Mitarbeiter 4.0 "Deutschland sucht einen neuen Job"

von Silke Biester
Freitag, 21. April 2017
Autor und Redner: Gunter Dueck
Autor und Redner: Gunter Dueck
Die Arbeitswelt verändert sich rasant. Doch bei aller Euphorie mahnt Prof. Gunter Dueck, die Mitarbeiter nicht nur mit Trends und Buzzwords zu überschütten. Schließlich unterscheide sich der Arbeitsalltag in der Regel von der Management-Theorie.

"Müssen Sie eigentlich schon agil sein?", fragt Prof. Gunter Dueck gerne zur Eröffnung eines Vortrags. Und das erleichterte Auflachen des Publikums bestätigt, wie gut es den anwesenden Führungskräften tut, dass er den Management-Hype am Arbeitsalltag zu messen versucht. "Eigentlich weiß doch keiner so recht, was gemeint ist, wenn er ab sofort agil arbeiten soll", ist er überzeugt und vermutet, dass selbst diejenigen, die Agilität anordnen, das dazugehörige Manifest nie gelesen haben. Vielleicht weil der Begriff größer klingt, als er ist: Die Basisregeln dieses neuen Arbeitsprinzips füllen nicht mehr als eine Din-A4-Seite.

Der Mathematiker und Betriebswirt, der lange bei IBM gearbeitet und sich schon früh mit Themen wie Digitalisierung befasst hat, bewertet nicht, ob Prinzipien wie Agilität im Grundsatz gut und wirksam sein können. Vielmehr legt er den Finger in die Wunde, sprich: die Umsetzung im Unternehmensalltag. Amüsiert beschreibt er, wie Topmanager scharenweise in die Google-Zentrale pilgern, wo sie sich für ein paar Stunden umschauen dürfen und begeistert zu wissen glauben, was sie im eigenen Haus tun müssen: Eine Wand bunt streichen, Hängematte und Tischkicker platzieren – und die Order ausgeben "Seid agil!".

Dueck hat ein Talent, Buzzwords zu entzaubern: Die Modeerscheinung des Scheiterns beruht aus seiner Sicht auf einer unpassenden Übersetzung des Begriffs "failure", der zunächst die englischsprachige Managementliteratur erobert hat. "Fehler machen die Leute ganz von allein", findet er. "Gescheitert sind sie deshalb noch lange nicht. Das Wort ist viel zu heftig, wenn es nur darum geht, aus Fehlern zu lernen."

Arbeitsalltag: Bunte Charts allein bewirken noch keinen Kulturwandel.
Arbeitsalltag: Bunte Charts allein bewirken noch keinen Kulturwandel.

Verknüpft werde die Aufforderung zur "New Work" seiner Beobachtung zufolge gerne mit einer neuen Unternehmens-Vision. Geschickterweise werde diese tendenziell erst für "2030" anvisiert. "Das ist früh genug, um das Interesse der Mitarbeiter zu erreichen – und spät genug, so dass niemand wirklich anfangen muss, daran zu arbeiten", stellt Dueck die Wirksamkeit infrage.

Anstatt sich einzugestehen, dass sofort Veränderung auf allen Ebenen des Unternehmens notwendig ist, würden lediglich "Inno-Labs" ins Leben gerufen, deren Macht und Einfluss kaum über die Kleiderwahl hinaus reicht: "Mitarbeiter bekommen eine Spielwiese unter Naturschutzbedingungen und dürfen als Zeichen ihrer Kreativität Jeans und T-Shirt tragen", ist ein gewisser Zynismus kaum zu überhören. "Aber was, wenn die Innovation mit Preisschild versehen, dem Kunden angeboten wird?"

Wer sich der Digitalisierung tatsächlich stellt, müsse die im Unternehmen vorhandenen Kompetenzen und Arbeitsweisen grundlegend anpassen, ist der Professor überzeugt und erklärt anhand der Automobilindustrie, wo es hingeht: Wenn in Zukunft batteriebetriebene, selbstfahrende Fahrzeuge die Straßen erobern, dann bräuchten BMW und VW kaum mehr Motorspezialisten. Stattdessen seien Jobs für sehr viele IT-Entwickler und Batterie-Fachleute angebracht. "Die haben sie aber nicht."

Diese Situation lasse sich auf andere Branchen übertragen, in denen es aktuell "kracht". Viele Verantwortliche würden viel zu lange die Augen verschließen. "Von den Prognosen für ihr Geschäft wollen sie nicht wirklich etwas hören." Regelrecht verwundert stellt Dueck fest, dass das Thema Digitalisierung "gefühlt erst seit Februar 2016" sämtliche Businessmeetings, Konferenzen und Strategien beherrscht. Dabei ist das binäre System rund 50 Jahre alt, das Internet bald 30 und auch die technologiegetriebene Disruption habe Clayton M. Christensen bereits 1997 in seinem Werk angekündigt, "Warum etablierte Unternehmen den Wettbewerb um bahnbrechende Innovationen verlieren".

Als Bill Gates 1994 bereits sagte: "Banking is necessary, banks are not", habe man dies nicht ernst genommen und 20 Jahre weiter gearbeitet wie bisher. "Ganze Berufsgruppen und Branchen halten heute noch an Arbeitsabläufen fest, die für einen Digital Native absolut nicht nachvollziehbar sind." Kunden werde persönliche Anwesenheit abverlangt, wo ein Youngster sich fragt, "gibt’s dafür keine App?". Früher oder später werde ein Start-up sie bauen und einen weiteren Markt umkrempeln. "Und falls sich jemand zufrieden zurücklehnt, weil er meint, in seinem Markt habe es schon etliche Versuche gegeben, die wieder eingestellt wurden", mahnt Dueck, "dann tappt er in die gleiche Falle." Es gebe gute Ideen, die zu früh kommen – entweder weil die Technologie oder die Gesellschaft noch nicht reif dafür sind. Doch das verhindere die Entwicklung nicht, sondern verzögere sie nur. "Shift happens!"

Die Herangehensweise an die digitale Transformation sei in vielen Firmen kontraproduktiv, findet Dueck: Statt ängstlich zu fragen, "was machen wir mit denen, deren Qualifikation nicht mehr gebraucht wird?", sei es ratsam, das vielbeschworene lebenslange Lernen neu zu interpretieren: "Oftmals reicht ein bisschen Weiterbildung nicht aus", stellt er klar. Manche Mitarbeiter müssten einen Cut machen und sich gänzlich neue Kompetenzen aneignen. Das ganze Land müsse umdenken, wenn die hiesigen Firmen im globalen Wettbewerb überleben wollen, warnt er und ruft die Parole aus: "Deutschland sucht sich einen neuen Job."

Wenn Manager die angestrebten Strategien allesamt mit dem Label "4.0" versehen, sollten sie sich bewusst machen, was für ein riesiger Sprung das ist, wenn ihr Unternehmen aktuell erst auf einem Level 1.3 arbeitet. Traditionelle Konzerne verlangen von ihren Mitarbeiter, Regeln anzuwenden und Strukturen zu beachten. "Die Menschen tun sich schwer, eigenverantwortlich und agil zu arbeiten, wenn sie auf die Wünsche des Chefs getrimmt sind."

Der neidvolle Vergleich mit der dynamischen Start-up-Kultur hinke aufgrund unterschiedlicher Voraussetzungen: Konzerne haben die Auslastung aller Kapazitäten über Jahrzehnte gesteigert. "Das hat sie erfolgreich gemacht, aber nicht flexibel", sagt er und veranschaulicht bildhaft: Selbst wenn man versucht, ein Containerschiff neu zu strukturieren, kommt kein Rafting-Boot dabei raus. "Und bei 100 Prozent Auslastung ist ohnehin alles voll – da lässt sich nichts verschieben."

Dueck vergleicht das, worauf in vielen Unternehmen der Old Economy wert gelegt wird, mit dem Muster einer zwanghaften Persönlichkeit: Regeln, Planung, Kontrolle, Perfektionismus und Organisation stehen im Fokus. Sein Rat: "Gehen Sie mal raus, gucken Sie, was andere machen und lassen Sie mehr Emotion zu: Herzblut, Leidenschaft, Begeisterung, Einfachheit, aber auch Risiko."

Der Mathematiker, der heute sein Geld mit Managementbüchern und Vorträgen verdient, vermittelt seinem Publikum, dass es nicht nur um neue Strategien und Pläne geht, die perfektionistisch verfolgt werden, sondern um eine neue Offenheit für andersartige Herangehensweisen. Wem das nicht gelingt, der dürfte mittelfristig scheitern. Und in diesem Fall meint er wirklich "Scheitern".

In loser Folge beleuchtet die neue Serie Mitarbeiter 4.0 die Digitalisierung aus Mitarbeitersicht.
LZ
In loser Folge beleuchtet die neue Serie Mitarbeiter 4.0 die Digitalisierung aus Mitarbeitersicht.

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