New Work Melitta ermutigt jeden zur Innovation

von Julia Wittenhagen
Freitag, 22. Dezember 2017
Multidisziplinäres Innovationsteam: Helen Möhle, Consumer Insights & Trends, Christian Busse, Design & Development, René Korte, Leiter Innovationsmanagement, Strategy und Foresight sowie Joshua Wlotzka, Collaboration & Communication (v.l.)
Fotos: Simone Pohlmann (großes Bild), Make Studio (ffeel)
Multidisziplinäres Innovationsteam: Helen Möhle, Consumer Insights & Trends, Christian Busse, Design & Development, René Korte, Leiter Innovationsmanagement, Strategy und Foresight sowie Joshua Wlotzka, Collaboration & Communication (v.l.)
Für das Aufsetzen von neuen Produkten und Prozessen hat Melitta im letzten Jahr ein Innovationsteam gegründet. Zu dessen Mission gehört auch, jeden Mitarbeiter zum Um- und Andersdenken zu ermutigen.

Auf den ersten Blick zählen Bewerber Melitta vielleicht nicht zu den coolsten Arbeitgebern: Standort Minden/Westfalen, Kaffee- und Haushaltsartikel, bekannt schon aus der Oma-Generation, Familienunternehmen. Doch schon beim zweiten Blick wandelt sich das Bild: lange Erfolgsgeschichte plus Gespür für den Zeitgeist, wie die jüngste Cold Brew Kreation Ffeel zeigt. Sprudelnde Umsätze und seit 2015: Neuausrichtung und Umbau. Jero Bentz, geschäftsführender Gesellschafter und Urenkel von Firmengründerin Melitta Bentz, treibt ihn unter dem Titel "Melitta 2020" voran. Dazu gehörte Anfang letzten Jahres die Gründung eines zentralen Innovation Teams.

Die neue interdisziplinäre Muntermacher-Einheit besteht aus drei Männern und einer Frau: Helen Möhle, Product Manager Innovations. "70 Prozent unserer Zeit verwenden wir dafür, selbständig neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, 30 Prozent der Zeit dafür, als Botschafter und Enabler die Mitarbeiter für neue agile Arbeitsmethoden wie Design Thinking, Business Model Innovation oder Lean Start-up zu gewinnen", beschreibt sie ihr Tun. Denn bei der heute so wichtigen steten Selbsterneuerung, verfolgt Melitta einen demokratischen Ansatz: "Für uns kommt Innovation nicht von verrückten Leuten. Kreativität ist erlernbar", so Möhle. Jeder in der Hierarchie kann seine Fähigkeiten entwickeln und neue Arbeitsmethoden im Rahmen von Ein-Tages-Workshops erlernen.

"Wir möchten das Thema Innovation, das sich vorher in verschiedenen Unternehmensbereichen abspielte, zentral angehen und dabei den Mitarbeitern die Chance geben, aus ihrer eigenen Produkt- und Markenwelt auszubrechen", erklärt Jana Dobrunz aus dem HR-Marketing den Ansatz. "Über den Tassenrand schauen, heißt das bei Melitta", lächelt sie. Das entfache Energien und tue den Mitarbeitern gut. "Jeder kann teilnehmen, keiner muss."

Dass neue Methoden und Teamarbeit sehr fruchtbar sein können, dafür liefert das Innovation Team selbst den besten Beweis: "Letzten Sommer hatten wir die Idee, den Cold-Brew-Trend aufzugreifen und ein entsprechendes Produkt zu entwickeln. Statt langwierig zu entwickeln, fuhren wir einfach in den Supermarkt, kauften Säfte, Kokosnusswasser und fingen an, sie mit dem Kaffee zu mixen", so Möhle. Die besten Kreationen durften Kollegen im Haus testen. "Rote Beete fiel raus, aber der erste Prototyp mit Kokosnuss, Mango und Mineralwasser war geboren." Gemeinsam mit Partnern aus dem Fruchtbereich wurden weitere Rezepturen erarbeitet und bereits im Januar konnten die ersten Flaschen in der Zentrale verkostetet werden. "Wir haben parallel die Rezeptur verfeinert, uns um das Packaging gekümmert und die Getränke extern getestet bei dem Mode- und Design-Event LeBloc in Köln und dem Yoga-Event Wanderlust." Auch Großstadtgastronomen wurden auf das Trendgetränk aus dem Haus Melitta angesprochen. Seit November ist es vereinzelt in Trendlokalen und im hauseigenen E-Shop erhältlich.

Sichtbarer Erfolg: Die Kreation des Cold-Brew- Getränks „FFeel“ in drei Sorten.
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Sichtbarer Erfolg: Die Kreation des Cold-Brew- Getränks „FFeel“ in drei Sorten.

"Im Gegensatz zu den Fachabteilungen hat unser Team den Vorteil, dass wir uns voll auf Innovation konzentrieren können", erklärt Möhle. "Wir kommunizieren sehr offen, was wir tun, und ersparen den Kollegen Interessenkonflikte mit ihrem Tagesgeschäft", sagt sie. Ihre HR-Kollegin Dobrunz ergänzt: "Im Vorfeld geht man auf den Unternehmensbereich zu und macht den Mehrwert klar." So hätte die "Kaffeeeinheit" in Bremen gar nicht die Ressourcen, um ein Kaltgetränk zu entwickeln.

Doch auch das Innovationsteam kann sich nicht wie ein Start-up 24 Stunden am Tag auf ein Projekt konzentrieren. "Wir arbeiten an unterschiedlichen Geschäftsmodellen und Produktideen", macht Helen Möhle klar. So wurde ein Projekt mit der Hochschule Pforzheim genutzt, um unverbrauchte Ideen zur Kaffeezubereitung 4.0 zu sammeln. "Wir haben die Ideen intern bewertet und weiterentwickelt." Anschließend wurden Smoke-Tests genutzt, um das Potenzial zu prüfen. Diese Methode dient dem Zweck, die Akzeptanz eines Produktes schnell anhand einer Stichprobe zu messen, etwa indem Online-Kunden einen fiktiven Kaufbutton klicken können.

Ffeel: Jetzt schon in Online-Handel und Trendgastronomie
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Ffeel: Jetzt schon in Online-Handel und Trendgastronomie

"Mit Hilfe der neuen agilen Arbeitsmethoden haben wir gelernt, schnell Klarheit zu gewinnen, was ausschlaggebend ist, um in einem Projekt voranzukommen. 80 Prozent Perfektion reichen häufig aus", sagt Möhle. So fehlt der Flasche des Cold Brew Getränks in der ersten Phase der Testabfüllung noch die Rückbedruckung. "Wir haben ersatzweise Papieranhänger drangebunden."

Schließlich gehe es darum, die Geschwindigkeit in der Entwicklung zu halten. "In den kommenden Monaten fokussieren wir uns auf die Markteinführung von Ffeel. Im ersten Schritt wollen wir uns hierbei auf die Gastronomie konzentrieren."

Jana Dobrunz : HR-Marketing
Franz Bischof
Jana Dobrunz : HR-Marketing

"New Work" nutzt Melitta beim Recruiting

Die Öffnung für das Neue setzt Melitta gezielt bei der Nachwuchsgewinnung ein. "Das mehr an Möglichkeiten" lautete der Claim im Employer Branding. Die neuen Arbeitsweisen stellte Helen Möhle beim Absolventenkongress in Köln vor. Jana Dobrunz weiß aus vielen Gesprächen, dass auch typische Melitta-Werte wie Tradition und Sicherheit bei der Jugend positiv besetzt sind. "In Verbindung mit Internationalität und offenen Strukturen bieten wir eine Superkombi", freut sie sich. "Mit rund 4 000 Mitarbeitern weltweit, davon 1 139 in Minden, sind wir groß, aber nicht unübersichtlich." Aus Minden könne man kein München machen, aber wenn Familiengründung anstehe, zögen Wasser und Natur viele Westfalen zurück in die Heimat. "Deshalb tun wir auch einiges, um die Region mit Sportveranstaltungen oder Sommerbühne attraktiv zu gestalten." Melitta unternehme viel mehr als früher, um sich als Arbeitgeber zu positionieren. "Heute verbinden wir gezielt unsere Stärken mit der Attraktivität der Produkte. Dabei hilft uns, dass Kaffee ein Trendgetränk ist."

Ganz bewusst gestalte Melitta die Einführung als offenen Prozess. Wo das kalte Kaffeegetränk im Dezember 2018 stehen soll und in welcher Sortierung, ist noch nirgends festgeschrieben. Auch nicht, welche operative Einheit Ffeel steuern soll, wenn sich das Produkt etabliert und das Innovationsteam andere Neuheiten voranbringen will.

Nur eins ist sicher: Die vier Kreativen werden lieber weiterhin selbst durch die Start-up-Brille schauen, welche Bedürfnisse etablierter Geschäftsfelder Melitta noch nicht befriedrigt und "sich selbst challengen", wie es Helen Möhle ausdrückt, als vom Markt unter Druck gesetzt zu werden.

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