Notfallplan für Grippe-Pandemie

von Judit Hillemeyer
Freitag, 14. September 2007
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Eine Grippe-Pandemie kann die Wirtschaft, Hersteller und Einzelhändler empfindlich treffen. Doch nur wenige Unternehmen sind auf den Ernstfall wirklich vorbereitet.



"Viele Manager sind der irrigen Annahme, bei einer Pandemie breche der Markt sowieso zusammen, dann müsse man auch nichts mehr produzieren", klagt Professor Alexander Kekulé, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie in Halle und Seuchenberater des Bundesinnenministeriums. Zahlreiche Unternehmen halten Krisenpläne für überflüssig.

Als Basisszenario sei von einer Erkrankung von 30 Prozent der Mitarbeiter auszugehen. Dabei bleibe die unternehmerische Funktionsfähigkeit erhalten, erklärt Kekulé. Erst ab 50 Prozent müsste die Produktion je nach Branche in unterschiedlichen Umfängen heruntergesetzt werden. "Wer für diese Situation gut gerüstet ist, hat sogar einen echten Wettbewerbsvorteil", so der Seuchenspezialist.

Zu den wichtigsten unternehmerischen Herausforderungen gehören Cash-flow-Probleme, der Krankenstand der Mitarbeiter, Quarantänevorschriften, Reiserestriktionen sowie Behinderung beim Im- und Export.

Veranwortung übernehmen

Die Beratungsfirma für Risikomanagement Marsh, mit Sitz in Frankfurt, hat einen elektronischen Fragebogen (www.marshriskconsulting.com) entwickelt, mit dem Unternehmen ihren Vorbereitungsstand online analysieren können. Danach muss zum Beispiel kontrolliert werden, ob die IT-Infrastruktur ausreicht oder ob es Strategien gibt, Mitarbeiter, Kunden und Aktionäre gleichzeitig zu informieren.

Dabei handele es sich keineswegs um "freiwillige" Maßnahmen. "Auch Gesundheitsrisiken, etwa durch eine drohende Grippe-Pandemie, zählen zu den laut KonTraG (Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich) zu beobachtenden Risiken eines Unternehmens beziehungsweise den zu treffenden Vorsorgemaßnahmen", so die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. US-Analysten beurteilen Unternehmen inzwischen auch nach der Qualität ihrer Pandemiepläne.

Auf den Ernstfall sind in Deutschland tatsächlich nur rund 20 Prozent der Unternehmen vorbereitet, ergab eine Studie des Instituts für Management- und Wirtschaftsforschung, Hamburg. Von den unvorbereiteten Unternehmen sind nur 11 Prozent Großbetriebe, aber 89 Prozent Mittelständler; davon wollen sich 22 Prozent erst nach 2010 mit dem Thema beschäftigen und 27 Prozent überhaupt keine Maßnahmen ergreifen.

Vordringlich ist im Krisenfall, das Ansteckungsrisiko unter den Mitarbeitern zu reduzieren. Dazu dienten umfangreiche Hygienevorschriften. Viele Unternehmen bevorraten sich inzwischen mit antiviralen Medikamenten, die eine Erkrankung um bis zu drei Tage verkürzen können. In der Geflügelindustrie, deren Mitarbeiter als besonders gefährdet gelten, ist diese Maßnahme obligatorisch.

Allerdings bewahrt sie im Fall eines Falles nicht vor einer Schließung. Unilever, Henkel, DaimlerChrysler und Thyssen-Krupp hingegen hoffen, durch den Einsatz der Medikamente den Krankenstand auf einem niedrigen Level halten und weiter produzieren zu können.

Zu den Profiteuren einer Pandemie könnte zum Beispiel die Logistik-Branche gehören. Weil Menschen aus Angst vor Ansteckung den Einzelhandel meiden, eröffnen sich nach einer Studie der Allianz-Gruppe im LEH Chancen für Zustell- und Heimdienste.



(juh)

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