Digitalisierung Online beschleunigt Kulturwandel im Handel

von Silke Biester
Donnerstag, 22. Mai 2014
Personalexperte mit Handels-Know-how: Torsten AlfesFoto: Rochus Mummert
Rochus Mummert
Personalexperte mit Handels-Know-how: Torsten AlfesFoto: Rochus Mummert
Der Onlinehandel attackiert nicht nur das Geschäftsmodell der stationären Retailer, sondern auch deren Arbeitsweise. Eine Veränderung der Führungs- und Leistungskultur ist künftig erfolgsentscheidend, meint Torsten Alfes von Rochus Mummert.
Amazon, Zalando, Ebay und Co. haben die Einkaufswelt verändert. 24 Stunden an sieben Tagen pro Woche sind ihre Shops geöffnet. Die meisten Offline-Händler kontern den Angriff auf ihren Umsatz mit eigenen Online-Shops. Doch dass der Wettbewerb verstärkt auch über die Arbeitskultur ausgetragen wird, ist manchem Entscheider noch nicht bewusst.

"Die größte Herausforderung ist nicht die Technologie oder der Umbau des Geschäftsmodells", ist Torsten Alfes überzeugt. Der auf den Handel spezialisierte Personalberater bei Rochus Mummert erkennt eine Bedrohung in der "konservativen Führungs- und Leistungskultur" der Branche.

Denn die Start-up-Mentalität der digitalen Herausforderer pflegt einen grundlegend anderen Umgang mit Organisationsstrukturen und Arbeitszeiten. Die im Einzelhandel übliche Präsenzpflicht konterkariert die volatile und flexible Online-Kultur.

Alfes spricht von einem "Cultural Clash": Während die Pureplayer eigene Regeln mit vielfältigen Freiheiten umsetzen, prallen bei traditionellen Retailern zwei Welten aufeinander. Innerhalb des Unternehmens ist die Zusammenarbeit von Online und Offline oft schwierig.

Zwischen Arbeitsweisen und Karrierewerten knallt es

Nach Business-Gesichtspunkten wäre die Integration beider Seiten sinnvoll. Doch in der Praxis "knallt es" aufgrund unterschiedlicher Arbeitsweisen und Karrierewerte. Im Handel sind hierarchische Führungsmodelle üblich, Top-Entscheider ordnen der Karriere alles andere unter.

Die nachwachsende Managergeneration stellt diese Haltung infrage. Wer die besten Leute für sich gewinnen will, steht vor einer Herausforderung: Nicht nur die Generation Y fordert einen Wandel der Arbeitswelt.

Auch Manager, die mitten im Leben stehen, wünschen sich mehr Gestaltungsspielraum für Arbeitszeiten und -orte. Themen wie Work-Life-Balance, Teilzeit und Homeoffice gewinnen an Bedeutung. Mit dem Einzug von Online-Teams beschleunige sich die Entwicklung im gesamten Unternehmen.

Der Headhunter beschreibt eine typische Situation: Eine Familie mit Kind, in der beide Eltern karriereorientiert arbeiten, "kalkuliert den Grenznutzen einer beruflichen Veränderung". Dabei zähle "Zeit mit der Familie" ebenso wie "Zeit für sich". Der Wunsch nach Reflexion werde mit dem Gehalt oder der Aufgabe "verrechnet".

Rahmenbedingungen spiele eine wichtige Rolle

Die Rahmenbedingungen spielen in Gesprächen mit Kandidaten, die er für eine neue Managementaufgabe gewinnen möchte, eine wachsende Rolle, berichtet Alfes. Sie geben immer häufiger den Ausschlag, ob jemand ein Angebot annimmt.

"Führungskräfte wollen sich in der Arbeitswelt und in der Privatwelt verwirklichen. Das erfordert die Möglichkeit, durch intelligente Organisation flexibler Zeit- und Präsenzmodulen beide Welten bestmöglich zu integrieren, ohne sich in einer Welt auszugrenzen."

Unternehmen, die das verstanden haben, gewinnen den Wettbewerb um die besten Führungskräfte, prophezeit Alfes: "Der War for Talents wird sich über die Gestaltung der Arbeitsverhältnisse entscheiden – auch und insbesondere bei Führungskräften."

Der Berater empfiehlt eine Umverteilung der HR-Aktivitäten im Handel. Statt in klassische Personalentwicklung und -marketing zu investieren, sollte der Etat in moderne Arbeitszeit- und Führungsmodelle fließen, die sich an den Bedürfnissen der "Führungskräfte 2.0" ausrichten.

(sb)

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