Rettungsboote für Quelle-Lehrlinge

von Judit Hillemeyer
Freitag, 06. November 2009
Der Versandhändler Quelle ist unwiderruflich pleite, von ein paar Tochterunternehmen abgesehen, die Investoren finden könnten. Der Ausverkauf hat begonnen und die Belegschaft schiebt letzte Schichten.



Die Schnäppchenjagd ist eröffnet. Mit Betriebsamkeit packen Mitarbeiter des Versandhändlers ein, was übrig geblieben ist. Wenn die Lager leer sind, werden sie in die berufliche Ungewissheit entlassen. Schichtende. Es wird schwer für sie, eine neue berufliche Heimat zu finden.

Für die Auszubildenden scheint die Zukunft nicht ganz so ungewiss. Quelle bildet 229 Jugendliche in 22 Berufsbildern aus, vor allem im kaufmännischen Bereich. "Es gibt eine große Solidarität", beschreibt Carola Wolff, stellvertretende Ausbildungsleiterin bei Quelle, die aktuelle Situation.

Vermittlung in der Region

Mehr als 80 regionale und überregionale Unternehmen aus unterschiedlichsten Branchen, wollen den Auszubildenden Anschlussverträge anbieten, um ihnen einen Berufsabschluss zu ermöglichen. 66 Vermittlungserfolge zählt Quelle bislang: 38 am Standort Nürnberg/Fürth und 28 in ganz Deutschland.

Solidarische Absichtserklärungen haben auch Metro und Otto abgegeben. Der Düsseldorfer Konzern hält das Angebot ohne Einschränkungen über alle Ausbildungsjahre hinweg offen. "Der Kontakt ist hergestellt", erläutert Wolff. Vermittlungserfolge liegen noch nicht vor. Die Auszubildenden haben jetzt Gelegenheit, sich zu bewerben und Gespräche zu führen.

Rund 100 Anschlussverträge hat der Düsseldorfer Konzern in Aussicht gestellt - die Hälfte davon im Großhandelsgeschäft C+C. In der Quelle-Region will Metro 15 Stellen zur Verfügung stellen - zehn in Nürnberg und fünf im nahe gelegenen Regensburg. Der Rest verteilt sich bundesweit. Auch die Vertriebslinien Real, Kaufhof und Media-Saturn haben Rettungsanker geworfen.

Änderungsverträge geplant

Noch sind die Auszubildenden in der Orientierungsphase. Die Anschlussverträge bedingen zum Teil Vertragsänderungen. Der Lehrstellenübergang vom Bürokaufmann zum Kaufmann für Bürokommunikation ist nicht sehr groß, anders als bei angehenden Kaufleuten im Groß- und Außenhandel.

Bei Quelle liegt der Schwerpunkt auf der Fachausrichtung Außenhandel, während Metro C+C den Großhandel fokussiert. Die Schwerpunktausrichtung kommt insbesondere im dritten Lehrjahr und in der Abschlussprüfung zum Tragen. Mit einer möglichen Neuausrichtung müssen sich die Lehrlinge auseinandersetzen. "Unser Angebot steht", sagt ein Metro-Sprecher.

"Die beiden ersten Ausbildungsjahre sind relativ ähnlich", sagt HDE-Bildungsexperte Wilfried Malcher. "Änderungsverträge sind grundsätzlich kein Problem", betont Udo Göttemann, Leiter des Fachbereichs Berufsausbildung bei der IHK Nürnberg.

Eine Umstellung im dritten Ausbildungsjahr erfordere von den Auszubildenden ein erhöhtes Engagement. Das müsse letztlich individuell geprüft werden. Die Änderungsgebühren von 60 Euro will die IHK aussetzen. Malcher und Göttemann verweisen auf den Ausbildungsbonus der Bundesregierung. Aufnehmende Unternehmen können über ihre jeweilige Bundesagentur für Arbeit Unterstützung beantragen.

Otto setzt Zeichen

Weil Lehrlinge in der Regel weniger mobil sind, will auch der Hamburger Versender Otto in der fränkischen Region ein Zeichen der Solidarität setzen, ohne sich auf eine konkrete Lehrstellenzahl festzulegen. Darüber hinaus führt Otto vor allem Gespräche mit den DH-Studierenden von Quelle.

Malcher rät jenen Azubis, die ohne Anschlussvertrag bleiben, ihre Ausbildung bei einem außerbetrieblichen Träger abzuschließen.

Während sich die Lehrlinge in einer Hoffnungsphase befinden, ist die Situation für die meisten Quelle-Mitarbeiter prekär. "Die Stimmung ist schwierig, weil sich viele komplett neu orientieren müssen", sagt Wolff. Und der Arbeitsmarkt Nürnberg/Fürth ist nicht sehr aufnahmefähig. (juh)

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