Jugendarbeitslosigkeit Spanier und Portugiesen lernen im Handel

von Redaktion LZ
Donnerstag, 14. August 2014
Auftakt in ein neues Leben: Bei Edeka werden die spanischen Azubis und einige Familienmitglieder begrüßt.
Patrick Reimann/Edeka
Auftakt in ein neues Leben: Bei Edeka werden die spanischen Azubis und einige Familienmitglieder begrüßt.
Mit der Ausbildung spanischer Jugendlicher begegnen deutsche Händler dem hiesigen Fachkräftemangel und der hohen Arbeitslosigkeit in Südeuropa. Edeka baut das Engagement weiter aus, Lidl startet ein Pilotprojekt.
Während es deutschen Händlern schwerfällt, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen, stehen Jugendliche in Spanien bei der Arbeitssuche oft chancenlos da. Beiden Seiten kann geholfen sein, wenn die Südeuropäer hierzulande einen Beruf erlernen.

Zu einer Massenbewegung ist es bisher jedoch nicht gekommen. Denn die Praxis birgt Hürden. Karsten Pabst, Prokurist bei Edeka Hieber in Binzen, hat bei seinem ersten – erfolglosen – Versuch, junge Spanier ins Ländle zu holen, vor allem gelernt, dass es gar nicht so einfach ist.

Doch er lässt sich nicht entmutigen. Beim zweiten Anlauf setzte er ein gut vorbereitetes Projekt in Kooperation mit der deutsch-spanischen Schule "Instituto Dual Espania Alemania" auf. Gemeinsam erstellte man einen Zeitplan, sprach mögliche Schwierigkeiten von vornherein an und suchte Lösungen.

Heimweh und Einsamkeit plagen die Jugendlichen

Für die Auswahlgespräche reiste Pabst 2013 und 2014 persönlich nach Barcelona. Seine Erkenntnis: "Man muss die Euphorie bremsen, dass in Deutschland ‚das Paradies‘ wartet." Schließlich begegnen die jungen Auswanderer noch mehr Neuem als ein normaler Azubi. Sie kämpfen mit Heimweh und fühlen sich vielleicht allein.

"Es reicht nicht, motiviert zu sein. Sondern man muss auch mit Frustration fertig werden", stellt Pabst klar. "Wer dann den Kopf in den Sand steckt, bricht die Ausbildung ab."

Aus 1.500 Bewerbern wählte der Händler im vergangenen Jahr 29 aus, von denen 21 auch ins zweite Ausbildungsjahr starten werden. "Wir sind wirklich sehr zufrieden", freut sich Pabst. Seine Begeisterung hat andere Edekaner angesteckt: 2014 starten insgesamt 68 Spanier eine Ausbildung bei Edeka. 13 davon ergänzen das Hieber-Team, sieben beginnen bei Kaufmann Michael Rees und einige weitere bei dem Selbständigen Michael Schmidt.

Das Edeka-Engagement zieht weitere Kreise

Auch die Großhandlungen Südwest, Südbayern und Minden-Hannover sowie die Zentrale engagieren sich im Rahmen der Initiative "The Job of my life", die durch das Programm MobiPro-EU vom Bund unterstützt wird. "Wir möchten den Menschen Perspektiven bieten, gleichzeitig gewinnen wir Nachwuchs", sagt Martin Scholvin, Personalvorstand der Edeka AG. "Davon profitieren alle Beteiligten."

Edeka bildet die Auswanderer in den Berufsbildern Verkäufer, Kaufmann im Einzelhandel, Fleischer, Bäcker, Fachkraft für Lagerlogistik und Kaufmann im Groß- und Außenhandel aus. Für sie beginnt das Projekt lange vor dem Ausbildungsstart: Sie absolvieren einen zehnwöchigen Sprachintensivkurs und erwerben erste Kenntnisse über die neue Heimat und den Handel. In Deutschland schließt sich ein dreimonatiges Praktikum im Betrieb an. Im September startet dann die reguläre Ausbildung.

Die Region Südbayern, wo die Spanier bei Marktkauf eingesetzt werden, zieht bereits nach einigen Wochen Praktikum eine positive Bilanz: "Was auffällt, ist die große Begeisterungsfähigkeit der Azubis für Lebensmittel", schwärmt Hans Georg Maier, Vorsitzender der Geschäftsführung.

Lidl beginnt Einarbeitung im Heimatland

Auch Lidl Deutschland bietet 2014 erstmals Ausbildungsplätze für Schulabsolventen aus Spanien und Portugal an. Der Discounter beginnt mit einer Einarbeitung im Heimatland. Seit März sind die Azubis in den Filialen aktiv und haben Sprachunterricht. Wenn sie im September nach Deutschland kommen, werden sie über die Republik verteilt eingesetzt.

Eine Gruppe von vier zukünftigen Büromanagern lernt in der Neckarsulmer Zentrale. Die Ausbildung zum Kaufmann im Einzelhandel (30 Plätze) ist von vornherein auf drei Jahre angelegt. Bei Edeka hingegen geht es in vielen Fällen zunächst um die zweijährige Lehre zum Verkäufer, die gegebenenfalls verlängert werden kann.

Tengelmann wertet erste Erfahrungen aus

Auch Tengelmann startete 2013 ein Pilotprojekt: Acht Studienabsolventen kamen als Trainees nach München. Nach zweijähriger Ausbildung wurde ihnen eine Führungsposition in Aussicht gestellt. Doch die Gruppe ist nach einem Jahr auf zwei Personen geschrumpft. "Wir sammeln Erfahrungen bis zum Ende des Traineeprogramms im August 2015", so die Zentrale. "Dann entscheiden wir, wie wir zukünftig mit der Rekrutierung von Fach- und Führungskräften aus dem europäischen Ausland verfahren wollen."

Eine Abbrecherquote von 75 Prozent erscheint hoch, doch ungewöhnlich ist sie nicht. In manchen Betrieben anderer Branchen sollen nach einem Jahr sämtliche Auswanderer in die Heimat zurückgekehrt sein. Bei Lidl setzt man deshalb auf interne Paten, unterstützt bei der Wohnungssuche und trägt die Kosten für bis zu sechs Heimatflüge pro Jahr. An der Berufsschule kommen die internationalen Azubis beim Blockunterricht zusammen.

Auch Edeka stärkt deren Verbindung durch gemeinsamen Unterricht. In Lörrach und Freiburg gibt es dazu eigene Berufsschulklassen. Eine positive Entwicklung ergab sich bei Hieber aus einer Notsituation: Weil die Wohnungssuche in der Region besonders schwierig ist, fragte der Händler Mitarbeiter und Kunden, ob sie zumindest vorübergehend einen spanischen Azubi aufnehmen könnten. Dieser "Familienanschluss" erleichtere es den jungen Menschen sehr, in der neuen Heimat anzukommen, berichtet Pabst. Sie bekamen nicht nur Wohnraum, sondern auch Unterstützung bei Bürokratie sowie Anschluss an den Sportverein und andere Freizeitaktivitäten.

Förderprogramm mit neuen Regeln Das Mobilitätsprogramm für Jugendliche aus der EU (MobiPro-EU) konzentriert sich künftig auf die Förderung von EU-Bürgern, die in Deutschland eine betriebliche Ausbildung absolvieren möchten. Im Rahmen des novellierten Sonderprogramms erhalten sie finanzielle Unterstützung für inspaniduell zugeschnittene Unterstützungsangebote wie etwa Sprachförderung. Das hat die Bundesagentur für Arbeit vergangene Woche bekannt gegeben. Neu ist auch, dass alle Jugendlichen im Rahmen von Trägerprojekten betreut werden. Dies vereinfacht das Verfahren für die künftigen Azubis. Zuvor mussten die Anträge von den Betroffenen selbst gestellt werden. Für reichlich Unmut sorgte diese Initiative kurz nach Einführung 2013. Die Töpfe waren aufgrund des hohen Andrangs leer und bereits angereiste Jugendliche erhielten die erwartete Förderung nicht. Auch 2014 konnten ab April keine Anträge mehr eingereicht werden: Das Budget war bereits ausgeschöpft. Im Handel kommt das Förderprogramm nur teilweise zum Einsatz. Lidl gibt an, dass "weder Kandidaten noch Unternehmen daraus einen Zuschuss erhalten". Bei Edeka spricht man zwar von der Teilnahme an der Initiative "The Job of my life" im Rahmen von MobiPro-EU. Dennoch greift die Unterstützung nicht in allen Fällen. Weitere Infos: www.thejobofmylife.de.



(S. Biester)

Sie haben Fragen oder Anmerkungen zu diesem Artikel?
Schicken Sie eine Email an die Redaktion.

Hier können Sie die Nutzungsrechte an diesem Artikel erwerben.

Meistgelesen

stats