Personaler müssen mehr gestalten als verwalten

von Judit Hillemeyer
Freitag, 08. Oktober 2004
Preisdruck, internationaler Wettbewerb, schwache Konjunktur - unter diesen existenziellen Knackpunkten leidet vor allem die mittelständische Nahrungsmittel-Branche.



Vergangene Woche lud die Landesinitiative Nordrhein-Westfälische Ernährungswirtschaft Sozialpartnerprojekt e.V. (News) zum Branchentag nach Dortmund ein.

Die Situation in der Ernährungsindustrie in Nordrhein-Westfalen ist angespannt: Rund ein Viertel der befragten Unternehmen rechnet mit einer rückläufigen Beschäftigungsentwicklung.

Das Budget für die Personalqualifizierung wollen jedoch fast 70 Prozent der Unternehmen nicht antasten. Zu diesem Ergebnis kommt das Trendbarometer Ernährungswirtschaft 2004, das die Landesinitiative "News" erstellt und vergangene Woche in Duisburg auf dem siebten Branchentag Ernährungswirtschaft NRW vorgestellt hat.

Die Branche rechnet zu 27 Prozent mit einer schlechteren Ertragsentwicklung im zweiten Halbjahr 2004. 43 Prozent glauben, das Niveau halten zu können. Lediglich 23 Prozent rechnen mit einer Ertragssteigerung.

Die Ursache dieser Entwicklung sieht die mittelständische Ernährungswirtschaft in der rigiden Preispolitik des Einzelhandels.

Deutscher Billig-Trend, schwache Konjunktur und technisches Rationalisierungspotenzial sowie die Ausgliederung der Produktion nach Osteuropa tun ihr Übriges.

Billig und die Folgen

Das waren auch die Kernthemen der Podiumsdiskussion. Unter dem Motto "Billig, billiger, am billigsten ..." diskutierten Vertreter der Gewerkschaft NGG, der Unilever-Tochter Langnese Iglo, des Verbraucherschutzes sowie der Lebensmittel Zeitung den Status quo der Markenartikler im Gefüge des Lebensmittelhandels.

In der News-Trendumfrage bezeichnen die befragten Unternehmen die unzureichende Mitarbeitermotivation als ihr größtes Problem, so Anja Weber, Geschäftsführerin von News vor den 110 Tagungsteilnehmern.

Notwendige neue Anforderungen an das Führungsverhalten und die Personalarbeit wie die Personalentwicklung hätten bislang zu wenig Eingang in die Praxis gefunden.

Gut 15 Prozent der befragten Unternehmen betreiben keine Personalentwicklung, so die Trendanalyse. Diese Aussage zog sich durch alle Größenordnungen der mittelständischen Nahrungsmittelindustrie.

Zwar gaben 31 Prozent an, eine Person zu beschäftigen, die ausschließlich für die Personalentwicklung zuständig ist, doch dieser verhältnismäßig hohe Wert beruht für Weber auf einem Missverständnis: "Wahrscheinlich wurde nicht zwischen Personalverwaltung und -entwicklung differenziert."

In der 2002 durchgeführten Studie zur Qualifizierungssituation verfügte lediglich ein von elf Unternehmen über individuelle Qualifikationsprofile.

Mitarbeiter fortbilden

Mehr als 60 Prozent gaben an, die Qualifikation ihrer Führungskräfte und Beschäftigten systematisch zu erfassen. Auch dieser Wert sei erfahrungsgemäß zu hoch, so Weber.

Der Verdacht liege nahe, dass hier schon die Erfassung von Fachausbildungen und gesetzlich vorgeschriebenen Fortbildungen wie Hygieneschulungen zur eigenen positiven Bewertung geführt hat.

Beim Qualifizierungsbudget zeigt die Branche Konstanz. Rund 69 Prozent planen, das Budget 2005 auf dem diesjährigen Niveau zu belassen. 18,5 Prozent erwägen eine Ausweitung, und nur 3 Prozent wollen ihre Ausgaben für die Mitarbeiter-Qualifizierung vermindern.

Bei der Berufsausbildung zeigt sich die Ernährungsindustrie im Vergleich zum Einzelhandel nur mäßig engagiert. Sie bildet kaum junge Menschen über den eigenen Bedarf hinaus aus.

Nur jedes dritte Unternehmen hat in diesem Jahr nach eigenen Angaben neue Ausbildungsplätze geschaffen. Mehr als jedes zehnte hat Lehrstellen gestrichen, vor allem Betriebe mit weniger als 250 Beschäftigten.

Nachwuchsmangel gab es in der Vergangenheit bei den gewerblich-technischen Berufen. Diese Situation hat sich verbessert. Seit dem Jahr 2000 ist in diesem Berufszweig ein Zuwachs von 30 Prozent zu verzeichnen.

Technische Berufe

Das bestätigt auch das Statistische Bundesamt. Die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze für die Fachkraft für Lebensmitteltechnik hat sich seit 2000 verdoppelt.

Die Landesinitiative News ist ein gemeinsames Projekt des Arbeitgeberverbandes der Ernährungsindustrie NRW, der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten sowie des Arbeitgeberverbandes Rheinisch-Westfälischer Brauereien.

Die Initiative wird zu 100 Prozent aus dem Technologie- und Innovationsprogramm des Landes NRW getragen. In den neuen Bundesländern wird derzeit diskutiert, dieses Modell zu übertragen. (juh)

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