Nachwuchsförderung Abi-Programme des Handels als Vorbild

von Silke Biester
Freitag, 04. März 2016
Alternative zum Studium: Praxisnaher Weg zur Führungsverantwortung im Handel.
LZ-Archiv
Alternative zum Studium: Praxisnaher Weg zur Führungsverantwortung im Handel.
Abiturientenprogramme sind die Antwort des Handels auf immer mehr Schulabgänger mit Hochschulzugangsberechtigung. Das Paket von Ausbildung plus Fachwirtabschluss funktioniert bestens. Es könnte auf weitere Branchen und Berufe übertragen werden.

"Ohne Studium direkt zum Ziel: Chef sein", mit diesen Worten will die Rewe Group Abiturienten ins Unternehmen locken. Edeka verspricht "doppelte Ausbildung". Und Aldi Süd setzt mit der Ankündigung "3x mehr aus seinem Abitur machen" noch einen drauf.

Der Wettbewerb um den Nachwuchs ist im Handel ähnlich intensiv wie im Tagesgeschäft. Die Zahl der Schulabgänger und der Bewerber geht aufgrund des demografischen Wandels stetig zurück. Verschärft wird die Situation durch Veränderung der Bildungslandschaft. Mehr als die Hälfte der Schulabgänger hat inzwischen eine Hochschulzugangsberechtigung. Die meisten wollen lieber studieren als eine Ausbildung machen.

Um den Nachwuchs zu locken, stockt der Handel seine Abiturientenprogramme immer weiter auf. Das spezielle Angebot: eine verkürzte Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann innerhalb von 18 Monaten und in weiteren anderthalb Jahren die Fortbildung zum Handelsfachwirt oder Fachwirt für Vertrieb sowie die Qualifikation zum Ausbilder. Das sind drei IHK-Prüfungsabschlüsse in drei bis vier Jahren.

Das Grundmodell hat in der Branche eine lange Tradition. Die Münchener Akademie Handel beispielsweise unterstützt die Unternehmen dabei schon seit Jahrzehnten. Doch seit wenigen Jahren ist aus dem Ausnahmekonzept ein Massenangebot geworden. Auffällig ist, wie offensiv nahezu alle führenden Filialisten für ihre Abiturientenprogramme werben.

Als letzter unter den Filialisten ist Lidl aktiv geworden. Seit 2012 bietet der Discounter ein eigenes Angebot. Zunächst hatten die Neckarsulmer klein angefangen. Grundsätzlich ist die Ausbildung zwar bundesweit in allen Filialen möglich, doch in der Pilotphase erhielten nur 19 Bewerber einen Vertrag, der die kombinierte Aus- und Fortbildung vorsieht.

Die Lidl-Regionalgesellschaft Alzenau beispielsweise hat zum Start gerademal einen Abiturienten dafür eingestellt. In Zukunft strebt allein diese Region möglichst für jedes neue Ausbildungsjahr eine eigene Berufschulklasse mit rund 25 Azubis an. "Mittlerweile ist das Programm mit 500 Teilnehmern in drei Jahrgängen ein fester Bestandteil unseres Ausbildungskonzepts", erklärt Dorotea Mader, Mitglied der Geschäftsleitung Lidl Deutschland. Für den theoretischen Teil greift Lidl auf sieben verschiedene Bildungspartner zu.

"Das ist die richtige Antwort der Branche auf die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung", lobt Thorsten Fuchs von der Foodakademie Neuwied. Innerhalb von fünf Jahren ist die Zahl der Teilnehmer an dieser einen Einrichtung von Null auf 700 gestiegen. Bis 2020 geht er von einem weiteren Wachstum auf 1.000 Abiturienten aus. Bundesweit werden pro Jahr rund 5.000 junge Menschen auf diesem Weg für Führungsaufgaben im Vertrieb vorbereitet. Das entspricht in etwa einem Fünftel der jährlich abgeschlossenen Ausbildungsverträge zum Einzelhandelskaufmann.

Neuer Partner Provadis

Als Partner des Handels vergleichsweise neu im Geschäft ist der Bildungsdienstleister Provadis, der durch die Kooperation mit Lidl das Ausbildungsziel Handelsfachwirt mit aufgenommen hat. Vertriebsleiter Guido Hardt ist begeistert: "Ich kann mir vorstellen, dass diese Qualifizierung als Impulsgeber auch für andere Berufe oder Branchen gute Chancen bietet, Abiturienten für eine kombinierte Aus- und Fortbildung zu gewinnen." Gut umsetzbar wäre aus seiner Sicht etwa bei Kaufleuten für Büromanagement die Ergänzung des Wirtschaftsfachwirts oder auch eine verknüpfte Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik mit dem Fachwirt für Logistiksysteme.

Dorotea Mader , Lidl
Lidl

"So eine Kombination ist sehr attraktiv", findet die Referentin für berufliche Bildung beim Deutschen Speditions- und Logistikverband, Elke Schneider. Ihr schwebt als weitere Variante die Verbindung der Ausbildung zum Kaufmann für Spedition und Logistikdienstleistung mit dem Fachwirt für Güterverkehr und Logistik als spezielles Angebot für Abiturienten vor. "Wenn sich das etabliert, ist es ein echtes Plus", ist sie überzeugt.

Einen Schritt in diese Richtung hat der Großverbraucherspezialist Transgourmet bereits gemacht: Seit zwei Jahren bietet der Food-Zusteller ein eigenes Abiturientenprogramm zur Fachkraft für Lagerlogistik "Plus". Es garantiert den Berufseinsteigern vertraglich die berufsbegleitende Fortbildung zum IHK-geprüften Logistikmeister – sofern Ausbildungsnote und Leistung stimmen.

Das Angebot kommt bei Bewerbern gut an

Julie-Anne Rhodes, Ausbildungsreferentin, stellt fest, dass dieses "attraktive Angebot" bei Bewerbern gut angekommen ist. Inzwischen gibt es im Unternehmen die ersten Ausbildungsabschlüsse des Modells und in Kürze fällt der Startschuss für die Fortbildung. Bei Transgourmet sieht man so gute Chancen, Talente durch interne Förderung ans Unternehmen zu binden und den Führungskräftenachwuchs aus den eigenen Reihen zu entwickeln.

In Anbetracht des fortschreitenden Fachkräftemangels in der Transportwirtschaft wächst die Notwendigkeit für Ideen. Bisher setzen die Unternehmen eher auf duale Studiengänge, um die Aufmerksamkeit von Abiturienten zu gewinnen.

Aus Einzelhandelssicht handelt es sich bei den Kandidaten für das Abiturientenprogramm um eine andere Zielgruppe als bei den dual Studierenden. Der noch größere Praxisbezug sei ideal für all jene, die im Studium nicht richtig aufgehoben sind – selbst wenn ihr Schulabschluss dies suggeriert. Immer häufiger würde sich das Modell auch als Auffangbecken für Studienabbrecher bewähren, berichten Ausbildungsfachleute. Dieser Karriereweg ermöglicht ihnen Führungsverantwortung und einen Abschluss, der nach dem Deutschen Qualifikationsrahmen DQR ebenso die Stufe sechs erreicht, wie ein Bachelorabschluss.

Sie haben Fragen oder Anmerkungen zu diesem Artikel?
Schicken Sie eine Email an die Redaktion.

Hier können Sie die Nutzungsrechte an diesem Artikel erwerben.

Meistgelesen

stats