Personal ist Engpass für Multichannel

von Redaktion LZ
Freitag, 03. August 2012
Branche in Bewegung: Personalberaterin Gabriele Berger beobachtet neue Berufe und steigende Gehälter.
Hofmann Consultants
Branche in Bewegung: Personalberaterin Gabriele Berger beobachtet neue Berufe und steigende Gehälter.
LZnet. Der Handel macht den Schritt vom E-Commerce zum M-Commerce. Viele Unternehmen feilen an Multichannel-Strategien. Dafür brauchen sie qualifiziertes Personal. Doch Manager mit Online-Know-how sind ebenso Mangelware wie qualifizierter Nachwuchs.
Der Handel steht beim Kampf um gute Mitarbeiter im Wettstreit mit einer Vielzahl von Branchen – auch in Sachen IT. "Wenn Google seinen Beschäftigten einen Tag im Homeoffice ermöglicht, fordert die Jugend das auch von uns", macht Edeka-Vorstand Reinhard Schütte darauf aufmerksam, dass im Handel ein Kulturwandel notwendig ist, wenn er als Arbeitgeber für diese Klientel relevant sein will. Die Guten haben die Wahl. Das gilt bei IT-Qualifikationen stärker und früher als in jedem anderen Bereich.

Die Situation birgt Konfliktpotenzial. Während manches Handelsunternehmen den Bereich E-Commerce in der Anfangszeit als eigenständige, unabhängige Einheit geführt hat, geht es inzwischen immer stärker um die Integration und Vernetzung aller Geschäftsbereiche.

Digitale Natives legen Wert auf Work-Life-Balance

An den Schnittstellen können unterschiedliche Ansprüche an Arbeitszeiten und Work-Life-Balance aufeinanderprallen. Branchenübliche Kaufmannstugenden passen nicht unbedingt zum Wertefundus der Digital Natives.

Auch das Gehaltsgefüge unterliegt einer Belastungsprobe: "Die Gehälter sind in den letzten drei Jahren um 30 Prozent gestiegen", beobachtet Gabriele Bergert, Personalberaterin bei Hofmann Consultants. Sie ist auf die Suche nach Managern mit Internet-Know-how spezialisiert. Daher weiß sie auch, dass reine Online-Spezialisten wie Amazon besser bezahlen als etwa der klassische Versandhandel, für den das Internet aber längst ebenfalls Standard ist.

Die Gehälter sind deutlich gestiegen

Die Geschwindigkeit der Marktveränderungen verschärft die Problematik zusätzlich. "Viele Berufe sind gerade erst entstanden", erklärt Bergert. Insbesondere bei der Besetzung von Führungspositionen sei es ratsam, andere Kriterien anzulegen als üblich: Wenn beispielsweise ein "Bereichsleiter Internet" mit fünf Jahren Berufserfahrung gesucht werde, dann scheitere dies zwangsläufig daran, dass es kaum jemanden gibt, der eine Qualifikation vorweisen kann und bereits lange auf einer solchen Position gearbeitet hat.

Von den Universitäten kommen erst seit jüngerer Zeit fertige Informatiker mit dem Schwerpunkt E-Commerce oder Medien-Informatik. Statt der formalen Abschlüsse rückt die berufliche Historie in den Vordergrund. Internet-Urgesteine wie Google, Ebay und Amazon haben über Ex-Mitarbeiter eine Menge Wissen in traditionelle Unternehmen weitergereicht. Weil deren Know-how gefragt ist, ziehen sie allerdings auch schnell weiter, wenn die Rahmenbedingungen besser sind oder sich ein interessanter Karriereschritt anbietet.

"Alle Unternehmen, die in irgendeiner Weise im E-Business unterwegs sind, sind unsere Wettbewerber um solche Fachkräfte", stellt Ireen Baumgart, Leiterin Recruitment bei Otto, klar. "Von bekannten Branchengrößen über agile Mittelständler bis zu kreativen Start-ups." 

Verschärfter Wettkampf um Talente

Die Rewe-IT-Tochter Rewe-Informations-Systeme hat reagiert, um Spezialisten besser halten zu können: Vor einigen Monaten wurde ein neues Laufbahnmodell eingeführt, das Fachkarrieren ohne Führungsverantwortung ermöglicht.

Es bietet Talenten Perspektiven, ohne dass sie das Unternehmen wechseln müssen. "Es gibt viele gute Mitarbeiter, die gern Verantwortung übernehmen, aber nicht unbedingt führen wollen", heißt es von Seiten der Personalverantwortlichen.

"Die Personalsituation verschärft sich", ist Bergert überzeugt. Für Online-Shops und Online-Marketing würden quasi überall Leute gesucht. Und weil die Systeme komplexer werden, sollen die Verantwortlichen möglichst immer mehr Know-how mitbringen: Die Shopsoftware muss mit der Warenwirtschaft verknüpft werden, unzählige Bezahlvarianten müssen funktionieren, CRM-Konzepte werden aufgebaut, ständig wird Neues ausprobiert. Multichannelsysteme verbinden zudem die Online- und Offline-Welt nicht nur technisch, sondern auch in Führungs- und Abstimmungsprozessen. Kommunikationsfähigkeit ist neben der fachlichen Qualifikation deshalb eine Grundvoraussetzung.

Lichtblick für den Lebensmittelhandel

Insbesondere für den Lebensmittelhandel sieht Personalberaterin Bergert trotz des Mangels am Arbeitsmarkt einen Lichtblick: So mancher kreative E-Commerce-Spezialist könne bei den inzwischen groß gewordenen Internetschmieden nicht mehr so viel Aufbauarbeit leisten, weil die Systeme allmählich etablierter werden. Der LEH ist dagegen gerade in eine neue Experimentierphase aufgebrochen. Ein Feld für intelligente Querdenker auf der Suche nach interessanten Aufgaben.

Doch das Umfeld muss stimmen: "Früher sollten Bewerber Begeisterung für ein Unternehmen zeigen", beschreibt Bergert den Wandel. "Heute müssen Unternehmen darlegen, warum sie ein guter Arbeitgeber sind."

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