Exhibitionismus und die Scham

von Redaktion LZ
Freitag, 29. Februar 2008
LT|NET/juh Nach dem digitalen Exhibitionismus folgt der große Katzenjammer. Denn Personaler machen sich auch im Internet ein Bild von Bewerbern. Noch reagiert die Konsumgüterbranche zurückhaltend auf das Recherchemedium.



Wilde Schnappschüsse, peinliche Partybilder, Berichte über Liebesbeziehungen, Nacktfotos, Schmähschriften, politische Ansichten - "der Exhibitionismus im Internet kennt kaum Grenzen, und er nimmt zu", sagt Susanne Wilberg. Sie ist Gründungs- und Geschäftsleitungsmitglied des Dienstleisters Deinguterruf.de, das sich auf das Reputationsmanagement von Privatpersonen konzentriert.

Es gibt eine Sucht nach kurzfristiger Prominenz. Mit Beginn des Web 2.0, dem Mitmach-Internet, stellen 15 Millionen Deutsche mehr oder weniger Informationen von sich ins Netz. 4,6 Millionen Mitglieder zählt das Portal StudiVZ, weitere zehn Millionen versammeln sich bei Xing, Facebook und anderen Portalen.

Katerstimmung ist angesagt

Das Private wird öffentlich. Doch was einst aus einer Laune heraus geschieht, kann sich beim Eintritt ins Berufsleben zum Bumerang entwickeln. Katerstimmung ist angesagt, wenn Arbeitgeber und Personalberater das Internet zur Informationsbeschaffung über Bewerber nutzen. Dafür gibt es Suchmaschinen wie Google, Spock oder Yasni. Auf diesem Weg können Personenprofile im Internet ermittelt werden. Erfasst wird nicht nur geschriebenes Wort. Großrechner verschlagworten selbst gesprochene Wörter in Videos. Ergiebig sind außerdem Informationen aus den sozialen Netzwerken. Das Ergebnis kann Personalentscheidungen unterstützen.

Laut dem Bund Deutscher Unternehmensberater sollen 34 Prozent aller befragten Personalchefs gezielt das Internet nutzen, um sich über Bewerber zu informieren. 57 Prozent sollen aufgrund eines persönlichen Internetprofils Kandidaten erst gar nicht zum Gespräch eingeladen haben.

Die Konsumgüterbranche reagiert bislang noch zurückhaltend. Nicht alle sind von dem Nutzen des Recherchemediums überzeugt. So versichert ein Beiersdorf-Sprecher, sein Unternehmen mache keinen Gebrauch von dieser Methode. "Wir setzen auf E-Recruiting, aussagekräftige Bewerbungsunterlagen und das Vorstellungsgespräch."

Der klassische Weg

Auch Prof. Ulrike Detmers, Mitgesellschafterin der Mestemacher-Gruppe, geht den klassischen Weg: "Wir verlassen uns auf Bewerbungsunterlagen, eine vernünftige Selektion und das persönliche Gespräch". Ergänzt werden kann der Eindruck von Referenzen. Standardmäßig werden auch bei Metro Internetportale wie StudiVZ nicht durchsucht.

Es gibt andere Erfahrungen. Wilberg berichtet von einem Bewerber, der in einem Vorstellungsgespräch von dem Arbeitgeber auf Partybilder im Netz angesprochen wurde, wo er mit vollem Namen stand. Davon wusste der Betroffene nichts. Die Stelle bekam er dennoch nicht - ohne weitere Begründung, obwohl seine Zeugnisse ausdrücklich von dem Unternehmen gelobt wurden. Ein anderer Fall ist der einer jungen Frau, deren Profil im Internet kopiert und mit obszönen Aussagen versehen wurde. Freunde machten sie darauf aufmerksam.

"Betroffene wissen häufig nicht, was über sie im Netz steht, oder sie erinnern sich nicht mehr daran, was sie einst selbst eingestellt haben", weiß Wilberg. Für sie führen zwei Schritte zur Wiederherstellung des guten Rufes: suchen und entfernen. So übernahm ihr Unternehmen auch den Fall eines Selbstständigen, der sich in Folge einer Insolvenz einer Hetzkampagne im Internet ausgesetzt sah. Er fürchtete bei seinem neuen Job um seine Reputation und ließ die Schmäheinträge vom Netz nehmen.

"Beim Entfernen setzen wir auf enge Kooperation mit den Webseitenbetreibern, um Einträge und Fotos, die möglicherweise negativen Einfluss auf das Leben unserer Auftraggeber haben, aus dem Internet zu löschen", so Wilberg. Der sicherste Weg für Anonymität im Internet ist allerdings Datensparsamkeit.

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