In Teams produzieren und warten

von Redaktion LZ
Freitag, 14. Januar 2005
LZ|NET. Mit Gruppenarbeit sichert die Braunschweiger Nordzucker AG ihre Zukunft. Traditionelle Strukturen und eine Produktion außerhalb der Norm stellen besondere Anforderungen.



Drei Monate arbeiten bis zum Anschlag, um dann die Anlagen im restlichen Jahr wieder auf Vordermann zu bringen - der Arbeitsrhythmus in der Zuckerindustrie mutet bizarr an.

"Während der Rübenkampagne verändert sich unsere Organisation in den Werken komplett - jeder hat quasi zwei Berufe", erklärt Volker Schramm, Personalentwickler für den gewerblichen Bereich bei der Nordzucker AG in Braunschweig.

Sind die Mitarbeiter in der Rüben-Verarbeitung Anlagenfahrer, sorgen sie in der Instandhaltung von Jahresanfang bis August dafür, dass das Werk bis zum nächsten Mal wieder reibungslos läuft.

Aufgrund der Veränderungen im europäischen Zuckermarkt befindet sich die deutsche Zuckerindustrie im Umbruch. Die Folge: Durch sinkende Mitarbeiterzahlen wird die verfügbare Instandhaltungszeit immer knapper.

Bei Europas zweitgrößtem Zuckerhersteller soll nun Gruppenarbeit während der Reparatur-Zeit für effizientere Abläufe sorgen. Eine Herausforderung für die internen Personalentwickler und das Münchner Beratungsunternehmen Janus, welches die Einführung begleitet.

Neue Form der Instandhaltung

"Die nächste Instandhaltungszeit wird anders sein als in den letzten 50 Jahren", beschreibt Axel Aumüller, Manager Produktion National, den Kulturwandel, der das Unternehmen erfasst hat. Rund 800 Mitarbeiter sollen künftig in einer bedarfsgerechten Instandhaltung mehr Verantwortung für die eigene Arbeit übernehmen.

Damit bricht das Projekt mit gewohnten Traditionen und nutzt die Mitarbeiter als Experten vor Ort. Das Ziel: Optimierte Prozessabläufe, eine verbesserte Wettbewerbsfähigkeit und eine höhere Arbeitszufriedenheit im gewerblichen Bereich.

"Die Belegschaft im gewerblichen Bereich muss verstehen und akzeptieren, dass sie die Gruppenarbeit gleichermaßen gestalten soll und darf", beschreibt Rüdiger Jaernecke, Manager Personal und Leiter des Projektes, die aktuelle Aufgabe.

Ein Change-Projekt sensibilisierte in den vergangen Jahren das norddeutsche Unternehmen für den Umbruch. Nun hat der Wandel jeden Einzelnen an seinem Arbeitsplatz erreicht. Historisch bedingt gibt es unterschiedliche Organisationsstrukturen und Hierarchieebenen: Im Laufe der letzten 20 Jahre sind eine ganze Reihe Unternehmen zur Nordzucker AG zusammengewachsen.

Diese führt heute acht Kristallzuckerwerke mit eigener Identität und Dynamik. Das Projekt "Organisation Werke" bietet damit eine Chance, Strukturen anzupassen und Synergien übergreifend zu nutzen.

Bei einem Durchschnittsalter von 44 Jahren und einer mittleren Zugehörigkeit von 18 Jahren stehen Qualifizierung und die grundsätzliche Bereitschaft, anstehende Veränderungen mitzutragen, im Fokus. Das klare Commitment aller Teilnehmer zum Prozess ist ein wichtiges Ziel der angesetzten Qualifizierungsmaßnahmen.

Gewählter Gruppenvertreter

In Gruppen von fünf bis zehn Mitarbeitern sollen die gewerblichen Mitarbeiter künftig für eine effizientere Instandhaltung sorgen. Ein selbst gewählter Sprecher vertritt die Gruppe nach innen und außen. Dabei handelt er im Auftrag der Gruppe und hat gegenüber seinen Kollegen keinerlei Disziplinar- und Weisungsbefugnis.

In jeweils zwei Seminar-Bausteinen und gemischten Gruppen werden die Beteiligten eines Werkes, Meister, Ingenieure und Gruppensprecher, auf die neue Situation vorbereitet. Begleitet werden die Veranstaltungen von internen Co-Trainern, die sich als Vertrauenspersonen in den einzelnen Werken insbesondere mit dem Thema Veränderung beschäftigt haben.

Durch die Schulungsmaßnahme sollen die Teilnehmer aus der Produktion verstehen, wie Gruppen sich entwickeln und wie sie selbst zu dieser Entwicklung beitragen können - oder diese behindern.

"Wir bringen an sinnvoller Stelle Bewegung in die Hierarchien", beobachtet Christian Vordemfelde, Handwerksmeister und Projektverantwortlicher bei Janus, wie die bestehende Hierarchie durchlässig wird und sich schon jetzt bewährte Strukturen organisch und von innen heraus verändern.

Zu Beginn der kommenden Instandhaltungszeit, Anfang 2005, werden dreitägige Großgruppenveranstaltungen in allen Werken den Startschuss für die neue Ära geben. Damit geht die Verantwortung für die Gruppenarbeit auf die Beteiligten in den Werken über. "Wir wollen dabei außerhalb des Alltags die Zusammenarbeit in der neuen Struktur planen und Aufgaben vereinbaren", sieht Personaler Jaernecke optimistisch in die Zukunft.

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