Recruiting Mittelstand lockt Jungakademiker

von Redaktion LZ
Freitag, 28. Oktober 2016
Alles an einem Standort: Bei Ritter Sport gibt es an der Schnittstelle zwischen Produktion und Verwaltung spannende Aufgaben für Akademiker .
LZ-Archiv
Alles an einem Standort: Bei Ritter Sport gibt es an der Schnittstelle zwischen Produktion und Verwaltung spannende Aufgaben für Akademiker .
Die mittelständisch geprägte Ernährungsindustrie sucht Mitarbeiter, die schnell Verantwortung übernehmen. Viele Hersteller feilen an den Einstiegsmöglichkeiten für Jungakademiker. Ein Branchenrundruf der LZ zeigt, wie sich zum Beispiel Rügenwalder, Zott, Cosnova und Ritter auf die Zielgruppe einstellen.

Es riecht nach Schokolade am Firmensitz von Ritter in Waldenbuch. Die Produktion der süßen Quadrate und die Verwaltung finden an einem Standort statt. Für Frank Baum, Personalentwickler bei Ritter, erwächst aus dieser Konstellation ein wichtiges Kriterium für den akademischen Nachwuchs.

Denn es gibt viele Positionen an den Schnittstellen zwischen Produktion, Verwaltung und Vertrieb. Und diese benötigen offene Charaktere. "Dünkel sind bei uns unerwünscht", sagt er. "Wer sich abgrenzen möchte, passt nicht zu uns."

Frank Baum betreut bei Ritter die Studenten der dualen Studiengänge, die das Unternehmen gemeinsam mit Hochschulen in Baden-Württemberg auflegt. Pro Jahr stellt der Schokohersteller zwei dual Studierende ein, einen im Bereich BWL mit Fokus entweder auf dem internationalen Business oder klassischen Inhalten. Und einen im Fachbereich Ingenieurswissenschaften.

Wichtiger Arbeitgeber in der Region

Ein sehr komprimiertes Studium mit langen Praxisphasen erwartet die Probanden. "Man muss büffeln können", sagt Baum. Dennoch sind die Plätze begehrt. Auf den BWL-Studiengang bewerben sich rund 150, auf das technische Studium etwa 50 Interessierte. Außerdem bietet der Mittelständler pro Jahr zwei Traineeplätze für Hochschulabsolventen an.

Mit seinen 1.400 Mitarbeitern, davon 1.000 in Waldenbuch mit 600 in der Produktion, ist Ritter ein gewichtiger Arbeitgeber in der Region. Das Unternehmen ist lokal fest verwurzelt, agiert aber gleichzeitig international. Mehr als 200 Menschen arbeiten zudem für den Produzenten auf einer Finca in Nicaragua, weitere 200 im internationalen Geschäft. "Wir sind bodenständig und weltoffen zugleich", benennt Baum eine für seinen Arbeitgeber typische Prägung.

Gerade das spricht viele an und führt zu interessanten Arbeitsfeldern. So gibt es einen Studenten, der eine Praxisphase in Shanghai verbrachte, und seine Bachelorarbeit nun den Chancen auf dem chinesischen Markt widmet. Oder eine Studentin, die in Singapur war und das dortige Entwicklungspotenzial zum Thema ihrer Arbeit macht.

Spezielle Position für Hochschul-Recruiting

Nach Studienabschluss beginnt eine auf ein Jahr befristete Anstellung, das so genannte "Ritter-Jahr". Diese Zeit nutzen beide Seiten, um festzustellen, ob man zueinander passt und um herauszufinden, in welchem Bereich eine weitere Beschäftigung sinnvoll ist.

Die bayrische Molkerei Zott, mit 1.400 Mitarbeitern in Deutschland und 2.100 weltweit – es gibt Produktionsstätten in Polen sowie einen Vertrieb in verschiedenen Ländern – ist ähnlich strukturiert wie Ritter. Eigens zur verbesserten Rekrutierung des akademischen Nachwuchses hat man eine Stelle im Personalmarketing geschaffen.

Olga Koschemjakin ist beim Milchverarbeiter für diese Aufgabe zuständig. Sie beziffert den jährlichen Bedarf an Hochschulabsolventen auf 7 bis 10 Stellen. Benötigt werden neben dem Bachelor oder Master BWL die Fachrichtungen Produktmarketing, Lebensmitteltechnologie und Ernährungswissenschaften.

Absolventen bietet man einen Direkteinstieg an, etwa als Junior-Produktentwickler. Karrierewege werden individuell entwickelt. Einige Kandidaten kommen im Rahmen ihres Studienpraktikums zu Zott. "Wir kümmern uns dann zusammen um Themen für die Bachelorarbeit aus verschiedenen Bereichen des Unternehmens", beschreibt Koschemjakin einen wichtigen Part ihrer Tätigkeit.

Daraus ergeben sich oft konkrete Projekte, die in eine Stelle bei Zott münden können. Seit die Aktivierung und Betreuung von High Potentials systematisch betrieben wird, findet der Milchverarbeiter eher die gewünschten Nachwuchskräfte.

Kosmetikhersteller Cosnova sieht sich trotz seiner bescheideneren Mitarbeiterzahl in der Lage, sowohl duale Studiengänge der Fachrichtung BWL als auch Traineeprogramme in unterschiedlichen Fachabteilungen anzubieten. Nach entsprechendem Abschluss übernimmt man diese Absolventen gerne. "Mit über 400 Mitarbeitern haben wir eine Größe erreicht, die die Durchführung eines eigenen Trainee-Programmes optimal ermöglicht", findet Christine Fink, Director Employee Developement bei Cosnova.

Das kleine Unternehmen agiert hochdynamisch. Sein Geschäftsmodell setzt auf Produktrotation. Jedes halbe Jahr wird das Sortiment mit einer Innovationsrate von bis zu 25 Prozent erneuert. Das bedeutet etwa für die Marken Essence und Catrice, dass nach einem Jahr die Hälfte der Artikel ausgetauscht ist. Diese "Grundschnelligkeit ist in allen Bereichen spürbar", sagt Christine Fink. "Die Lust darauf versuchen wir bereits im Vorstellungsgespräch abzufragen."

Eine weitere Besonderheit, die attraktiv macht, aber die Mitarbeitersuche nicht gerade vereinfacht: Der Hersteller gehört zu den ganz wenigen in Deutschland, die ihre Beauty-Artikel komplett selbst entwickeln – von der Textur über die Farbe bis hin zur Verpackung. Um die Stellen adäquat zu besetzen, schaut man sich schon mal international nach angehenden Produktmanagern um.

Ebenfalls sehr dynamisch, wenn auch in ganz anderer Hinsicht als bei Cosnova, stellt sich die Situation bei Rügenwalder dar. "Wir brauchten im Zuge der Einführung unserer vegetarischen Linie etwa doppelt so viele Hochschulabsolventen wie sonst üblich", schätzt Andreas Müller, Personalleiter beim Lebensmittelhersteller in Bad Zwischenahn. Die Mitarbeiterzahl wuchs von 533 Köpfen Ende 2015 auf derzeit 600.

Mit dem Einstieg des vormaligen Fleischverarbeiters in das Geschäft mit vegetarischen Fleisch- und Wurstalternativen wurde zügig ein ganz neuer Produktionszweig aufgebaut. Viele Einstellungen erfolgten dementsprechend in Produktion und Verpackung; doch auch im Bereich Forschung und Entwicklung gab es großen Bedarf, um die vegetarischen und veganen Artikel zur Marktreife zu führen.

Personalbedarf durch Veggie-Trend

"Das war eine spannende Zeit, die aber auch stark forderte", kommentiert Müller. In dieser Form ist solches vielleicht nur bei Familienunternehmen erlebbar, wo kurze Entscheidungswege ein schnelles Reagieren auf einen jungen Trend ermöglichen. Was dazu führte, dass der Hersteller sehr frühzeitig mit seinen Veggie-Produkten auf dem Markt war.

Das Unternehmen bietet keine speziellen Programme eigens für Hochschulabsolventen an, sondern den direkten Einstieg in den jeweiligen Bereich. Dort muss man sich bewähren. Der Vorteil liegt laut Müller darin, dass man "von Anfang an Teil des Teams ist" und "eine Produktinnovation bis ins Handelsregal begleitet", also mit verantwortet, wie sie beim Kunden ankommt.

Die Rügenwalder Veggie-Würste finden Anklang. Sie haben dem Hersteller neue Konsumenten und zugleich neue Zielgruppen von Bewerbern erschlossen: Menschen, die sich vegetarisch oder zumindest zeitweilig fleischlos ernähren. Aktuell ändern sich die Ansprüche des Mittelständlers noch einmal: Das Wachstum der neuen Produktionslinie erfordert einen Einkauf auf dem Weltmarkt. Dafür braucht man Mitarbeiter, die perfekt Englisch sprechen. Was in Bad Zwischenahn bis dato noch nicht unbedingt nötig gewesen ist.

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