenpolitik, gehen also gezielt auf heterogene Interessen ein statt sich als "Beschützer" zu sehen. Der zweite: Betriebsräte sehen sich als Befähiger, die das Individuum stärken und über seine Rechte aufklären.

Können Sie ein Beispiel geben?

Um beim Beispiel flexibler Arbeit/ Home-Office zu bleiben: Höchstarbeitszeiten und Ruhezeiten sind im Gesetz klar geregelt – als Teil des Gesundheitsschutzes. Das sollten Beschäftigte wissen. Arbeiten viele Hochqualifizierte spätabends noch von zu Hause aus, sollte man schauen, ob sie das tun müssen oder damit ihre Zeitgestaltung optimieren. Auf dieser Basis kann man eine Betriebsvereinbarung treffen zum Rahmen der Arbeitszeitflexibilisierung oder Online-Verfügbarkeit. Das ist eine Absprache zwischen Arbeitgeber und Betriebsrat zum Nutzen aller.

Wird Mitbestimmung unmoderner?

Digitalisierte Arbeitgeber, die mit Daten in Echtzeit schnelle Entscheidungen promoten, versuchen gerne, Mitbestimmung als unmodern zu deklarieren. Das ist sie nicht. Technischer Fortschritt wird nicht automatisch zum sozialen Fortschritt. Deshalb kämpfen wir, die Gewerkschaften, Betriebsräte, aber auch die Politik dafür, mit Unternehmen über die Qualität der Arbeit 4.0 zu sprechen, über Qualifikation und ausreichende Personalausstattung.

Zu welchen Themen kommen aus den Betrieben die meisten Fragen?

Ich glaube, Digitalisierung ist bei den Betriebsräten noch nicht auf der Agenda des konkreten Handelns, aber als Topthema der Zukunft erkannt. Die Ernährungsindustrie ist in Teilen bereits sehr automatisiert. Insofern haben alle Parteien Erfahrung mit Modernisierung und sind dafür aufgeschlossen. Einige Themen kommen aus aktuellem Anlass dazu – wie der Datenschutz.

Wie unterstützt die NGG?

Im Mai erscheint unsere Broschüre als Handlungshilfe für Betriebsräte. Wie sich Digitalisierung sozial gestalten lässt, ist glücklicherweise nach der technologischen Sicht in vielen Gremien Thema geworden: So entwickeln in Nordrhein- Westfalen Arbeitsministerium, die Gewerkschaften IG Metall, IG BCE und NGG sowie Betriebe im Projekt "Arbeit 2020" Zukunftsvereinbarungen mit Arbeitgebern. Die Warsteiner Brauerei ist dabei.

Wo holen sich Betriebsräte Input?

Es gibt im Moment jede Menge Forschung, viele Studien und Foren zur Industrie 4.0. Unser Bildungszentrum in Oberjosbach (BZO) bietet Seminare für Betriebsräte an. Die NGG-Regionen geben Hilfestellung und können auf externen Sachverstand der Technologieberatungsstellen vom DGB verweisen. Die Hans-Böckler-Stiftung hält sehr gutes Orientierungswissen bereit. Sie fördert viele Studien, um Zahlen und Fakten aus der Praxis für die Praxis zu gewinnen.

Wie bewerten Sie den Vorstoß des Bundesarbeitsministeriums mit dem Weißbuch Arbeiten 4.0?

Wir haben die professionell geführten Dialogrunden von Andrea Nahles, die Grundlage für das Weißbuch Arbeiten 4.0 waren, sehr begrüßt. Hier werden alle arbeitspolitischen Gestaltungsfelder aufgeführt und aus unserer Sicht die richtigen Prioritäten gesetzt. Es wäre schön, wenn die Politik es beibehielte, bei einer so folgenreichen Transformation für Wirtschaft und Arbeit, alle Interessengruppen zum gegenseitigen Austausch an einen Tisch zu holen. Digitalisierung bietet die Chance, Arbeit besser und gesünder zu gestalten, aber ein Selbstläufer ist das nicht.

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