Qualifizierte Polen kommen nicht nach Deutschland

von Judit Hillemeyer
Freitag, 20. April 2007
Zwar ist Polen bereits vor drei Jahren der Europäischen Union beigetreten, doch schränkt die Bundesrepublik Deutschland den Zugang für polnische Erwerbstätige zum deutschen Arbeitsmarkt ein.

Der Sinn der Beschränkungen ist sehr umstritten. Zumal die Republik Polen kürzlich ihren Arbeitsmarkt für Erwerbstätige der alten EU-Staaten vollständig geöffnet hat und Deutschland als Ziel polnischer Arbeitsmigranten in den letzten Jahren an Attraktivität verloren hat. Zwischen August 2000 und Ende 2004 wurden lediglich 909 "Green Cards" an polnische IT-Fachkräfte vergeben.

Der Trend polnischer Migration in die EU-15 weist momentan nach Großbritannien. "Eine Viertelmillion überwiegend junger Polen ist seit dem EU-Beitritt nach Großbritannien und Irland übergesiedelt."

Aber auch die anderen Staaten der EU-15, wie Italien oder Spanien, die ihre Arbeitsmärkte für Erwerbstätige aus den neuen Mitgliedsländern erst vor kurzem vollständig geöffnet haben, scheinen als Ziele für polnische Migranten sehr attraktiv zu sein. Deren ehemalige "Hauptstädte", Berlin und Wien, wurden mittlerweile von Brüssel, Dublin und London abgelöst. Der Abwanderungstrend ist insgesamt so stark, dass die polnische Wirtschaft bereits über einen Mangel an jungen Hochqualifizierten und Fachkräften klagt.

Die Bundesrepublik profitiert bislang nicht von der Abwanderung Hochqualifizierter aus Polen, obwohl sie solche Migranten dringend benötigen würde. Polnische Arbeitskräfte sind überwiegend in Beschäftigungsbereichen, die keine oder nur eine geringe Ausbildung voraussetzen, tätig. Im Vergleich zu anderen Ausländern weisen sie jedoch oft höhere Qualifikationen auf.

Für die deutsche Abschottungspolitik spricht, dass von hoher Arbeitslosigkeit betroffene Segmente zumindest teilweise vor zusätzlicher und meist preisgünstigerer Konkurrenz aus dem Osten geschützt werden. Durch den beschränkten Arbeitsmarktzugang können zwei divergierende Positionen miteinander versöhnt werden: der Bedarf nach ausländischen Arbeitskräften bei gleichzeitiger Abwehr permanenter Zuwanderung.

Dagegen steht jedoch - neben dem Ausbleiben von Fachkräften - auch die These, dass die Abschottung des Arbeitsmarktes eine Hintertür für illegale Beschäftigung darstellt. Die Ursache für das starke Aufkommen an illegaler Beschäftigung liegt allerdings nicht in der Regulierung, sondern in der Nachfrage nach kostengünstigerer Arbeitskraft.

Polen bieten der deutschen Wirtschaft das, was in einigen Sektoren dringend benötigt wird, jedoch aufgrund der Regelungen zum Kündigungsschutz nicht umsetzbar ist: Flexibilität bei gleichzeitig niedrigen Arbeitskosten. Spätestens ab Mai 2011 muss die Bundesrepublik ihren Markt für Arbeitnehmer der EU-8 vollständig öffnen.

Ob es danach zu einem erhöhten Zustrom von polnischen Migranten nach Deutschland kommen wird, ist fragwürdig, da das Migrationspotenzial bis dahin vermutlich stark reduziert sein wird. Viele Polen, die bereit sind, im Ausland zu leben und zu arbeiten, werden vermutlich bis 2011 bereits abgewandert sein.

Die Magisterarbeit von Karsten Vogt "Polnische Arbeitskräfte in Deutschland. Arbeits- und Beschäftigungsmöglichkeiten in Theorie und Praxis" kann hier abgerufen werden. (juh)

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