Mitarbeiterbindung Onboarding wird professionalisiert

von Silke Biester
Donnerstag, 12. Oktober 2017
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Die große Mehrzahl der Lebensmittelhersteller setzt bereits auf aktive Onboarding-Maßnahmen und will diese weiter ausbauen, um der Fluktuation entgegen zu wirken. Das zeigt eine Branchenstudie der Topos Personalberatung und der Fachhochschule Erfurt, die der LZ exklusiv vorliegt.

Beim Onboarding geht es darum, neue Mitarbeiter aktiv ins Team, ins gesamte Unternehmen und in die Aufgabe einzuführen. Unabhängig von fachlichen Fragestellungen werden sie über einen längeren Zeitraum hinweg begleitet, um beispielsweise auch die Kultur des neuen Arbeitgebers schätzen zu lernen und mit Fragen oder Problemen nicht allein dazustehen. Weit verbreitete Maßnahmen sind etwa ein klar strukturierter Einarbeitungsplan, die umfassende Vorstellung von Kollegen, die Vermittlung der Unternehmenswerte, Feedbackgespräche oder regelmäßige Meetings.

Die gelungene Integration neuer Mitarbeiter im Unternehmen gewinnt in der Nahrungsmittelindustrie weiter an Bedeutung. Mit ganz wenigen Ausnahmen betreiben nahezu alle Betriebe zumindest teilweise aktives An-Bord-Nehmen. Rund die Hälfte hat die Verantwortung für den Prozess klar einer Person zugeordnet. Bei 80 Prozent der mittleren und großen Unternehmen gibt es eine standardisierte Vorgehensweise – bei jedem zweiten kleineren ebenfalls. Im Schnitt gibt es Maßnahmen über sechs Monate, wobei sich kleinere Unternehmen tendenziell mehr Zeit nehmen. Bei ihnen ist auch die oberste Führungsebene – oftmals die Inhaber – stärker involviert (29 Prozent). Ansonsten obliegt die Eingliederung den Personalabteilungen, direkten Vorgesetzten und Kollegen.

Dennoch stellt es für jedes fünfte Kleinunternehmen der Branche ein Problem dar, dass Beschäftigte innerhalb der ersten zwei Jahre wieder abspringen. In Großbetrieben sieht es nicht besser aus. Und auch mittelgroße Unternehmen mit 250 bis 500 Mitarbeitern bestätigen diese Schwierigkeit zu 11 Prozent.

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"In dem Bereich liegt noch viel Potenzial brach, um einerseits Kosten zu sparen und andererseits die Zufriedenheit zu steigern", ist Carl Christian Müller, Inhaber der auf die Ernährungswirtschaft spezialisierten Personalberatung Topos überzeugt. "Neueinstellungen kosten viel Geld", erläutert der Studieninitiator, "und der Wettbewerb um gute Arbeitskräfte verschärft sich." Kündigt ein neuer Mitarbeiter bereits nach einigen Monaten, ist das ein Rückschlag für alle Beteiligten.

Während die gezielte und langfristige Begleitung vor geraumer Zeit eher ein Thema für die Besetzung von Managementpositionen gewesen sei, werde aktives Onboarding heute auf allen Ebenen angewandt, beobachtet der Personalberater und nennt einen Grund dafür: "Viele Unternehmen bekommen den Fachkräftemangel deutlich zu spüren", sagt er. "Aber niemand spricht von einem Führungskräftemangel." Deshalb gewinne die Bindung aller Beschäftigten an Bedeutung. Müller empfiehlt, sich dafür noch mehr Zeit zu nehmen. Es habe sich zudem gezeigt, dass möglichst nicht nur die Kollegen und direkten Vorgesetzten involviert sein sollten.

Carl Christian Müller, Topos.
Topos
Carl Christian Müller, Topos.

"Es wird als Wertschätzung empfunden, wenn auch Top-Manager nachfragen, wie es einem im Job geht", sagt Müller. Positiv stechen in diesem Zusammenhang die Familienunternehmen der Food-Branche hervor: Die Geschäftsleitung ist häufiger beteiligt und sie nehmen sich mehr Zeit. Auch haben sie größere Ambitionen, ihre Onboarding-Prozesse zu erweitern. Allerdings haben sie offenbar auch mehr Bedarf: Sie stellen im Schnitt mehr neue Mitarbeiter ein – 34 pro Jahr, anstatt von 25 bei den befragten Nicht-Familienunternehmen.

Die Studie basiert auf den Antworten von 12 Prozent aller Nahrungsmittelhersteller mit mindestens 10 Mio. Euro Umsatz und mehr als 100 Mitarbeitern. Zwei Drittel davon sind in Familienhand. Der große Rücklauf bei der Befragung belege die hohe Relevanz, die das Thema für die Branche aktuell hat, meint Müller.

Eine empfehlenswerte Idee habe sich bei den Experteninterviews ergeben, die im Rahmen der Studie durchgeführt wurden: Ausgesprochen positive Erfahrung habe eines der befragten Unternehmen gemacht, da es das Bewerbungsverfahrung durch einen Probearbeitstag erweitert hat. So habe sowohl der potenzielle Mitarbeiter als auch das Unternehmen mehr Sicherheit, dass man zueinander passt und nicht gleich wieder kündigt. "Darüber sollten mehr Betriebe nachdenken", findet Müller.

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