Schlappe für die NGG

von Redaktion LZ
Freitag, 26. August 2005
LZ|NET. Fast im Handstreich hat die Nestlé Deutschland für ihre Zentrale die 38-Stunden-Woche ausgehebelt. Die Gewerkschaft NGG fühlt sich düpiert und prüft rechtliche Schritte.



Das Ergebnis ist eindeutig. Mit 99,3 Prozent haben sich die Mitarbeiter in der Frankfurter Zentrale der Nestlé Deutschland AG für die 40-Stunden-Woche entschieden. So zumindest der Rücklauf der einzelvertraglich zu vereinbarenden Abänderung der Arbeitsverträge. Dazu Unternehmenssprecher Hartmut Gahmann: "Das ist ein klares Signal." Für den Konzern besonders komfortabel: Die zwei Stunden Mehrarbeit kosten keinen Cent.

Ein Hauptgrund für die Mehrarbeit ist laut Gahmann, dass in Frankfurt kundennahe Bereiche angesiedelt seien wie Marketing, Verkauf und Export. Und: "Um uns herum stellen Mittelständler und Großunternehmen ohnehin auf die 40-Stunden-Woche um."

Keine Tarifbindung

Den Verträgen voraussgegangen waren nur zwei Betriebsversammlungen. Die Nestlé-Verwaltung ist zwar Mitglied im Arbeitgeberverband, jedoch ohne Tarifbindung.

Angesichts der Situation auf dem Arbeitsmarkt verwundert das Votum der Mitarbeiter kaum. Zumal jedem Einzelnen wohl klar war, dass dem Konzern wegen des Drucks von Seiten des Marktes geprägt von Discount-Boom, Handelsmarken-Expansion und Konsumzurückhaltung nicht zum Spaßen zumute ist. Für die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten dürfte der Vorgang jedoch wie ein Schlag ins Gesicht wirken.

Nach Jahren zäher Tarifverhandlungen und Lohnkompromissen zu Gunsten reduzierter Wochenarbeitszeiten scheren ausgerechnet Mitarbeiter eines der prominentesten Unternehmen der Branche aus dem Tarifgefüge aus.

NGG prüft Rechtsweg

Entsprechend heftig die Reaktion. Zurzeit prüft die NGG rechtliche Schritte, um am Fall Nestlé klären zu lassen, wo die Grenzen sind. Mit welcher Strategie die Juristen vorgehen werden, wollte ein Sprecher "wegen der frühen Phase der Prüfung" noch nicht offenbaren.

Unabhängig vom Ausgang möglicher Auseinandersetzungen merken Arbeitnehmervertreter an, dass ein nicht unerheblicher Teil der Nestlé-Mannschaft in Frankfurt schon längst weit mehr als 38 oder 40 Stunden pro Woche arbeitet, um das Pensum überhaupt zu schaffen. Leitende Angestellte wüssten ein Lied davon zu singen. Immer neue Effizienz-, Einspar- und Fitness-Programme hielten das Management neben seinen eigentlichen Aufgaben zusätzlich in Atem.

Gewerkschaftsvertreter halten zwei Stunden Mehrarbeit pro Woche im Falle der Nestlé-Zentrale nicht als zielführend. Sie glauben eher, einen vom Gehorsam geprägten Schaulauf gegenüber der Schweizer Konzernzentrale zu erkennen. Statt einer Defensiv-Strategie mittels Einsparkaskaden seien Marktoffensiven gefragt.

Betriebsräte sollen mit Verbraucher-Blick auf den Markt schon mal fast polemisch ihrem Unmut Luft gemacht haben: "Seit der 5-Minuten-Terrine von Maggi hat Nestlé in Deutschland keine echte Innovation mehr zu Wege gebracht. Daran werden die zwei Stunden mehr pro Woche wenig ändern."

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