"Oft ist der Handel nur eine Notlösung"

von Silke Biester
Freitag, 31. Mai 2013
Prof. Thomas Asche
DHBW
Prof. Thomas Asche
Handelsunternehmen tun zu wenig, um sich bei Studenten und Azubis als attraktive Arbeitgeber zu positionieren, findet Prof. Thomas Asche von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. Er fordert sie auf, endlich aktiv zu werden.
Herr Prof. Asche, wie macht sich der Fachkräftemangel im Handel bemerkbar?

Lange Zeit hat man sich daran gewöhnt, aus dem Vollen zu schöpfen. Doch der DIHK schätzt, dass in diesem Jahr rund 55000 Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben. Ein Gutteil davon wird den Handel treffen. Die Schulabsolventen haben gelernt, ihren Nutzen zu maximieren. Sie sind bei ihrer Berufswahl durch Praktika, den Besuch von Ausbildungsmessen und Informationen von Berufsberatern gut vorbereitet. Nach Abwägen der Vor- und Nachteile fallen die Entscheidungen für eine Karriere im Handel eher verhalten aus.

Woran liegt das? Die Branche bietet doch interessante Karrierechancen.

Angesichts längerfristiger Karriere- und Verdienstmöglichkeiten mag man den Schulabsolventen Kurzsichtigkeit vorwerfen. Aber damit steigert man nicht die Zahl qualifizierter Bewerber. Aktives Attraktivitätsmanagement ist gefordert. Fakt ist, dass die Unternehmen der Branche wenig zur Imageverbesserung beitragen. Vergleicht man die Befragungsergebnisse von Studierenden in dualen Industrie- und Handelsstudiengängen, stellt man fest, dass dreimal so viele Handelsstudierende ihre Studienwahl eher als Notlösung sehen. Die Ergebnisse dokumentieren die bei Abiturienten höhere Attraktivität der Industrie. Das muss dem Handel Sorgen machen.

Was sind die Ursachen?

Zu oft werden Auszubildende im Handel mit Tätigkeiten betraut, die mit den Ausbildungs- oder Studieninhalten wenig zu tun haben. Da wo die personelle Not am größten ist, wird schnell ein Auszubildender eingesetzt. Bei diesem Vorgehen können natürlich einfacher Tätigkeiten übertragen werden. Dies hat wenig mit verantwortungsvoller und koordinierter Ausbildung zu tun. Seminare werden mit dem Argument des Kostendrucks kaum angeboten. Die Wissensvermittlung wird allein der Schule oder dualen Hochschule überlassen.

Das ist doch auch deren Aufgabe. Warum sehen Sie das als Problem?

Es wird übersehen, dass dort Schüler und Studierende aus vielen Unternehmen sitzen und daher die Wissensvermittlung nur eine Querschnittsfunktion haben kann. Die Vermittlung firmenspezifischen Wissens können die Institutionen nicht leisten. Zudem fehlt in den Unternehmen oft ein konkreter Ansprechpartner, der sich für die Belange des Auszubildenden zuständig fühlt und die nötige Zeit dafür hat. In kleineren Unternehmen ist dies der Inhaber, ansonsten Personalverantwortliche oder wechselnde Abteilungsleiter. Der regelmäßige Kontakt ist schwer herzustellen, wenn diese Personen mit vielfältigen Aufgaben betraut sind und die Ausbildungsverantwortung eher als störend sehen.

Mangelt es dem Nachwuchs an Aufmerksamkeit?

Handelsunternehmen betrachten die Ausbildung neuer Mitarbeiter zu wenig als Investition in die Zukunft. Als Kaufmann hat man gelernt, dass sich eine Investition lohnen muss. Da man nicht weiß, ob der Mitarbeiter nach Beendigung seiner Ausbildung bleibt, muss sich seine Arbeitskraft bereits in dieser Zeit amortisieren. Unterrichtszeiten verkürzen den Zeitraum. So entsteht zusätzlicher Druck. Gerade dieses Verhalten ist es aber, das zu einer Kündigung schon während oder nach der Ausbildung führt.

Darunter leidet das Image?

Der Handel muss sich bewusst sein, dass junge Mitarbeiter ihre Erfahrungen in der Hochschule, im Freundes- und Bekanntenkreis weitergeben und als Multiplikator wirken. Dabei ist nachgewiesen, dass negative Erfahrungen sich weiter verbreiten als positive. Wenn also Firmen wie BMW ganz oben auf der Beliebtheitsskala von Schulabsolventen stehen, wird wohl wenig Negatives berichtet. Wenn dann noch gute Berichte dazukommen, lädt dies den Eindruck über die Firma zusätzlich positiv auf.

Was sollte sich ändern?

Die Handelsverbände leisten vielfältige Aufklärungsarbeit, wenn es darum geht, die Branche für Schulabsolventen attraktiv darzustellen. Dieser positive Eindruck wird in den Unternehmen nicht immer fortgeführt. Dies beginnt mit der Einstellung gegenüber dem Nachwuchs. Auszubildende und Studierende wollen lernen. Der Handel muss erkennen, dass im Unternehmen Wissen vermittelt werden muss, Zusammenhänge erläutert werden, unterschiedlichste Funktionen wahrgenommen werden wollen.

Was ist eine abwechslungsreiche Ausbildung?

Mit Vielfältigkeit der Ausbildung ist nicht gemeint, jemanden heute zu den Molkereiprodukten zu schicken, morgen in den Getränkemarkt und übermorgen an die Kasse. Dispo, Logistik, Personal, Marketing und so weiter sind auch wichtige Bereiche. Durch den umfassenden Einsatz erhält ein junger Mensch das Gefühl, für das Unternehmen wertvoll zu sein.

Spannende Aufgaben kommen mit der Karriere. Erwartet der Nachwuchs zuviel?

Auch bei den Karriereperspektiven gilt es, ehrlich zu bleiben. Wer kennt nicht die Anzeigen der Bundeswehr, in der Jetpiloten für eine Verpflichtung werben. Solche überzogenen Versprechungen sind auch im Handel kontraproduktiv. Sie werden aber gemacht, wenn man an einem qualifizierten Bewerber interessiert ist. Wenn mehr versprochen wird, als man halten kann, führt dies zu Unzufriedenheit auf beiden Seiten. Erwartungen werden enttäuscht. Demotivierte Mitarbeiter zeigen signifikant weniger Engagement und berichten häufiger negativ über ihr Unternehmen.

Was schlagen Sie vor?

Unternehmen sollten inhaltlich und organisatorisch Verantwortung für den Auszubildenden dokumentieren. Inhaltliche Verantwortung manifestiert sich in einem detaillierten Ausbildungsplan, der nicht schon bei seiner Entstehung Makulatur ist. Dass es davon situationsbedingte Abweichungen geben kann, ist jedem klar. Allerdings sollten die Gründe offen kommuniziert werden. Eine organisatorische Verantwortung entsteht durch die Institutionalisierung eines festen Ansprechpartners im Unternehmen. Dies muss eine ranghohe Person sein, die aufgrund ihrer Durchsetzungsfähigkeit die Interessen des Auszubildenden wahrnehmen kann.

Wer ist noch in der Pflicht?

Last but not least müssen schwarze Schafe im Interesse aller auch verbandsseitig zur Rechenschaft gezogen werden. Berichte über Videoüberwachungen, Knebelverträge, Drangsalierung älterer Mitarbeiter oder Betriebsräte führen dazu, dass sich Schulabsolventen schon bei der Auswahl der Unternehmen in andere Branchen orientieren. Da hilft dann auch keine noch so exponierte Vergütung mehr, mit der einige Unternehmen versuchen, entsprechenden Nachwuchs zu finden. (sb)

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