Bewerber elektronisch vorselektieren

von Judit Hillemeyer
Donnerstag, 24. März 2005
Stephan Willigens
Stephan Willigens
Sichten, Sortieren, selektieren - wer heute offene Arbeitsstellen zu besetzen hat, kämpft sich meist durch eine Vielzahl von Bewerbungsunterlagen. Das britische Softwaresystem Engage verspricht einen deutlich beschleunigten Einstellungsprozess.



Vor dem Hintergrund des geplanten Antidiskriminierungsgesetzes, könne diese Lösung Unternehmen auch vor Beschwerden abgelehnter Kandidaten schützen.

Deutschland ist ein konservatives Land. Auch wenn Unternehmen wie Lufthansa und DaimlerChrysler nur noch Online-Bewerbungen akzeptieren, werden hierzulande schätzungsweise 80 Prozent aller schriftlichen Bewerbungen in Form physischer Mappen vorgelegt.

Im Vergleich betrage der Anteil reiner Online-Bewerbungen in Frankreich, Großbritannien und den Beneluxstaaten bereits 70 Prozent, schätzt Stephan Willigens, Geschäftsführer der Peoplesolutions GmbH in Oberursel. Auch in Deutschland werden sich die digitalen Bewerbungen deutlich stärker durchsetzen, prognostiziert er - wenn auch nicht in dem Maße, wie im europäischen Ausland.

Viele Unternehmen unterschätzten den Zeitaufwand des Bewerbungsprozederes, so Willigens. Bewerbungsmappen gelten als Visitenkarte der Kandidaten. Doch das Sichten der physischen Unterlagen führe nicht immer zur gewünschten Transparenz und nehme viel Zeit in Anspruch.

Die britische Softwarelösung "Engage" verspricht eine Effizienz- und Zeitersparnis von rund 50 Prozent. Der Systemeinsatz lohne sich ab einer Zahl von mindestens 25 zu besetzenden Vakanzen im Jahr.

Kontakt per E-Mail

In einer vergleichenden Untersuchung ist das britische Systemhaus Peoplesolutions mit Sitz in Bicester bei Oxfortshire zu folgenden Ergebnissen gekommen: Die Publikation einer Stellenausschreibung im Internet dauert beispielsweise einen, das Schalten einer Zeitungsannonce rund sieben Tage.

Das Sichten der physischen Mappen nehme bis zu 21 Tagen, das digitale Verfahren einen Tag in Anspruch. Für die Kandidatenauswahl bei Papierbewerbungen benötigt ein Unternehmen demnach zwischen 22 und 35, bei Online-Bewerbungen bis zu fünf Tage.

Der Zeitvorteil speist sich aus der elektronischen Vorausauswahl. Um den Selektionsprozess deutlich zu beschleunigen, werden die wichtigsten Kenndaten der Kandidaten digital im System hinterlegt.

Willigens empfiehlt nach Eingang der Unterlagen, den Bewerben einen Fragebogen mit Fragestellungen zur Person und zum Leistungsprofil per Mail zu schicken oder diese Aufgabe einem Call-Center zu überlassen.

Die Selektionskriterien können von den Unternehmen frei definiert werden, von Schulbildung über Berufserfahrung und Sprachkenntnissen bis hin zum Wohnort.

Hinsichtlich des geplanten Antidiskriminierungsgesetzes sollten weder Geschlecht noch ethnische Zugehörigkeit als Kriterium dienen, sagt Willigens. Unternehmen, die hier ordentlich filtern, könnten sich mit diesem Verfahren gegen den Vorwurf der Diskriminierung schützen.

Rationale Kriterien

Ingesamt fungiert das Programm als "rationale Hilfe zur Selektion". Auf dieser Grundlage werden die "geeignetsten" Menschen zum persönlichen Interview eingeladen, auf dessen Basis schlussendlich eine Entscheidung getroffen wird. Genutzt wird die Lösung beispielsweise von Diageo - auch in Deutschland.

Engage ist modular aufgebaut und dient nicht nur der Vorauswahl, sondern kann auch als Talentpool genutzt werden. Bewerber können in dem System "geparkt" werden. Das sei vor allem für Blindbewerbungen interessant oder bei Kandidaten, die grundsätzlich in Frage kämen, aber nicht für die aktuell ausgeschriebene Stelle.

Ein weiterer Systembaustein kann als Matrix für die Mitarbeiterentwicklung genutzt werden. Festgehalten werden Entwicklungsbedarf der "weichen" und "harten" Faktoren sowie das Leistungspotenzial.

Das Verfahren diene auch der Karriere- und Nachfolgeplanung innerhalb des Organisationsbereiches. Voraussetzung sind strukturierte Mitarbeitergespräche. Seit 2002 wird diese Lösungseinheit von Carrefour in Frankreich eingesetzt.

Erstmals eingeführt wurde das Programm 1999/2000 bei dem Kreditinstitut Barclay's. Derzeit ist Willigens mit einigen großen deutschen Handelsfilialisten im Gespräch. Bis Ende 2005 will er zehn Kunden in Deutschland für das Engage-System gewinnen. Das Programm bietet Schnittstellen zu allen gängigen HR-Programmen wie SAP und Peoplesoft.

(juh)

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