Risiko für Mitarbeiterverlust Handelstalente intensiv umworben

von Silke Biester
Freitag, 21. Oktober 2016
Erfolgreiches Employer Branding: Den Führungsnachwuchs der Branche zieht es zu dm-Drogeriemarkt.
Hans-Rudolf Schulz
Erfolgreiches Employer Branding: Den Führungsnachwuchs der Branche zieht es zu dm-Drogeriemarkt.
Mitarbeiter des Handels sind besonders begehrt und wechselwillig. Ihre Wunscharbeitgeber heißen Amazon, Zalando und dm. Das zeigt eine Sonderauswertung des Young Professional Barometers 2016 für die LZ.

Im Vergleich zu anderen Branchen landet der Handel bei Jungakademikern mit wenigen Jahren Berufserfahrung im Mittelfeld auf Platz neun der Wunschbeschäftigungsfelder. Ganz vorne liegen Automobil, Banken und Versicherungen sowie Pharma und Gesundheit. Die Konsumgüterindustrie landet auf Platz 12. 12,3 Prozent der Befragten würden sich "auf jeden Fall" im Handel bewerben – aber 18,4 Prozent "auf gar keinen Fall".

Eine tiefergehende Analyse derjenigen, die aktuell im Handel arbeiten, offenbart ein erhöhtes Risiko für die Filialisten, Mitarbeiter zu verlieren. Neun von zehn der Führungsnachwuchskräfte im Handel sind offen für einen neuen Job. Nur etwas mehr als die Hälfte würde sich allerdings "auf jeden Fall" auch wieder im Handel bewerben. "Das ist mit Abstand der schlechteste Wert im Branchenvergleich", stellen die Studienmacher fest. Zudem ist diese Gruppe häufiger unzufrieden mit ihrem Arbeitgeber (24,2 Prozent) als der Durchschnitt (19,3 Prozent). 35,3 Prozent der Befragten geben an, sich "ab und zu" nach einem neuen Job umzusehen, während der allgemeine Schnitt nur bei 29,4 Prozent liegt. Weitere 19,6 Prozent suchen aktuell aktiv (Schnitt 21,7).

Fast drei Viertel (73 Prozent) geben an, in den vergangenen zwölf Monaten bereits Jobangebote von abwerbenden Unternehmen bekommen zu haben. Auch die Zahl der Angebote ist mit 3,7 überdurchschnittlich hoch. Damit sind die Mitarbeiter des Handels nach denen der Consulting- und der IT-Branche die begehrtesten Young Professionals in Deutschland. Die Hälfte der Angebote wurde von Headhuntern ausgesprochen, 20 Prozent von Personalverantwortlichen und 14 Prozent der angepriesenen Vakanzen kamen direkt aus der Geschäftsführung des potenziellen neuen Arbeitgebers.

Erstmals hat Trendence einen "Brain-Drain-Index" für Young Professionals errechnet, bei dem die Gefahr, Talente zu verlieren mit der Chance, ebensolche zu gewinnen, ins Verhältnis gesetzt wird. Dabei landet der Handel auf der vierten von 15 Positionen und hat somit ein höheres Verlustrisiko als die meisten Branchen. Am höchsten ist es bei Mitarbeitern mit drei bis fünf Jahren Berufserfahrung, belegt die Auswertung den Zeitpunkt für den intensivsten Wunsch nach einem Jobwechsel.

Gehalt sorgt für Unzufriedenheit

Auffällig weit verbreitet ist in der Branche der Wunsch, sich selbstständig zu machen. Mehr als jeder Zehnte plant dies in den nächsten zwölf Monaten. 81,6 Prozent haben bereits eine Idee, womit sie sich selbstständig machen wollen. Mehr als drei Viertel könnten sich vorstellen, ihre Idee auch in Zusammenarbeit mit einem Unternehmen zu verwirklichen, wenn sie ihre Idee so umsetzen können, wie sie es für richtig halten.

Unzufrieden sind die Young Professionals des Handels in erster Linie mit ihrem Gehalt (36,9 Prozent) – in anderen Branchen ist dies nur bei 26,7 Prozent der Fall. Ähnliche Negativwerte erreichen der Führungsstil (35,0 Prozent), mangelnde Wertschätzung (34,4 Prozent) sowie schlechte Work-Life-Balance (29,5 Prozent). Entsprechend wichtig sind diese Themen bei der Auswahl des nächsten Arbeitgebers: Das Erwartungsranking wird angeführt von Work-Life-Balance, attraktiven Aufgaben, persönlicher Entwicklung und Karriereperspektiven sowie hohem Gehalt und Wertschätzung. Als unwichtig werden Status und Prestige, Corporate Social Responsibility sowie ein internationals Umfeld angesehen.

Das Trendende Institut hat für die Studie 10.000 Akademiker mit unterschiedlichsten Abschlüssen und bis zu 10 Jahren Berufserfahrung in verschiedenen Branchen befragt. Im Schnitt stehen die Teilnehmer seit drei bis vier Jahren im Job. 340 von ihnen arbeiten im Handel und stellen die Basis der Sonderauswertung dar. Die Top-Arbeitgeber der Branche sind Amazon, Zalando und dm. Die bestplatzierten Lebensmittelhändler sind die Rewe-Group auf Rang 6 der beliebtesten Arbeitgeber im Handel, Tchibo auf Rang 7 und METRO auf Rang 10.

Gender Gap in FMCG stark ausgeprägt

Unterschiede in der Laufbahn und Bezahlung zwischen Männern und Frauen zeigen sich der Trendence-Studie zufolge schon früh und sind in Handel und FMCG-Industrie besonders groß: Obwohl die durchschnittliche Berufserfahrung der Befragten bei gerade mal drei bis vier Jahren liegt und somit bis dahin nicht viele Karriereschritte möglich waren, die Gehaltsunterschiede begründen könnten, liegt das Gender Pay Gap im Konsumgüterbereich mit satten 32,4 Prozent an der Spitze aller Branchen. Männliche Young Professionals verdienen 66.900 Euro, weibliche 45.200 Euro im Jahr. Im Handel geht die Bezahlung um 21,4 Prozent auseinander: 56.900 Euro beziehungsweise 44.700 Euro. Zum Vergleich: Über alle Branchen hinweg liegt die Differenz mit 55.200 und 47.900 Euro bei 19,4 Prozent. Frauen sind zudem häufiger nur befristet angestellt: 19,4 Prozent gegenüber 13,6 Prozent bei Männern. Unbefristete Verträge haben sie nur zu 49,2 Prozent, während ihre Kollegen zu 65,3 Prozent auf diese Sicherheit bauen können. Im Gegenzug sind Akademikerinnen häufiger damit beschäftigt, ihre Qualifikation durch Weiterbildung, Aufbaustudium oder Promotion auszubauen, sind häufiger arbeitssuchend oder in Elternzeit (1,7 Prozent gegenüber 0,2 Prozent).

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