Werteverlust führt zu Kündigungen

von Judit Hillemeyer
Freitag, 14. März 2008
Der Mittelstand hat Schwierigkeiten, qualifizierte Führungskräfte zu finden. Doch in puncto Werte und Zufriedenheit hat er im Vergleich zu Großunternehmen mehr zu bieten. Dieses Pfund müssen familiengeführte Firmen in die Waagschale werfen.



Konzerne sind für Hochschulabsolventen Wunscharbeitgeber schlechthin. So führen alljährlich die deutschen Autobauer und globale Unternehmensberatungen das Absolventenbarometer an. Dass Großunternehmen nicht die allein selig machende Top-Adresse sind, dazu haben jüngst auch die Skandale von VW, Siemens sowie um den Post-Manager Klaus Zumwinkel beigetragen.

Werte sind wieder in. Wenn es um Zufriedenheit und Loyalität geht, ist der Mittelstand, über alle Branchen hinweg, Aktiengesellschaften und Finanzinvestoren überlegen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Personalberatung Korn/Ferry in Frankfurt. Untersucht wurden die Gründe von 1.200 Führungskräften für einen aktiven Arbeitgeberwechsel.

Wer kündigt, hat viele Gründe: Gehalt, Standort, größere Entscheidungsräume, abwechslungsreichere Tätigkeit. Doch Hauptgrund für eine aktive Wechselbereitschaft von Führungskräften ist die Enttäuschung von ihren Vorgesetzten. Diese Form der Desillusion sei in Konzernen deutlich stärker ausgeprägt als im Mittelstand. Beklagt wird, dass sich Vorgesetzte illoyal verhalten, dazu neigen, Erfolge und Leistungen ihrer Mitarbeiter als ihre eigenen ausgeben, kurzsichtig handeln oder einstige Versprechungen ignorieren. Das heißt nicht, dass es im Mittelstand keine Willkür oder kein Fehlverhalten gäbe, es scheint nur weniger stark ausgeprägt.

Fehlverhalten von Chefs

"Ingesamt führt nicht wertekonformes Verhalten von Vorgesetzten zu einer gesteigerten Wechselbereitschaft", so der Studienverantwortliche Christoph Kleinen. Hingegen sorge eine hohe Akzeptanz des Vorgesetzten, der in Kongruenz der Wertesysteme agiert, für eine starke Identifikation, Loyalität und eine längere Verweildauer der Mitarbeiter im Unternehmen.

In den Familienunternehmen werden Vorgesetzte glaubwürdiger bewertet. Ihr Handeln wird substantieller und nachhaltiger wahrgenommen. Eindeutig ist, dass die Verweildauer auf den Managementpositionen im Mittelstand deutlich länger ist. Mitarbeiter inhabergeführter Gesellschaften stufen sich selbst auch entsprechend ihrer Chefs werteorientierter ein. Sie nehmen Respekt, Nachhaltigkeit und Integrität in ihrem Unternehmen stärker als gelebte Werte wahr als in börsennotierten Unternehmen.

"Mit der insgesamt zunehmenden Werteorientierung in Wirtschaft und Gesellschaft sehen wir eine große Chance für den Mittelstand, künftig mehr Top-Profile gewinnen zu können", findet Kleinen. Das setzt jedoch voraus, dass sich diese Unternehmer ihrer Stärke bewusst sind und diese Dimension entsprechend durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit und Medienpräsenz kommunizieren.

Der Mittelstand, der im Kampf um Talente zumeist schlechter aufgestellt ist (unattraktivere Standorte, tendenziell niedrigere Gehälter, nur begrenzte Aufstiegsmöglichkeiten, da die oberste Führungsebene durch Inhaber besetzt ist) kann hier nachhaltig punkten. Diese Karte spielt er im Wettbewerb um Führungskräfte noch viel zu defensiv.

Schnelldreher an der Spitze

Doch es folgen erste Schritte: So wirbt beispielsweise der mittelständische Brotfabrikant Mestemacher in seinen Stellenausschreibungen für ein "zufriedenes Leben in einem Familienunternehmen". Und es gibt Manager wie Christof Queisser. Er wechselt nach Varta, Unilever und Tengelmann gezielt in die Geschäftsführung des mittelständischen Fleisch- und Wurstwarenhändlers Zimbo. "Meine Ziele sind kürzere Entscheidungswege, mehr unternehmerisches Handeln und eine nachhaltig werteorientierte Personalverantwortung", betonte Queisser im Gespräch mit der LZ.

Inhabergeführte mittelständische Unternehmen sind nicht nur werteorientierter, so Kleinen, sie sanktionieren Fehlverhalten auch konsequenter. Die Verweildauer von Inhabern in Managementfunktionen liegt weit über der von Konzernmanagern. Laut einer Untersuchung der in München ansässigen Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton aus dem Jahr 2007 sitzen deutsche Konzernschefs mittlerweile durchschnittlich 4,7 Jahre auf ihrem Posten. "So ist nachvollziehbar, dass das Prägen, Leben und Vermitteln von Werten in einer so kurzen Zeit kaum noch möglich erscheint", stellt Kleinen fest (juh)

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