Viele Stellen bleiben bereits unbesetzt

von Redaktion LZ
Freitag, 04. Mai 2012
Treffpunkt: Edeka-Bildungsleiter Jens Kettler begrüßt die Ausbilder diverser Branchen.
Thomas Fedra
Treffpunkt: Edeka-Bildungsleiter Jens Kettler begrüßt die Ausbilder diverser Branchen.
LZnet. Die Suche nach geeignetem Nachwuchs gestaltet sich zunehmend schwierig. Mehr als 200 Bildungsexperten diskutieren bei der Edeka neue Konzepte, mit denen sie das Recruiting und die Qualifizierung verbessern können.
Der dramatische Rückgang der Schulabgängerzahlen stellt die ausbildende Wirtschaft vor Herausforderungen. Auf der Tagung des Kuratoriums der Deutschen Wirtschaft für Berufsbildung (KWB) machten die Redner des Gastgeberunternehmens Edeka deutlich, dass der Handel davon noch stärker betroffen ist als andere Branchen. Ursachen sind der große Personalbedarf sowie das mäßige Image.

Kritisch: Reinhard Schütte fordert mehr Flexibilität im eigenen Haus.
Thomas Fedra
"Wir haben ein Kulturproblem", nimmt Edeka-Vorstand Dr. Reinhard Schütte kein Blatt vor den Mund. Er beschreibt, dass die Generation Y eine viel "entspanntere" Einstellung zu Arbeit und Karriere hat als die Manager und Kaufleute im Handel.

Beim Recruiting zeige sich deutlicher als je zuvor, dass die Branche im Wettbewerb mit Arbeitgebern wie beispielsweise Google steht, der allen Mitarbeitern einen Tag im Homeoffice ermöglicht. "Das fordert die Jugend auch von uns", stellt Schütte klar. "Und es hilft uns nichts, wenn wir 20.000 Euro mehr Gehalt bieten – die Work-Life-Balance ist ihnen wichtiger."

Plädoyer für Umdenken in den eigenen Reihen

Bei der Edeka-IT-Tochter Lunar, für die Schütte verantwortlich ist, zeigt sich der verschärfte Wettbewerb um gute Mitarbeiter besonders deutlich. Deshalb regt er ein Umdenken auch in den eigenen Reihen an. "Wir brauchen mehr Flexibilität und individuelle Lösungen, sonst kriegen wir die Guten nicht", verdeutlicht der Topmanager, dass sich der Arbeitsmarkt gedreht hat. Die Wahl haben nicht mehr Arbeitgeber, sondern Mitarbeiter.

Viele Stellen für Auszubildende bleiben im Handel inzwischen gänzlich unbesetzt. Sowohl die Zahl der Bewerber als auch die Qualität habe erheblich abgenommen. "Der demografische Wandel hat sich lange angekündigt – jetzt sind wir mittendrin", verweist der Edeka-Bildungsverantwortliche Jens Kettler darauf, dass sich die Situation weiter zuspitzen wird.

Das Unternehmen baue deshalb das Engagement und das Marketing für die berufliche Ausbildung konsequent aus. Ganz frisch präsentieren sich die Genossen mit einem speziellen Azubi-Auftritt jetzt bei Facebook.

Neue Zielgruppen im Fokus

Neben neuen Kommunikationswegen kommen auch neue Zielgruppen für die Berufsbildung in den Fokus: Ältere, Geringqualifizierte, Benachteiligte und Migranten gehören dazu. Die K+U-Bäckerei, ein Tochterunternehmen von Edeka Südwest, bildet deshalb konsequent ältere ungelernte Mitarbeiter als "Senior-Azubis" zu qualifizierten Fachkräften aus.

Und auch bei der Auswahl für die "normalen" Lehrlinge geht das Unternehmen neue Wege: "Die Schulnoten spielen für die Einstellung überhaupt keine Rolle mehr", berichtet die verantwortliche Ausbilderin Corinna Krefft-Ebner von sehr guten Erfahrungen mit jungen Menschen, die in der Schule "nahezu völlig versagt" hatten.

Potenzialanalyse statt Zeugnis und Lebenslauf

An die Stelle von Zeugnissen und Lebensläufen tritt bei K+U eine individuelle Potenzialanalyse. Da die Zahl der Bewerber für einen Ausbildungsplatz erheblich abgenommen hat, werden beinahe alle Interessierten zum Gespräch eingeladen.

Dabei werden mit Unterstützung eines Dienstleisters Merkmale wie Zuverlässigkeit, Arbeitsgenauigkeit, Motivation und Kommunikationsverhalten getestet. Geeignete Kandidaten starten anschließend mit einem Praktikum, bevor ihnen ein Ausbildungsplatz angeboten wird. "Man hat große Chancen, gute Leute zu finden, wenn man die üblichen Wege verlässt", zieht Krefft-Ebner ein positives Fazit der Strategie "Wertschöpfung durch Wertschätzung".

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