Abschied vom Post & Pray-Recruiting

von Redaktion LZ
Freitag, 09. August 2013
Ungenutzter Talentpool: Jeder dritte Arbeitnehmer in Deutschland interessiert sich für eine berufliche Veränderung. Stellenanzeigen erreichen diese Zielgruppe kaum.
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Ungenutzter Talentpool: Jeder dritte Arbeitnehmer in Deutschland interessiert sich für eine berufliche Veränderung. Stellenanzeigen erreichen diese Zielgruppe kaum.
LZnet. Nach der Karriereseite auf der eigenen Homepage und Online-Jobbörsen sind soziale Netzwerke zum drittwichtigsten Recruiting-Kanal avanciert. Auf Business-Plattformen können Arbeitgeber aktiv nach passenden Profilen Ausschau halten und Kontakt zu geeigneten Kandidaten aufnehmen.
Was tun, wenn sich auf eine ausgeschriebene Stelle einfach nicht der richtige Kandidat bewerben will? Eine Lösung könnte sein, die Datenbanken der Businessnetzwerke wie Xing oder Linkedin gezielt nach passenden Profilen von Fachkräften zu durchforsten.

So komme man an die Masse derer heran, die "latent auf der Suche" nach einem neuen Job sind, sagt Xing-CEO Thomas Vollmoeller, der mit dem "Talentmanager" seit fast einem Jahr ein Tool für derartiges "Active Sourcing" bereithält.

Damit können Personaler die Xing-Datenbank nach bestimmten Kriterien wie Ausbildung oder Berufserfahrung abfragen. 6,5 Millionen Menschen sind im deutschsprachigen Raum bei dem Netzwerk angemeldet, weltweit sind es gut doppelt so viele.

Viele FMCG-Hersteller suchen schon aktiv

#/ZT# Insgesamt wurden bislang mehr als 2.000 Lizenzen des Talentmanagers verkauft. In der Konsumgüterbranche arbeiten beispielsweise Otto, Danone, Lieken Brot- und Backwaren, Lorenz Snack-World und Tchibo damit.

"Die Zahl der latent Suchenden ist Studien zufolge dreimal so hoch wie die der aktiv Suchenden", weiß der Social-Media-Manager, der als früherer Tchibo- und Valora-Vorstand auch die FMCG-Branche gut kennt. So ergab eine Forsa-Erhebung, dass jeder dritte deutsche Arbeitnehmer bereit ist, in diesem Jahr den Job zu wechseln. Bei den leitenden Angestellten sind sogar 40 Prozent offen für neue Perspektiven.

Jeder dritte Arbeitenehmer würde den Job wechseln

#/ZT# "Unternehmen werden diese wechselwilligen Talente, die eher darauf warten, angesprochen zu werden, kaum über herkömmliche Stellenanzeigen erreichen", vermutet Vollmoeller. Doch mit Active Sourcing könne man aus diesem "deutlich größeren Pool fischen", wirbt der Xing-Chef für den neuen Recruiting-Trend. Als weiterer Vorteil komme hinzu, dass man genau die Kandidaten zum Gespräch einladen kann, die man auch tatsächlich einstellen würde.

"Man muss aktiv werden, selbst nach passenden Kandidaten Ausschau halten und diese ansprechen", rät Vollmoeller. Dazu gehöre zudem die Nutzung von Fachforen und Mitarbeiterempfehlungen. "Wenn man gute Leute hat, ist die Chance groß, dass sie weitere Talente kennen."

Xing selbst generiere mittlerweile mehr als die Hälfte der Neueinstellungen über persönliche Kontakte. Unternehmen jedoch, die nur "Post & Pray"-Recruiting betreiben, sprich sich auf das Schalten von Stellenanzeigen verlassen, "gehen früher oder später im Kampf um Talente unter".

In den USA werde schon jeder zweite Job durch aktive Personalsuche besetzt. Für Deutschland hat Wolfgang Brickwedde gerade aktuelle Zahlen erhoben. Eine von zehn Stellen werde inzwischen über Social Media besetzt, so der Direktor des Institute for Competive Recruiting (ICR) im Recruiting Report 2013.

Jede zehnte Stelle wird über Social Media besetzt

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Social-Media-Netzwerke starten durch.
LZ
"Damit ist dies nach Online-Jobbörse und Karriere-Site nun der drittwichtigste Recruiting-Kanal – "ein Shootingstar". Zudem seien sowohl Quantität als auch Qualität durch proaktive Ansprache gestiegen: "Bei mehr als 30 Prozent der Studienteilnehmer hat sich die Anzahl der Kandidaten erhöht, und fast 30 Prozent berichten von einer verbesserten Eignung", zitiert Brickwedde aus seiner aktuellen Analyse.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine Untersuchung des in Kalifornien beheimateten Karriere-Netzwerks Linkedin mit 238 Millionen Mitgliedern. Danach gehören Online-Businessnetzwerke für 37 Prozent der Recruiting-Beauftragten in Deutschland zu den wichtigsten Quellen, um hochqualifizierte Mitarbeiter für Schlüsselpositionen zu finden.

Nur Personalvermittlungsagenturen (43 Prozent) und interne Empfehlungsprogramme (40 Prozent) sind bei den mehr als 3.000 befragten Personalern noch beliebter. Noch 2012 waren solche Netzwerke für weniger als ein Viertel der Personalbeschaffer relevant.

Die Personalabteilung als größte Hürde

#/ZT# In vielen Unternehmen jedoch ist der Trend noch nicht angekommen. "Die größte Hürde ist der Widerstand der Personalabteilungen", sagt Xing-Manager Vollmoeller. Denn Active Sourcing verlange ein anderes Verhalten. Der Personaler nehme als Recruiter eine neue Rolle ein. Er wird zum Verkäufer, der Bewerbern sein Unternehmen schmackhaft machen muss.

Und er übernimmt ein Stück weit die Beschaffungs- und Auswahlfunktionen, die sonst oft für viel Geld an externe Personalberater und Headhunter vergeben werden. "Das ist ein Lernprozess, aber letztlich zahlt es sich aus – sowohl was die Kosten als auch die Zeit anbelangt."

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