New Work "Achtsamkeit ist das neue Joggen"

von Julia Wittenhagen
Freitag, 16. März 2018
Mitarbeiterentwicklung 4.0: Wer Stressfaktoren erkennt, kann sie steuern und mit mehr Klarheit und innerer Stärke Change-Prozesse im Unternehmen meistern.
Mitarbeiterentwicklung 4.0: Wer Stressfaktoren erkennt, kann sie steuern und mit mehr Klarheit und innerer Stärke Change-Prozesse im Unternehmen meistern.
Direkt aus dem Silicon Valley kommen die Achtsamkeitsübungen, für die viele  SAP-Mitarbeiter derzeit auf der Warteliste stehen. 6 500 haben das zweitägige Training schon durchlaufen. Damit übernimmt der Softwarehersteller unter deutschen Unternehmen eine Vorreiterrolle. Von den eigenen Kunden kommen so viele Nachfragen, dass SAP die Anleitung zur Achtsamkeit nun als Beratungsleistung anbietet.

Zwei Tage Auszeit vom Job, Klangschalen lauschen, Augen schließen, tief atmen, Eigenwahrnehmung schärfen, meditieren, bewusster Zuhören üben, bewusster essen und laufen: Was nach dem Thema für ein Wellness-Wochenende klingt, bekommen SAP-Mitarbeiter während der Arbeitszeit geschenkt. Wahlweise an zwei ganzen Tagen oder vier halbe Tage. Jeder der weltweit rund 90 000 Mitarbeiter darf sich für das Mindfulness-Training mit dem Titel "Search inside yourself" bewerben.

6 500 waren schon dabei und können offensichtlich so viel Gutes berichten, dass weitere 5 500 Mitarbeiter auf der Warteliste stehen. "Wir sind selbst überrascht vom Erfolg", sagt Peter Bostelmann, Director Global Mindfulness Practice. Bevor der Wirtschaftsingenieur diese genauso klangvolle wie ungewöhnliche Funktion übernahm, war er für SAP als leitender Berater viele Jahre in San Francisco und Silicon Valley im Einsatz. "Ich begann privat mit Meditation, ging auch einmal im Jahr in ein Schweige-Retreat und merkte, dass ich bei Belastungen mehr innere Ruhe gewann, Klarheit, mentale Stärke und damit auch mehr Zufriedenheit bei meinem Tun", erinnert er sich. "Bei Intel und Google sah ich, dass sie für ihre Mitarbeiter Mindfulness-Programme auflegten – mit gleichem Ziel."


Also suchte auch SAP den Kontakt zum Anbieter und das Achtsamkeitstraining begann 2011 als "Graswurzelbewegung" der privat von Meditation und Achtsamkeitstrainings begeisterten Mitarbeiter in aller Welt. Dank starkem internen Empfehlungsmarketing wurde das Ganze 2014 für Bostelmann zum Fulltime-Job. Immer mehr Mitarbeiter trugen sich in die Wartelisten ein. "Und dann haben so viele Kunden angefragt, was wir da eigentlich machen, dass wir daraus eine neue Dienstleistung entwickelt haben", sagt er.
Überzeugungstäter: Peter Bostelmann, Director Global Mindfulness Practice, SAP
Überzeugungstäter: Peter Bostelmann, Director Global Mindfulness Practice, SAP

Siemens war im Mai letzten Jahres der erste Kunde, der bei SAP um Unterstützung bei dieser neuzeitliche Spielart des "gesunden Unternehmens" bat. "Mit Kunden aus der Konsumgüterindustrie sind wir auch schon im Gespräch", so der der Global Mindfulness Direktor. "Wir sind Überzeugungstäter und reagieren gern auf Anfragen."

Stressbewältigung als Nebeneffekt

Worum geht es? "Um Stressbewältigung schon mal nicht. Sie ist nur ein valider Nebeneffekt", sagt Bostelmann. "Es geht darum, innere Barrieren abzubauen durch gestärkte Selbstwahrnehmung. Denn nur was man wahrnimmt, kann man steuern."

Das Training besteht zu einem Drittel der Vermittlung von neurowissenschaftlichen Fakten. Das kommt bei den rational veranlagten IT-Talenten gut an und nimmt dem Angebot den esoterischen Touch. Hier lernen die Teilnehmer, wie das Hirn sich verändert durch die Art und Weise, wie wir es nutzen und was Achtsamkeit bedeutet: "Autopiloten abschalten, Sinne spüren, Atem spüren und im Moment ankommen", umreißt Bostelmann. "Durch Achtsamkeitsübungen trainieren wir ganz gezielt unsere emotionale Intelligenz."

Raus aus dem hamsterrad

Die Zunahme psychischer Erkrankungen wie Burnout haben Unternehmen offener für Übungen zur Achtsamkeit (englisch Mindfulness) gemacht. Häufig basieren sie auf "Mindfulness Based Stress Reduction", kurz MBSR-Trainings, die in den 1970er-Jahren in den USA als Geistes-Übungen mit meditativen Elementen entwickelt wurden. Idee: Wer besser wahrnimmt, wie sich Druck, Überlastung, Erschöpfung im Körper anfühlen, kann seinen Umgang mit Belastung verbessern. Viele Studien belegen den Nutzen. Weltweit wird MBSR im Gesundheitsbereich, in pädagogischen Einrichtungen, aber auch Unternehmen wie Bosch und Siemens angewandt. Bei der Trainersuche hilft der MBSR-Verband.

Praktische Übungen bilden das zweite Drittel des Trainings. Elemente wie achtsames Zuhören sollen insbesondere den authentischen menschlichen Kontakt zu Kollegen stärken. Vertiefung im Team bildet den letzten Teil. "Unser Ziel ist es, jedem Teilnehmer einen bunten Strauss von Möglichkeiten an die Hand zu geben, aus dem er die zwei bis drei Übungen aussucht, die ihm besonders guttun", erklärt Bostelmann. Bei der Integration in den Alltag hilft SAP: Meetings starten oft mit einer Besinnungsminute, in den Niederlassungen werden halbstündige Meditationen und Mindful-Lunches angeboten. Regel hier: kein Handy, Stille, volle Konzentration aufs Essen. Sicher ist, dass die "Achtsamkeitswelle" bei SAP nicht so schnell abflauen wird: Den bislang 21 Mitarbeitern, die sich zu Mindfulness-Trainern haben ausbilden lassen, folgen in diesem Jahr weitere 23.

Zur Kritik, Unternehmen wie Google oder SAP wollten mit Mentalprogrammen ihre Mitarbeiter durchoptimieren, kontert Bostelmann, das Gegenteil sei der Fall. "Die Mitarbeiter werden in ihrem Selbst gestärkt. Sie rennen hinterher nicht noch schneller im Hamsterrad, sondern sorgen dafür, dass sie mehr Zufriedenheit finden beim Arbeiten."

"Achtsamkeit ist das neue Joggen"

Das passe einfach in die Zeit, in der Selbststeuerung, Kreativität und Change Management zu Kerntugenden werden. "Und manchmal kommen sie auch zu der Einsicht, dass sie lieber etwas ganz anderes machen möchten." Fünf bis zehn Prozent der Teilnehmer wechseln nach dem Training beruflich in eine für sie stimmigere Position, weiß Bostelmann.

"Achtsamkeit ist das neue Joggen", glaubt er. "Vor 70 Jahren galt Sport treiben auch noch nicht für jeden als gesundheitsfördernd." Das Zukunftsinstitut hat Achtsamkeit neulich sogar zum größten Gegentrend zur hektischen Digitalisierung ausgerufen.

"Die Trainings haben einen Return on Investment von 200 Prozent", wirbt Bostelmann etwas scherzhaft. Belegt ist, dass sie SAP mehr bringen als kosten: Mitarbeiter sind nach dem Training engagierter, weniger gestresst, zeigen mehr Vertrauen in das Unternehmen, haben weniger Krankheitstage, arbeiten fokussierter und verbessern soziale Fähigkeiten. Dies habe der Vergleich mit einer nicht trainierten Kontrollgruppe aus einer Mitarbeiterstudie gezeigt.

Für Bostelmann sind Achtsamkeitstrainings Personalentwicklung pur: Mitarbeiter, die mit dem Wandel Schritt halten und sich dabei wohl und gesund fühlen, seien essenziell für den Unternehmenserfolg.

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