Otto wird gegen Burn-out aktiv

von Redaktion LZ
Freitag, 20. Juli 2012
LZnet. Die Zahl der Burn-out-Fälle in Deutschland steigt. Auf die Arbeitgeber rollt eine Kostenlawine zu. Die Otto Group geht das Problem von beiden Seiten an: mit Vorsorgeangeboten und Hilfestellung für betroffene Mitarbeiter.
Erschöpfung, Depressionen, Angstzustände – darüber spricht man normalerweise nicht, schon gar nicht am Arbeitsplatz. Doch seit es Burn-out gibt, erobern diese Themen die Lufthoheit über Büros und Kantinen. "Der Begriff ist trendy, weil er impliziert, dass jemand zuvor mal richtig gebrannt hat", begründet Karsten von Rabenau die neue Offenheit.

"Eigentlich handelt es sich dabei aber eher um eine fortgeschrittene Anpassungsstörung", stellt der Leiter des betrieblichen Gesundheitsmanagements der Otto Group klar.

Eine fortgeschrittene Anpassungsstörung

"Von ersten Symptomen wie Schlafstörungen oder Kopfweh, permanenter Unzufriedenheit oder Aggressivität bis hin zum Burn-out vergehen mitunter drei bis vier Jahre", beschreibt er den Verlauf. Schließlich komme es zu Depression, Angststörung oder Herzinfarkt.

Eine Gemengelage, die massiv um sich greift. So hat sich die Zahl der Krankheitstage aufgrund des Burn-out-Syndroms von 2004 bis 2010 auf 72 pro 1.000 Versicherte verneunfacht, schlägt das Wissenschaftliche Institut der Ortskrankenkassen (Wido) Alarm. Auf mehr als 50 Milliarden Euro jährlich werden die Kosten für Wirtschaft und Krankenkassen geschätzt.

Rasant steigende Fallzahlen

Auch beim Hamburger Versender steigen die Fallzahlen: "Seit 2004 hat sich der Bedarf für psychosoziale Beratung jährlich um 20 Prozent erhöht", berichtet von Rabenau. Vor acht Jahren sei Burn-out lediglich ein Randphänomen in den Sprechstunden gewesen. "Mittlerweile kommt jeder Sechste zu uns, weil er psychologische Hilfe sucht."

Als Grund vermutet er eine höhere Arbeitsbelastung und -dichte sowie eine Zunahme der Veränderungsgeschwindigkeit – im Arbeitsleben allgemein und auch bei Otto. Davor könne man die Mitarbeiter zwar nicht schützen, aber versuchen, "sie möglichst ideal darauf einzustellen". Nicht die Menge der Arbeit sei dabei entscheidend, sondern, "wie gearbeitet wird".

Wenn die Seele streikt

Wenn die Seele streikt

Die Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen sind im vergangenen Jahrzehnt um 80 Prozent gestiegen.

Fast jeder zehnte Ausfalltag war 2010 auf eine psychische Erkrankung zurückzuführen.

Ausfälle wegen psychischer Erkrankungen dauern mit 23,4 Tagen doppelt so lange wie sonstige.

Von 2004 bis 2010 hat sich die Zahl der Burn-out-bedingten Krankheitstage verneunfacht.

100.000 Menschen wurden 2010 wegen Burn-out krankgeschrieben – das entspricht 1,8 Mio. Fehltagen.

Das Burn-out-Syndrom kostet Wirtschaft und Krankenkassen jährlich mehr als 50 Mrd. Euro. Quelle: Wido



Das Risiko, an Burn-out zu erkranken, hänge neben Faktoren wie Beruf, Partnerschaft und allgemeiner körperlicher Verfassung auch von der persönlichen Disposition ab. In der Regel treffe es Menschen, die besonders ehrgeizig sind, einen Hang zu Perfektion und Kontrolle haben sowie vielfach "von Versagensängsten und übersteigerten Pflichtgefühlen angetrieben werden". Es gebe sogar ganze Teams und Abteilungen, die sich so charakterisieren ließen und damit Gefahr liefen "auszubrennen".

Auch ganze Abteilungen können ausbrennen

Ein wichtiges Tool für Otto, um Warnsignale frühzeitig zu empfangen, ist der "Gesundheitsindex" (lz 21-12), der jährlich auf Basis einer anonymen Mitarbeiterbefragung für die gesamte Belegschaft erstellt wird. Das Messinstrument soll Gesundheitszustand, Belastungen und Ressourcen der Mitarbeiter sichtbar machen.

So könnten gezielte Maßnahmen ergriffen werden. Dazu zählt ein Gesundheitsprogramm, das Wege aus der Erschöpfungsspirale weist. Zudem wurde eine psychotherapeutische Beratungsstelle eingerichtet. Ein Seminar-, Workshop- und Vortragsangebot flankiert die Initiativen. Dabei arbeitet Otto mit Ärzten und Wissenschaftlern zusammen. Von Rabenau betont zudem die Bedeutung einer partnerschaftlichen und damit stressreduzierenden Unternehmenskultur.

Weniger Stress durch partnerschaftliche Unternehmenskultur

Vorsorge sei entscheidend, damit die Mitarbeiter gar nicht erst in die Burn-out-Falle tappen. Und je früher interveniert werde, desto kürzer sei die Therapiephase. Den Führungskräften kommt eine Schlüsselrolle zu. "Sie müssen die Symptome frühzeitig erkennen." Deshalb werden sie eigens sensibilisiert und geschult. Manager, die selbst gefährdet sind, können das Angebot des Konzerns ebenfalls nutzen.

Für Neutralität und Verschwiegenheit sei gesorgt. Das Gesundheitsmanagement-Team ist in einem eigenen Gebäude untergebracht. Und ob jemand wegen Panikattacken oder einer Grippeschutzimpfung im Wartezimmer sitze, könne man von außen nicht sehen. Dennoch zieht es manch eine unter Druck geratene Führungskraft vor, sich Adressen von externen Spezialisten geben zu lassen.

Betroffene werde nicht in Watte gepackt

Von Rabenau ist sicher, für jeden hilfesuchenden Mitarbeiter etwas tun zu können, sofern er bereit sei, auch selbst aktiv zu werden. "Wir lassen keinen im Regen stehen, packen aber niemanden in Watte", formuliert es der Fachmann, der zudem die Wirtschaftlichkeit im Blick hat.

Betriebliches Gesundheitsmanagement muss schließlich auch dem Controlling schmecken. "Wir machen nur Dinge, die Hand und Fuß haben und sich auf lange Sicht für das Untenehmen auszahlen", sagt von Rabenau und erklärt bloßen Wohlfühl-Praktiken eine Absage: Bauchtanzgruppen gibt es hier nicht."

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