Im Krisenfall agieren und nicht nur reagieren

von Judit Hillemeyer
Freitag, 01. September 2006
Mit Hilfe des Titrators testet Teutoburger den Anteil freier Fettsäuren im Papsöl, Foto: Teutoburger Ölmühle
Mit Hilfe des Titrators testet Teutoburger den Anteil freier Fettsäuren im Papsöl, Foto: Teutoburger Ölmühle
Die Universität Witten/Herdecke qualifiziert Fach- und Führungskräfte der Food-Branche zum Risikomanager. Vergangene Woche fand in Mettman nahe Düsseldorf der dreitägige Präsenzunterricht statt.



Unternehmerische Risiken sind in der Food-Industrie breit gestreut. Lebensmittelskandale, Tierseuchen, öffentliche Erpressungsversuche, Verdrängungswettbewerb sowie steigende Anforderungen des Handels und der Banken (Basel II) kennzeichnen die Branche. Rund ein Duzend Vertreter aus der Fleisch-, Molkerei-, Mehl- und Speiseölproduktion sowie einer Versicherung für die Nahrungsmittelindustrie nahmen vergangenen Woche am Präsenzunterricht der Fortbildung "Risikomanagement Food" teil.

Veranstalter ist das Deutsche Kompetenzzentrum für nachhaltiges Wirtschaften (Dknw) der Wirtschaftsfakultät Witten/Herdecke in Kooperation mit der "Lebensmittel Zeitung" und dem Softwarehaus Soft-M AG (siehe LZ 16).

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, doch Unternehmen sollten ihre Risiken kennen und bewerten. Sie liegen im sozialen, ökonomischen wie im ökologischen Bereich. Grundsätzlich gilt: "Besser frühzeitig agieren, als später reagieren", sagen Axel Kölle und Christian Geßner, wissenschaftliche Mitarbeiter der Uni Witten/Herdecke und Moderatoren des dreitägigen Seminars.

Das Qualifizierungsprogramm wurde unter der Regie von Prof. Dr. Werner Schulz entwickelt. Eine Reihe von Krisen lassen sich vielfach durch Nachhaltigkeit vermeiden. Der Begriff stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft. Er bezeichnet die Bewirtschaftungsweise eines Waldes, bei der dem Wald immer nur so viel Holz entnommen wird wie nachwachsen kann. Nachhaltiges Wirtschaften ist in erster Linie eine Haltung.

Mitarbeiter motivieren

Einen strategischen Wettbewerbsvorteil bildet das Personal-Risikomanagement, so Geßner. Ein Thema, das viele Unternehmen noch stiefmütterlich behandeln, obwohl das Personal den größten Risikofaktor der Unternehmensentwicklung bildet.

Geßner zitierte die Gallup-Studie aus dem Jahr 2004, wonach 87 Prozent aller Arbeitnehmer ihrer Arbeit gegenüber keine echte Verpflichtung spüren. 76 Prozent ziehen es in Betracht, das Unternehmen zu wechseln und warten nur auf eine passende Chance. Hinzu kommt, dass 30 Prozent aller Mittelständler leitende Angestellte direkt vom Wettbewerber abwerben. 25 Prozent der freien Stellen können im Mittelstand erst nach sechs Monaten besetzt werden, da den Bewerbern die erforderliche Qualifikation fehlt.

Jedes Unternehmen sollte seine Leistungsträger kennen und potenzielle individuelle Austrittsrisiken mit Hilfe einer Checkliste bewerten und entspreche Maßnahmen entwickeln. Außerdem müssen geringe Führungsqualitäten, fehlende Werteorientierung sowie mangelnde Loyalität systematisch analysiert und beseitigt werden.

Auch mangelnde Motivation ist ein Risikofeld: Aufgaben werden nicht fehlerfrei oder gar nicht erledigt. Wenn Leistungsträger das Unternehmen verlassen, müssen Vorkehrungen getroffen werden, wer die Kernaufgaben fortführt.

Der potenzielle Rückruf

Eines der größten Risiken in der Lebensmittelindustrie ist eine öffentliche Rückrufaktion. Rückrufmaßnahmen sind abgestimmte Unternehmensaktivitäten, um ein Produkt vom Markt zu nehmen. Voraussetzung ist eine chargengenaue Rückverfolgbarkeit des Warenprozesses.

Sämtliche Daten müssen elektronisch verfügbar sein. Die Ware muss außerdem physisch aus dem Verkehr gezogen werden. Ein vorher bestimmter Krisenstab leitet alle nötigen Maßnahmen ein und begleitet sie. "Jeder Aktionsplan muss passgenau sein", so Kölle.

Theorie ist eine, Praxis eine andere Sache. Für einen unangekündigten Probealarm einer Rückrufaktion "wählten wir speziell einen Tag aus, an dem die Geschäftsführung nicht im Haus war", berichtete Dr. Michael Raß, Geschäftsführender Gesellschafter der Teutoburger Ölmühle GmbH & Co KG., Ibbenbühren. Nicht alles lief an diesem Tag perfekt, räumte er ein. Heute hat das Unternehmen einen entsprechenden Notfallplan zusammen mit der Uni Witten/Herdecke entwickelt.

Interessen berücksichtigen

Im ersten Schritt müssen die Stakeholder wie Behören, Banken, Investoren, Lieferanten, Presse und der LEH erfasst werden. Und im zweiten Schritt deren Interessen dokumentiert werden. Dann gilt es, Risiken zu identifizieren und zu bewerten sowie Lösungsansätze zu ermitteln. Grundvoraussetzung ist, dass sowohl Geschäftsführung als auch Mitarbeiter den Ernst einer Rückrufaktion erkennen, so Kölle.

Unternehmen, die über ein professionelles Risikomanagement verfügen, befriedigen damit im Vorfeld auch die Bedürfnisse der Banken und Versicherungen: Kreditverhandlungen sind leichter zu führen; Versicherungsbeiträge können gesenkt werden. Die Kursteilnehmer werden Ende des Jahres mit einer Fallstudie und einer mündlichen Prüfung ihr Zertifikat "Risikomanager Food" erwerben. Die nächsten Kurse finden in Stuttgart und Bielefeld statt.

(juh)

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