Einschulung mit dem digitalen Lehrer

von Judit Hillemeyer
Freitag, 29. Juli 2005
Erik Auer, Projektveranwortlicher bei der Billa Dienstleistungs GmbH, Foto, Rewe Austria
Erik Auer, Projektveranwortlicher bei der Billa Dienstleistungs GmbH, Foto, Rewe Austria
Rewe Austria setzt auf webbasiertes Lernen. Mit der Einführung einer zentralen Lernplattform für alle Vertriebsgesellschaften der österreichischen Tochter des Kölner Konzerns ist eine Schulungslösung für mehr als 30.000 Mitarbeiter geschaffen worden.



Mit gezielten Schulungsmaßnahmen will Rewe Austria ihre Mitarbeiter fit für den Verkauf machen und damit die Wettbewerbsfähigkeit der einzelnen Vertriebsschienen erhöhen. Präsenzseminare oder Workshops haben im Einzelhandel Schwächen, denn sie sind nicht permanent verfügbar.

Zu dem erfordert es einen erheblichen logistischen Aufwand, bis alle Mitarbeiter erreicht werden. Gleichzeitig fehlen die Arbeitskräfte während der Unterrichtszeit in den Märkten.

E-Learning ist eine Schulungsmethode für die Aus- und Weiterbildung. Besonders für den Einzelhandel ist das digitale Lernen in den Filialen eine "effiziente Methode zur Qualifikation der Mitarbeiter und Steigerung der Kundenzufriedenheit", erklärt Erik Auer, Projektverantwortlicher bei der Billa Dienstleistungs GmbH, Neue Medien.

Die IT-Tochter der Rewe Austria entwickelt gemeinsam mit dem Beratungsunternehmen LearnChamp Consulting GmbH, Wien, die zentrale Lernplattform für die mehr als 30.000 Mitarbeiter des Handelskonzerns.

Zum Tragen kommen bei dieser Lösung das Betriebssystem Linux und der Browser Firefox, so Michael Repnik, Learn-Champ-Geschäftsführer. "Wir haben bei dem E-Learning-Projekt die bestehende IT-Infrastruktur der Filialen genutzt", so Auer.

Während die Österreicher auf webbasiertes Lernen setzen, arbeitet die Kölner Rewe AG via CD-ROM. Es gibt Lernprogramme zu den Themen "Obst und Gemüse", "Arbeitssicherheit" und "Kasse".

In einem Pilotprojekt stehen dafür in den Märkten einer Niederlassung 70 Notebooks zu Verfügung. Laut einem Unternehmenssprecher gibt es derzeit Überlegungen, Lerninhalte über eine Plattform zur Verfügung zu stellen.

Die Vorteile einer Online-Lösung: eine leichtere Distribution von Lerninhalten; Lernprozesse können besser gesteuert und abgebildet sowie Lerndaten zentral verwaltet und ausgewertet werden. Dagegen ist eine CD-ROM flexibler einsetzbar bei der Wahl des Lernortes. Auch Tengelmann arbeitet mit Lern-CDs.

Die Lerndaten können zentral dokumentiert werden. Die Zukunft sieht das Unternehmen jedoch in webbasierten Systemen.

E-Learning bei Merkur, Foto, Rewe Austria
Zurück ins Alpenland: Dort können Neulinge mit Hilfe des multimedialen, interaktiven Lernprogramms Rewe Austria in rund 25 Minuten kennen lernen. Als Ergänzung zur persönlichen "Einschulung" in der Filiale wird damit eine Einbindung in das Team sichergestellt.

Das Wissen wird nicht in Form von linearer Information vermittelt, sondern kann thematisch "erforscht" werden.

Neben der allgemeinen "Einschulung" gestalten die Rewe-Unternehmen ihre Lerninhalte selbstständig. Die Handelshäuser Billa, Merkur, Bipa, Penny und Emma greifen zwar auf die zentrale Plattform zu, sind aber eigenständig für die Erstellung ihrer Lernprogramme verantwortlich. Sie setzen eigene Schwerpunkte.

Merkur hat beispielsweise acht Schulungs-Module für den Bereich "Obst und Gemüse" entwickelt. Dabei geht es um Warenkunde, HACCP, Convenience und Richtlinien für das Bestellwesen. Bei Bipa gibt es Duft- und Creme-Schulungen. Dabei werden laut Auer Produkteinformationen zu Duftnoten einzelner Parfüms vermittelt und wie ein Verkäufer seine Kunden am besten berät.

"E-Learning soll den Präsenzunterricht nicht ersetzen", so der Projektverantwortliche. Das System sei lediglich flexibler einsetzbar und könne je nach Bedarf individuell genutzt werden. Somit müsse kein Mitarbeiter lange auf Seminarveranstaltungen warten.

Alle Inhalte können mit einer Autorensoftware eigenständig von der jeweiligen Vertriebsschiene produziert werden, sagt Repnik. Die Verteilung und Verwaltung (inklusive des Berichtswesens) aller Inhalte erfolgt zentral über ein "Learning Management System", mit einer eigenen Applikation im Intranet. In jedem Fall bleibe die Bedienungsoberfläche und Funktionalität für alle Programme einheitlich.

Damit jeder Mitarbeiter automatisch zu seinem persönlichen Lernangebot kommt, erfolgt eine automatische Zuordnung von Lerninhalten je Job-Rolle. So erhalten Verkäufer die für sie jeweils relevanten Inhalte auf dem Bildschirm. Den Zugang zum jeweiligen Schulungsangebot bekommen die Schulungsteilnehmer beim Einstieg in die Lernplattform automatisch mittels ihrer Personalnummer, sagt Auer.

Zentrale Personalentwicklung

Filialleiter und die zentrale Personalentwicklung haben die Möglichkeit, sich auf Knopfdruck über Lernfortschritte und Erfolge der Mitarbeiter zu informieren. Dieser Vorgang wurde mit dem Betriebsrat abgesprochen. Die Einführung einer zentralen Lernplattform für alle Handelstöchter erlaubt auch eine Schulung in mehreren Sprachen.

Projektstart war 2003. Zwischen 2004 und Frühjahr 2005 erhielten die Rewe-Vertriebsschienen sukzessive Zugang zum System. Durch das Lernen mit und am Computer können die Mitarbeiter auf der Fläche sofort, wenn sie in einer Abteilung beginnen, "eingeschult" werden, betont Auer. Andere Lerninhalte können sie zu geeigneten Zeiten in kleinen Einheiten durcharbeiten. Diese sind immer automatisch auf dem letzten Stand.

Die Vorteile liegen für Rewe Austria auf der Hand: Die Lernprogramme sind ständig verfügbar und Mitarbeiter können dadurch von Beginn an kompetent Kunden betreuen. Da das Lernen ausschließlich in der Filiale stattfindet, fallen auch keine Reisekosten an und durch die Nutzung frequenzschwacher Zeiten gibt es keine längeren oder unnötigen Abwesenheiten der Mitarbeiter.

Das Berichtswesen spare außerdem Zeit und helfe Führungskräften bei der Verbesserung von Qualifizierungsmaßnahmen. Der Vorteil für die Mitarbeiter liege in der Erhöhung der persönlichen Kompetenz im Umgang mit Ware und Kunden.

Im Mittelpunkt des nächsten Kurses steht das Thema "Arbeitsrecht". Er ist für die Filialleiter konzipiert. Dabei geht es um Fragen wie Personaleinstellung, Kündigung, Probezeit, Schwangerschaft. Die sechs Blockschulungen sollen Anfang 2006 vorliegen. (juh)

Sie haben Fragen oder Anmerkungen zu diesem Artikel?
Schicken Sie eine Email an die Redaktion.

Hier können Sie die Nutzungsrechte an diesem Artikel erwerben.

Meistgelesen

stats