Neue LZ-Serie Mitarbeiter 4.0 kriegt Unterstützung

von Julia Wittenhagen
Sonntag, 12. März 2017
Schnellere Ergebnisse: Funktionsübergreifende Teams gewinnen an Bedeutung.
Schnellere Ergebnisse: Funktionsübergreifende Teams gewinnen an Bedeutung.
Als Mittel zur Effizienzsteigerung hat die Digitalisierung in Unternehmen längst Einlass gefunden. Neu ist der Blick auf die Mitarbeiter. Wie kommen sie zurecht mit der vierten industriellen Revolution? Die Serie beleuchtet, was Unternehmen, die Mitarbeiter selbst, Arbeitnehmervertreter sowie Recht und Politik tun, um Arbeit 4.0 positiv zu gestalten.

Wir erleben gerade die vierte industrielle Revolution. Diesmal sind nicht Dampfmaschinen oder Fließbänder die Schrittmacher, sondern Daten. Wieder wird sich die Arbeit verändern. Neue Aufgaben entstehen, alte fallen weg. Multichannel-Vertrieb macht Händlern mehr Arbeit, automatische Warendisposition und selbst steuernde LKWs weniger. Neu gebildete Teams sorgen für schnelle Ergebnisse, Freelancer für schnelle Problemlösungen. Wie geht es eigentlich dem Mitarbeiter 4.0?

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"Die Arbeitswelt steht an einem Scheideweg", brachten es die Forscher des Münchner Instituts für Sozialwissenschaftliche Forschung letzten Dezember auf den Punkt. Einerseits drohe unter den Stichwörtern "lean" und "agil" auch der Kopfarbeit die Organisation am digitalen Fließband, andererseits würden sich neue Möglichkeiten für mehr Selbstbestimmung und Empowerment der Beschäftigten abzeichnen.

Im Auftrag des Hans-Böckler-Instituts hatten die Wissenschaftler digitale Arbeitsorganisation einmal ganz bewusst im Büro und nicht in der Produktion untersucht. Am Ende standen zeitliche Taktung, maximale Transparenz und Stress, "weil alle vier Wochen irgendwas gezeigt werden muss", den positiven Faktoren gegenüber. Dazu gehörten intensive Teamarbeit, kollektives Lernen, flexible Arbeitszeit und die Möglichkeit, eigenverantwortlich Innovationen zu generieren.

Veränderung der Arbeitswelt


Wie Digitalisierung sich aus der Sicht von Berufstätigen auswirkt, dazu hat die Universität St. Gallen letztes Jahr in Kooperation mit Barmer, Telekom und Bild am Sonntag eine repräsentative Studie mit 8000 Teilnehmern durchgeführt. Abweichungen nach Alter, Beruf und Branche waren gering.
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Licht und Schatten, Angst und Offenheit. Diesen Zwiespalt in der Gefühlslage spiegelt auch der DGB-Index "Gute Arbeit 2016" wider, der nicht im Verdacht steht, Unternehmen nach dem Mund zu reden. 10 000 abhängig Beschäftigte hat die Gewerkschaft zur Qualität ihrer Arbeitsbedingungen in Zeiten der Digitalisierung befragt.

Mit "Rot" markiert der DGB die Zustimmung von jeweils rund 50 Prozent der Befragten dazu, dass Belastung, Arbeitsmenge, Multitasking und auch Überwachung und Kontrolle der Arbeitsleistung durch Digitalisierung größer geworden sind. "Grün" gab es für "eher größer gewordene Entscheidungsspielräume" und die "eher größer gewordene Work-Life-Balance".

Schwieriges Ergebnis für eine Gewerkschaft, der Mitbestimmung am Herzen liegt. Wo soll sie ansetzen, wenn die Mitarbeiter mit Arbeit 4.0 gar nicht so unglücklich sind? Wie soll sie die in der Netzökonomie schützen, die weder einen Betriebsrat kennen noch überhaupt angestellt sind?

Und selbst in mitbestimmten Betrieben ist fraglich, ob alle Betriebsräte fit genug in Sachen Arbeit 4.0 sind, um für Stressabbau oder Datenschutz in automatisierten Prozessen den richtigen Dreh zu finden. Der Nachweis der Gesundheitsgefährdung durch psychische Belastung etwa gilt auch in Gewerkschaftskreisen als schwierig, obwohl sie seit 2013 explizit im Arbeitsschutzgesetz aufgeführt ist.

Noch nicht einmal der Krankenstand der Deutschen liefert den Nachweis dafür, dass der gefühlt gestiegene Stresspegel der Mitarbeiter durch Vernetzung, neue Arbeits- und Führungsmethoden negative Folgen hat: 2015 waren die Deutschen im Schnitt 17,3 Tage krankgeschrieben. Damit setzt sich die 2014 eingeläutete Senkung des Krankenstandes fort. Der Dachverband der Betriebskrankenkassen sieht einen möglichen Zusammenhang zum "Engagement im betrieblichen Gesundheitsmanagement, das sich nun langsam auszuzahlen beginnt".

Viele Unternehmen engagieren sich für die Gesundheitsförderung der Mitarbeiter und gehören damit in zweifacher Hinsicht zu den wichtigsten Playern bei der Gestaltung guter Arbeit. Aber auch die Mitarbeiter selbst sind gefragt, nicht nur eigenverantwortlich zu arbeiten, sondern individuelle Wege für ihren Ausgleich zu finden.

Längst bilden sich Gewerkschaften und Betriebsräte in Sachen 4.0 fort, um Mitarbeiter auch vor sich selbst zu schützen. Vierter Akteur ist die Politik, die dort von außen mit Regeln und Gesetzen in den Arbeitsprozess eingreifen kann, wo etwas in Schieflage zu geraten droht. Gerade vor dem Hintergrund "vielfach fehlender Betriebsrats- oder Tarifvertragsabdeckung könne man die Gestaltung der Beschäftigungs- und Arbeitsbedingungen nicht allein den Betriebs- und Tarifparteien überlassen", heißt es beim Hans-Böckler-Institut.

Mit der Vorstellung ihres Weißbuchs "Arbeiten 4.0", dem ein 19 Monate langer Dialog mit allen Interessengruppen voranging, hat Bundesbildungsministerin Andrea Nahles im November deutlich gemacht, dass sie Verantwortung übernehmen will. "Konkret schlage ich mehr Wahlarbeitszeitoptionen und eine innovative Arbeitszeitgestaltung vor, die persönliche Zeitbedarfe neben der Erwerbsarbeit anerkennt", heißt es dort. "Ich möchte Lernräume schaffen, um den Sozialpartnern zu ermöglichen, in der betrieblichen Praxis auszuprobieren, ob mehr Flexibilität und Schutz vor Überlastung zusammengehen. Und mein Ziel ist eine Weiterbildungsoffensive und ein Recht auf Weiterbildung, weil sich die Anforderungen an die Arbeitnehmer in neuem Ausmaß verändern", erklärte sie. Das Weißbuch Arbeiten 4.0 setze einen wichtigen Impuls, um die "Digitalisierung als Chance auf einen Jahrhundert-Fortschritt für die Arbeitswelt zu nutzen".

In loser Folge stellen wir in unserer neuen Serie die Aktivitäten aller Interessengruppen vor.

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