Mitarbeiter 4.0 Karrieremodelle auf den Kopf gestellt

von Silke Biester
Donnerstag, 20. Juli 2017
Abgehängt: Manager werden von digital-orientierten Talenten überholt.
Abgehängt: Manager werden von digital-orientierten Talenten überholt.
Die Digitalisierung stellt nicht nur Geschäftsmodelle infrage, sondern auch Laufbahnen. Der Businesscoach Thomas Landwehr rät Managern, die in der "Old Economy" groß geworden sind, sich von bisherigen Spielregeln zu verabschieden und Verantwortlung für die Karriere zu übernehmen.

"Viele Manager laufen aktuell Gefahr, den Anschluss zu verlieren", nimmt Thomas Landwehr kein Blatt vor den Mund. Sie fühlen sich von der "Vuka-Welt" bedroht, sind aber nicht ausreichend handlungsfähig. Vuka steht für Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität. Es gibt in der Wirtschaft kaum mehr Planbarkeit. Das gilt für Märkte ebenso wie für die berufliche Entwicklung. Manch einer beobachtet hilflos, dass Jüngere an ihm vorbeiziehen und ihr Einfluss schwindet. "Die Regeln haben sich geändert", stellt der Coach klar. "Manager müssen ihr Verhalten und ihre Haltung ändern."

Zeit für den "Abschied des Unternehmensbewohners", den er gerne wachrütteln möchte. Viele Beschäftigte würden heute noch glauben, was lange galt: Wer sich loyal dem Arbeitgeber gegenüber verhält, um den wird sich das Unternehmen ein Leben lang kümmern. Früher war klar, dass man auch mit wenigen Wechseln weiter kommt – immer aufwärts. "Dieser unausgesprochene Vertrag wurde längst gekündigt." In Zukunft dürften Karrieren diesem Treppenverlauf nicht mehr folgen, sondern vielmehr sehr individuelle Auf- und Abbewegungen nehmen.

Für Landwehr ist es wesentlich, zwischen der inneren und der äußeren Karriere zu unterscheiden. Wer vor allem auf Geld, Auto, Ansehen und Macht schielt, laufe Gefahr, "im goldenen Käfig, in dem sich mancher Konzernmanager eingerichtet" hat, zu verharren. Wer dagegen die innere Zufriedenheit zum Maßstab macht, erhalte besser die eigene Handlungsfähigkeit. "Das ist in Zukunft wichtiger denn je", ist Landwehr überzeugt.

"Infolge der Digitalisierung wird eine große Gruppe von Managern zum Auslaufmodell", sagt er ohne Umschweife. Vielfach sei zu beobachten, dass Top-Entscheider zwar erkennen, wie sie sich aus dem Zentrum der Macht entfernen, aber nichts dagegen tun. Beispielsweise werde ihnen ein neuer Job angetragen und sie sollen künftig die Auslandstöchter der Firma betreuen: Sie sind "viel auf Reisen, dürfen nett Essen" und verpassen den Anschluss. Derweil werden in der Zentrale mit neuen Leuten neue Konzepte umgesetzt. Viele spürten über Jahre ein gewisses Unwohlsein, nähmen Veränderungen aber wie ein unabänderliches Schicksal hin.

Diese passive Haltung gelte es aufzubrechen, betont Landwehr. Jeder müsse seine berufliche Entwicklung eigenverantwortlich und aktiv steuern. "Wenn Sie dazu digitales Knowhow brauchen, machen Sie die notwendige Weiterbildung, nehmen Sie Projekte an, bei denen Sie selbst dazulernen, bauen Sie on-the-job notwendige Kompetenzen weiter aus", schlägt er vor. "Und verteufeln Sie Social Media nicht, sondern probieren Sie einfach alles aus." Denn in zunehmend agilen Strukturen sei für die systemkonformen Konzernbewohner kein Platz mehr.

Wie wertvoll bin ich in Zukunft für mein Unternehmen?

"Es ist notwendig, Verantwortung für die eigene Karriere zu übernehmen und zu akzeptieren, dass man in die Weiterentwicklung investieren muss." Dabei gehe es nicht unbedingt um formale Qualifikationen, sondern vielmehr um gelebte Erfahrung. Landwehr fordert: "Jeder Manager muss sein persönliches Businessmodell prüfen." Dabei sei es hilfreich, sich zu fragen: Welche Probleme kann ich lösen? Wie wertvoll ist mein Angebot in Zukunft noch für mein Unternehmen und seine Kunden? Wofür stehe ich? Und wie könnte ein Plan B für mich aussehen?

Dabei gehe es nicht um eine festgelegte Strategie, sondern um Offenheit, Flexibilität und Mut, Neues anzugehen. Aktives Networking nach innen und außen erleichtere die Entwicklung von Alternativen. "Es schadet auch nicht, Pläne zu machen, um sie später wieder über den Haufen zu werfen", findet der Karriere-Experte. "Ganz nach dem Odysseus-Prinzip gilt es, sich auf Abenteuer einzulassen und das Beste daraus zu machen." Entscheidend sei vielmehr die aktive Auseinandersetzung mit den eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Seine These: "Die meisten Menschen investieren mehr Zeit in die Urlaubsplanung als in einen Jobwechsel."

Damit die Laufbahn nicht zur Sackgasse wird, müsse man sich vorbehaltlos mit sich selbst befassen und "mal einen Tag aus dem Alltag raus ziehen". Es gehe darum, das eigene Nutzenangebot zu spezifizieren. Bewusste und unbewusste Kompetenzen müsse man sich bewusst machen und "so aufbereiten, dass andere sie verstehen können". Schließlich sollte man sich im Klaren sein, welche Fähigkeiten, Kompetenzen und Neigungen man anzubieten hat, bevor man feststellen kann, welchen Markt es dafür gibt. Egal, ob eine berufliche Veränderung steil nach oben oder auch in eine ganz andere Richtung führt - für Landwehr steht fest, dass nur jene Manager in der Arbeitswelt 4.0 erfolgreich - und zufrieden - sein werden, die der Fremdsteuerung aktiv entgegentreten, Herausforderung suchen und daran wachsen.

Thomas Landwehr: „Abschied vom Unternehmensbewohner!“
Thomas Landwehr: „Abschied vom Unternehmensbewohner!“

Thomas Landwehr berät als Businesscoach Führungskräfte aus dem mittleren und gehobenen Management. Er selbst hat als Führungskraft und Geschäftsführer sowohl in Handels- und FMCG-Konzernen als auch im Mittelstand gerarbeitet. Dann wechselte er in die Personalberatung und anschließend in die Selbstständigkeit.

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