Der Bestand der Firma steht an erster Stelle

von Judit Hillemeyer
Freitag, 06. Juli 2007
Unternehmensnachfolge ist im Mittelstand ein kritisches Thema. Fehlentscheide können den Bestand des Unternehmens und die Existenz der Mitarbeiter gefährden. Eine von langer Hand vorbereitete Übergabe schafft Sicherheit.



Mancher tut sich schwer. Der Chef des Süßwarenherstellers Haribo dringt auf eine schnelle Regelung seiner Nachfolge an der Unternehmensspitze. Jahrzehnte lang zögerte der jetzt über 80-jährige Hans Riegel, einen Nachfolger zu benennen und löste damit Sorge um den Bestand der Firma aus. Mehr als 4.500 Chefs mittelständischer deutscher Familien- oder Einzelfirmen sind nach einer Hoppenstedt-Analyse 65 Jahre oder älter und müssen sich daher intensive Gedanken über die Zukunft machen. Bei 10 Prozent steht in Kürze ein Führungswechsel an.

Über 90 Prozent finden eine Nachfolgeregelung, allerdings nicht immer in der eigenen Familie. Laut einer Analyse des Bonner Instituts für Mittelstandsforschung (ifm) kamen 2005 nur 44 Prozent aus der Eigentümerfamilie. Jede fünfte Firma wurde verkauft, 16 Prozent wurden externen Führungskräften überantwortet. Nur in jedem fünften Fall waren die Inhaber kinderlos.

Verantwortung weitergeben

Dass die nächste Generation den elterlichen Betrieb nicht übernehmen will, liegt häufig daran, dass sie eine andere Ausbildung hat, kein Interesse oder sich nicht für die Selbstständigkeit eignet, heißt es in der aktuellen Mittelstandsuntersuchung der Deutsche Bank Research.

Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel des Brotspezialisten Mestemacher. Dessen Inhaberfamilie Detmers hat die Übergabe der Verantwortung an die nächste Generation sorgfältig konzipiert. "Es hätte mich geschmerzt, wenn unsere Kinder signalisiert hätten, dass sie absolut kein Interesse am Unternehmen haben", sagt Ulrike Detmers. Aus Sicht der Professorin und Mitgesellschafterin der Mestemacher-Gruppe, Gütersloh, qualifiziert die bloße Tatsache, künftiger Erbe eines Familienbetriebes zu sein, jedoch nicht automatisch zur unternehmerischen Nachfolge.

Diese könne im übrigen nicht erzwungen, wohl aber gefördert werden. "Unsere Kinder, die beide bereits kleine Gesellschaftsanteile besitzen, haben frühzeitig wirtschaftliche Prozesse und Entscheidungen verfolgt", freut sich Ulrike Detmers. Gemeinsam wurde eine Karriereplanung besprochen. "Kinder müssen dabei unterstützt werden, aus sich selbst heraus Interesse an diesem Beruf zu entwickeln", ist die Unternehmerin überzeugt.

Für den von Ulrike und ihrem Mann Albert Detmers geführten Familienzweig soll ihre erstgeborene Tochter Christine die Managementspitze repräsentieren. Sohn Albert Hendrik (23) wird sich nach heutigem stand der Dinge auf das Auslandsgeschäft konzentrieren.

Im Export, der aktuell 18 Prozent zum Gruppenumsatz beisteuert, sieht Mestemacher noch viel Potenzial. Bei Fritz Detmers, Alberts Bruder, konzentriert sich die Nachfolge auf Sohn Maik. Er arbeitet bereits seit einigen Jahren als Produktionsleiter der Mestemacher-Gruppe. Seine Schwester schlug beruflich einen anderen Weg ein.

Internationale Ausbildung

Christine wie auch ihr Bruder Albert Hendrik streben eine internationale Managementausbildung an. Für ihre Eltern ist das in einer globalen Wirtschaftswelt das Startkapital. Ihre Ausbildung zu Industriekaufleuten haben die Geschwister bereits abgeschlossen. Die 26-jährige Christine ist heute Diplom-Betriebswirtin: "Die intensive Beschäftigung mit dem Marketing-Management der Mestemacher-Gruppe im Rahmen meiner Diplomarbeit hat bei mir das Interesse an der Unternehmensnachfolge geweckt."

Jetzt will sie das zweijährige Masterstudium "International Strategies Management" inklusive einem Auslandssemester draufsatteln. Ihr jüngerer Bruder sammelt zunächst berufliche Erfahrungen bei einem anderen Unternehmen und wird Ende des Jahres für einen längeren Aufenthalt in die USA oder nach Australien gehen.

Wenn es in etwa acht Jahren zur Übergabe kommt, wollen die Eltern ihren Kindern freie Hand lassen. "Es ist für den Nachwuchs demotivierend, wenn die Eltern ständig reinregieren. Leider ist das einer der Hauptfehler, die im Mittelstand gemacht werden", weiß Ulrike Detmers. Zunächst wollen die Detmers im Beirat unterstützend zur Seite stehen - bis die Kinder alleine schalten und walten.

Das zentrale Motiv bei der Nachfolgeregelung ist der Erhalt des Unternehmens. Die Zukunftsvorsorge der Familie Detmers erstreckt sich auch auf einen möglichen Konflikt im künftigen Gesellschafterkreis. Tritt dieser Fall ein, wird sich ein Schlichtungsgremium konstituieren, um die Produktivität des Unternehmens zu sichern. (juh)

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