Nationalitätenvielfalt im Verkauf Handel zeigt Gelassenheit

von Silke Biester
Freitag, 24. März 2017
Spiegel der Gesellschaft: Mitarbeiterinnen mit Hidschab werden akzeptiert.
Spiegel der Gesellschaft: Mitarbeiterinnen mit Hidschab werden akzeptiert.
Ein Kopftuchverbot für Mitarbeiter würde infolge der aktuellen Klarstellung des Europäischen Gerichtshofes einfacher. Die Ambitionen des Lebensmittelhandels, daraus Konsequenzen zu ziehen, sind gering. Ein Stimmungsbild aus der Praxis.

Die Frage "Kopftuchverbot ja oder nein?" zieht immer wieder ein lautes Medienecho nach sich. So auch, als vergangene Woche der Europäische Gerichtshof entschied, dass Unternehmen ein Kopftuchverbot durchsetzen können, sofern es für alle Mitarbeiter gültige Regeln gibt, die das sichtbare Tragen religiöser oder politischer Zeichen grundsätzlich verbieten. Dies gilt umso mehr im Kundenkontakt. Zuvor war die Sachlage eher anders herum: Die Religionsfreiheit wurde höher bewertet als das unternehmerische Interesse. Selbst, wenn es entsprechende Formulierungen im Arbeitsvertrag gegeben hat, waren sie nicht anwendbar.

Während sich an der allgemeinen Diskussion vielfach Menschen beteiligen, die in der Praxis wenig betroffen sind, arbeiten im Handel tagtäglich Menschen unterschiedlichster Weltanschauungen zusammen. Es dürfte kaum eine Branche mit ausgeprägterer Multi-Kulti-Belegschaft geben: Aldi Nord beispielsweise bringt es in neun europäischen Ländern auf Beschäftigte aus 119 Nationen.

"Ohne Muslimas wäre der Handel sehr viel personalärmer"

Und auch das regionale, ausschließlich in Deutschland filialisierte Handelsunternehmen Tegut beschäftigt 59 Nationalitäten. "Wir haben Mitarbeitende, die ein Kopftuch tragen", berichtet Tegut-Sprecherin Stella Kircher. Dabei gebe es weder Konflikte noch sieht sie besonderen Regelungsbedarf. Lediglich die HACCP-Richtlinien würden das islamische Kleidungsstück im Frischebereich etwas einschränken.

Auch bei Lidl Deutschland gibt es keine entsprechende Richtlinie, teilt das Unternehmen mit. Probleme seien nicht bekannt. Und Aldi Süd verweist darauf, dass alle Mitarbeiter willkommen sind, "gleich welchen Geschlechts, Alters, Religion, sozialer oder nationaler Herkunft, Behinderung, Staatsangehörigkeit, sexueller Orientierung oder anderen Kriterien und persönlichen Eigenschaften".

"Ohne Muslimas wäre der Handel sehr viel personalärmer", stellt der Edeka-Kaufmann Falk Paschmann klar. Auch er beschäftigt eine Kopftuch tragende Muslima im Verkauf. Als die bereits langjährig angestellte Türkin sich entschlossen hatte, das religöse Symbol während der Arbeit zeigen zu wollen, sei er zwar zunächst unsicher gewesen, ob dies zu Konflikten führen könnte, ob sich Gräben im Team auftun oder Kunden negativ reagieren. Doch das war nicht der Fall. Die Gemeinschaft der Mitarbeiter hat einen unproblematischen Umgang mit der Veränderung gefunden.

Ähnlich sieht es in dm-Drogeriemärkten aus. Zu der aus 100 Nationalitäten zusammengesetzten Belegschaft zählen einige Kolleginnen mit Kopftuch. "Die Zusammenarbeit ist von Toleranz und gegenseitiger Akzeptanz geprägt", lobt Christian Harms, der in der Geschäftsführung für den Bereich Mitarbeiter verantwortlich ist. "Mir sind keine Probleme bekannt." Bei dm ist es üblich, dass die Zentrale zwar eine Empfehlung gibt – in diesem Fall zählt ein Kopftuch aus modischen Gründen nicht zur Arbeitskleidung, kann als religiöses Symbol aber getragen werden – letztendlich ist es jedoch eine Entscheidung der jeweiligen Filialteams, wie sie dies in der Umsetzung gestalten.

"Realtät hat die Probleme längst gelöst"

Ob sich durch das aktuelle Urteil etwas ändert? "Wenn sich Bedingungen verändern, schauen wir uns diese genau an, diskutieren sie und kommen dann zu einer Entscheidung", beschreibt Harms den internen Ablauf. "Dieser Vorgang ist noch nicht abgeschlossen."

Für den selbstständigen Edekaner Paschmann ist die Frage nicht mehr zeitgemäß. Zwar schaffe das Urteil Klarheit und gibt den Unternehmen die Entscheidungsfreiheit zurück, doch es befasse sich mit Problemen, "die die Realität schon vor einigen Jahren gelöst hat", findet er. Im Ruhrgebiet, wo die Familie Paschmann neun Märkte betreibt, gehört das Hidschab heute ganz normal ins Straßenbild. Warum sollte man es verbieten? "Es ist nicht sinnvoll, das Rad wieder zurück zu drehen", sagt Paschmann.

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