Pandemiegefahr im Supermarkt

von Judit Hillemeyer
Freitag, 07. August 2009
Die Schweinegrippe firmiert offiziell als Pandemie, der die World Health Organization (WHO) die Stufe sechs verpasst hat. In Krisenszenarien kommt dem Lebensmittelhandel eine herausragende volkswirtschaftliche Rolle als Nahversorger zu. Viele Unternehmen können bereits Krisenpläne vorweisen - einige allerdings unterschätzen deren Notwendigkeit.



Eine Pandemie ist eine Epidemie, die sich rund um den Globus verbreitet. Wie schwer eine Infektion verläuft, ist für eine Pandemiewarnung nebensächlich. Zwar hat die WHO die H1N1-Influenza-Viren global als "mäßig gefährlich" eingestuft.

Doch das Robert-Koch-Institut warnt vor zu großer Gelassenheit. Eine Pandemie könne ganze Teile des gesellschaftlichen Lebens in einem Dominoeffekt vorübergehend lahm legen. Große, vor allem international ausgerichtete Unternehmen beschäftigen sich daher bereits intensiv mit Krisenplänen. Beispielsweise Metro, Tengelmann, Migros sowie C&A gelten als gut vorbereitet.

Umfassende Prävention

Dennoch gibt es eine Reihe von Unternehmen, die wenig oder nichts präventiv unternommen haben. Sie unterschätzen die Gefahr, obwohl eine Epidemie mitunter bedrohliche betriebswirtschaftliche Auswirkungen haben kann. Das unterstreicht auch der aktuelle Marsh-Monitor der gleichnamigen US-amerikanischen Beratungsgesellschaft mit Sitz in Frankfurt.

"Die Erstellung von Krisenplänen ist ein hochkomplexer Prozess, der für das Pandemie-Szenario unter anderem den HR-Bereich betrifft", so Stephan Pieper, Senior Consultant bei der Adato Consulting Group, Bonn.

An der alljährlichen Influenza-Welle erkranken jährlich 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung, weiß das Robert-Koch-Institut. Bei einer Pandemie sind regional 30 Prozent und mehr - über alle Altersstufen hinweg - betroffen. Infizierte Arbeitnehmer fallen für mindestens ein bis zwei Wochen aus.

Personalarbeit beachten

Zwischen den einzelnen Erkrankungsfällen können mehrere Monate liegen. Hinzu kommen Menschen, die aus Angst vor Ansteckung ihrem Arbeitsplatz fern bleiben oder wegen kranker Familienmitglieder unter Quarantäne stehen.

Die Krisenplanung muss die Personalsituation berücksichtigen. Dazu gehört die Hinterlegung von Mitarbeiterqualifikationen und die Definition von Schlüsselfunktionen. Präventiv wird errechnet, ab welcher Größenordnung erkrankter Mitarbeiter ein Betrieb beziehungsweise eine Filiale noch aufrecht erhalten werden kann. Müssen Märkte vorübergehend geschlossen werden, werden die vorhandenen Mitarbeiter im Einzelhandel auf verschiedene Filialen verteilt.

Sollten Filialschließungen verschiedener Einzelhändler in größerer Zahl in einer Region drohen, müssen sich Markt- oder Regionalleiter auf Verbandsebene abstimmen, um eine Grundversorgung der Bevölkerung zu sichern, so Pieper.

Ein Szenario in der Pandemie zur Aufrechterhaltung der wichtigen Unternehmensfunktionen kann auch die Kasernierung von Schlüsselpersonal bedeuten. Diese und anderen Themen sollten vorab mit dem Betriebsräten geklärt werden. Ein kritischer Bereich in Supermärkten könnte die Leergutannahme in den Filialen sein, wenn infizierte Menschen aus der Flasche trinken und das Leergut in die Märkte zurückbringen", erklärt Pieper. Hierfür sind Maßnahmen zu entwickeln, um Mitarbeiter zu schützen.

Die Lieferkette beachten

Die Krisenplanung muss die gesamte Lieferkette umfassen. Schließlich muss die Versorgung sichergestellt werden, auch wenn Teilbereiche der Logistik wegbrechen. Ebenso muss das Sortiment darauf abgestimmt werden, da Hamsterkäufe und Umsatzeinbrüche einzukalkulieren sind. Mancher Händler denkt bereits an Survival-Pakete. Der Verkauf von Frischeprodukten kann im Ernstfall eingeschränkt oder vorübergehend aufgegeben werden.

In diesem Gefüge "muss die interne und externe Kommunikation klar geregelt sein", ergänzt Christian Geßner, Leiter des Zentrums für nachhaltige Unternehmensführung an der Wirtschaftsfakultät der Universität Witten/Herdecke. Noch zeigen sich viele Unternehmen gelassen.

Einige blicken auf Argentinien, um zu lernen, so Christoph Kleinen von Korn-Ferry International in Frankfurt. Dort hat die Epidemie Teile des gesellschaftlichen Leben regelrecht lahmgelegt.

Dass die Schweinegrippe ernst genommen werden muss, hat Gründe: Die schnelle Verbreitung zur ungewöhnlichen Jahreszeit, die Angst vor einer Virusmutation und deren schlechte Bekämpfbarkeit. Laut des Robert-Koch-Institutes steht ein wirksamer Impfstoff voraussichtlich erst in vier bis sechs Monaten zur Verfügung. (juh)

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