Mit 50 plus neuer Start ins Berufsleben

von Redaktion LZ
Freitag, 18. März 2005
Segmüller setzt auf ein neues Firmenkonzept: Ältere Mitarbeiter, die Seriosität ausstrahlen und erfahren sind, sollen die Glaubwürdigkeit des Hauses gegenüber der wichtigsten Kundengruppe erhöhen, die ebenfalls mittleren Alters ist.



Segmüller-Geschäftsführer Reinhold Gütebier schätzt die Erfahrung, Seriosität, den Fleiß und die Beflissenheit älterer Mitarbeiter. Jung und Alt werden bei dem Möbelhändler absolut gleich behandelt. Das gilt sowohl für die Entlohnung sowie auch für die Förderung und Beförderung des Personals.

Damit ist Segmüller noch eine rühmliche Ausnahme: Vor wenigen Tagen forderte der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung niedrigere Löhne für ältere Beschäftigte. Um ihren Arbeitsplatz zu behalten, sollten sie auf Lohn verzichten, anderenfalls seien sie zu teuer und verlören ihren Job.

Schon heute sind nur etwa 35 Prozent der über 55-Jährigen überhaupt beschäftigt. Nach einer Studie des Gelsenkirchener Instituts Arbeit und Technik (IAT) sind 15 Prozent aller Unternehmen "grundsätzlich" nicht bereit, ältere Mitarbeiter einzustellen. Fast jedes dritte Unternehmen will über 50 Jahre alte Mitarbeiter nur dann zu beschäftigen, wenn staatliche Beihilfen dafür gezahlt werden oder es keine jüngeren Bewerber gibt.

Dass Mitarbeiter 50 plus - oder inzwischen sogar schon 45 plus - nicht nur Zielgruppe für Werbung und Industrie sein müssen, beweist das bayrische Unternehmen Segmüller: 400 Langzeitarbeitslose nutzten ihre "letzte Chance" , als im vergangenen August das gleichnamige Möbelhaus in Weiterstadt bei Darmstadt eröffnet wurde.

Rund 800 Arbeitsplätze hat Segmüller hier neu geschaffen, insgesamt 120 Mio. Euro investiert. Die Hälfte der neu eingestellten Mitarbeiter waren zuvor schon lange Zeit ohne Job.

Seriösität ausstrahlen

Der Möbelhändler suchte sich gezielt Arbeitslose über 50 und setzt damit auf ein neues Firmenkonzept: Ältere Mitarbeiter, die Seriosität ausstrahlen und erfahren sind, sollen die Glaubwürdigkeit des Hauses gegenüber der wichtigsten Kundengruppe erhöhen, die ebenfalls mittleren Alters ist.

"Möbel sind Güter des langlebigen Investitionsbedarfs, der Kunde hat bei dieser Kaufentscheidung ein hohes Sicherheitsbedürfnis", so Reinhold Gütebier. "Die Einrichtungsbranche ist prädestiniert dafür, ältere Mitarbeiter einzustellen", ist er überzeugt.

Beim Kauf von Möbeln, die für viele Kunden 20 Jahre und länger halten sollen, sei die Gewissheit wichtig, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Die über 50-Jährigen hätten sich selbst zum zweiten, meistens sogar zum dritten Mal eingerichtet und verfügten zudem über mehr Lebenserfahrung.

Um diese Erfahrung zu nutzen, wurde bereits ein Jahr vor Eröffnung des "Möbelgiganten", wie Segmüller sich selber nennt, Kontakt mit der Bundesagentur für Arbeit und dem Darmstädter Arbeitsamt aufgenommen. Ergebnis der Zusammenarbeit: 23 Prozent aller Einrichtungsberater im Verkauf sind heute über 50 Jahre alt, weitere 20 Prozent haben den vierzigsten Geburtstag überschritten.

Im Rahmen des ersten Auswahlverfahrens führten Personalverantwortliche des Möbelhauses und Mitarbeiter der Arbeitsagentur zunächst Gespräche mit den Bewerbern. Die Qualifikation geeigneter Interessenten wurde anschließend eine Woche lang geprüft. Diejenigen, die als "Verkäufertyp" identifiziert worden waren, wurden über einen Bildungsträger zum "geprüften Einrichtungsberater" umgeschult.

Unterstützung und Investition

Das Arbeitsamt zahlte das Arbeitslosengeld während dieser Phase weiter. Das besondere, so Gütebier, war: "Jeder, der die Ausbildung bestand, hatte garantiert einen Arbeitsvertrag mit uns in der Tasche." So wurden 92 Prozent derer, die die Umschulungsmaßnahme absolviert hatten, von Segmüller übernommen.

Die Integrationsquote innerhalb von sechs Monaten liegt im Verkauf bei 86 Prozent. Auch heute bewerben sich noch viele "Oldies" bei Segmüller völlig bedenkenlos, so Gütebier. Darauf ist er stolz. (ba)

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