Nachfolge im Notfall Plötzlich ohne Chef

von Redaktion LZ
Freitag, 24. Februar 2017
Stößt der Führungskraft etwas zu, muss die Fortführung des Betriebs möglich sein.
Stößt der Führungskraft etwas zu, muss die Fortführung des Betriebs möglich sein.
Vorsorge für den Notfall müssen nicht nur Senioren treffen. Stirbt der Chef unerwartet, bricht in vielen Firmen das Chaos aus. Hinterbliebene und Mitarbeiter bangen um ihre Existenz. Mit einem Notfallkoffer können Einzelhändler vorsorgen.

Ohne Vorwarnung brach Andreas Weiß während seines täglichen Filialrundgangs zusammen. Binnen Minuten war der Notarzt vor Ort. Doch der Inhaber von zwei Lebensmittelmärkten wachte nicht mehr auf. Zurück blieben eine Ehefrau und zwei Töchter im Teenageralter. Außerdem 73 Mitarbeiter. Neben dem Schmerz steht die Frage im Raum, wie es mit dem Handelsunternehmen des Verstorbenen weitergeht. Mitten im Gefühlschaos stellt Ehefrau Ursula Weiß fest, dass sie keinen Zugriff auf die Geschäftskonten ihres Mannes hat. Was fehlt, ist eine Bankvollmacht. Die Folge: Sie kann weder Löhne für die Angestellten auszahlen, noch die Lieferanten bezahlen. Die Witwe ist zahlungsunfähig – trotz des Geldes auf dem Konto.

Wie Familie Weiß geht es vielen Angehörigen. Rund 90 Prozent aller Unternehmer haben Studien zufolge keinerlei Vorsorge für den Notfall getroffen. Erst mit 67 Jahren beginnt der Durchschnitts-Chef, Vollmachten und Verfügungen zu sammeln. Laut Aussage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) werden in den kommenden Jahren mehr als 200 000 Arbeitsplätze vernichtet, weil Chefs sich nicht mit ihrer eigenen Endlichkeit beschäftigen wollen. Generationenberater Markus Sobau aus Mannheim berät seit Jahren Handelsunternehmer und kennt die Auswirkungen. "Nicht nur das eigene Lebenswerk geht zu Grunde. Hinter jedem Mitarbeiter stehen Familien, womöglich mit Krediten für Eigenheime, die bezahlt werden müssen", berichtet der Finanzplaner. Die Verantwortung ist groß – auch nach dem Tod.

Diese Dokumente gehören in die Notfallakte

•Patienten- und Betreuungsverfügung
• Vorsorgevollmachten inklusive Bankvollmachten
•Unternehmervollmacht
•Aufstellung Vollmachten (auch geschäftliche Notprokura)
•Ehevertrag
•Testament oder Erbvertrag
•Telefonliste wichtiger Geschäftspartner: Lieferanten, Berater, Banken, …
•Aufstellung Kapitalvermögen
•Liste Passwörter, PIN-Nummern, Bankschließfächer
•Liste der Patente und Lizenzen
•Liste aller Bankenkredite, Leasingverträge und Privatdarlehen
•Liste aller Versicherungen
•Liste aller Grundstücke mit Grundbuchauszügen
•Gesellschaftsverträge und -beschlüsse
•Geschäftsführervertrag
• Jahresabschlüsse der letzten drei Jahre
•Miet-, Pacht- und Arbeitsverträge
•Schlüsselverzeichnis für General-, Tresor- und Ersatzschlüssel
•Mitgliedschaften in Verbänden

Um Filialen, Mitarbeiter und Angehörige zu schützen, sollten Unternehmer deshalb eine Notfallakte anlegen. Dabei kann es sich sowohl um eine "Lose-Blatt-Sammlung" handeln als auch um eine Datei auf einem Speichermedium. Wichtig ist nur, dass Vertrauenspersonen von der Existenz und dem Aufbewahrungsort der Dokumente wissen. "Egal ob digital oder analog - zuallererst sollten Generalvollmacht, Patienten- und Betreuungsverfügung im Ordner liegen", rät Rechtsanwalt Alexander Deicke, Experte für Wirtschaftsrecht. Diese Dokumente regeln, wer Entscheidungen im Namen des Praxisinhabers treffen darf, wann lebensverlängernde Maßnahmen in Frage kommen und wer im Falle einer kognitiven Einschränkung Betreuung oder Pflege organisiert. Besondere Sorgfalt sollten Einzelhändler in puncto Konto-Zugriff walten lassen. Denn viele Geldinstitute akzeptieren keine Generalvollmacht.

Familie Weiß hat Glück. Fünf Tage nach dem Tod des Lebensmittelhändlers findet die Ehefrau Vorsorgeunterlagen in der Schreibtischschublade. Darunter auch eine Unternehmer-Vollmacht. Diese erlaubt es Ursula Weiß, einen Stellvertreter für ihren verstorbenen Mann einzusetzen. So laufen die Geschäfte weiter und die Existenz ist gesichert. Ohne Unternehmervollmacht wäre dies erst nach der Testamentsvollstreckung möglich gewesen, die sich monatelang hinauszögern kann. (Leonhard Fromm)

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