Ein Forschungslabor für den Handel

von Judit Hillemeyer
Freitag, 09. März 2007
Dr. Thomas Rudolph
Dr. Thomas Rudolph
Mit dem "Retail-Lab" hat die Schweizer Universität St. Gallen eine "nachhaltige" Forschungsplattform eingerichtet. Das Handelslaboratorium versteht sich als intellektuelle und praxisnahe Einrichtung, von der internationale Handelsunternehmen, Manager und Studenten gleichermaßen profitieren sollen.



Die Einrichtung ist ein Partnerschaftskonzept der Schweizer Universität und führender europäischer Handelsunternehmen. Gegründet wurde sie vor dem Hintergrund der international dynamischen Marktentwicklung dieser Branche, die weder öffentlich noch wissenschaftlich gemäß ihrer wirtschaftlichen Bedeutung angemessen wahrgenommen wird. Das vor wenigen Wochen gegründete Retail Lab der Universität St. Gallen orientiert sich namenstechnisch an bereits vorhandenen "Laboratorien" wie dem ID und dem Marketing Innovation Lab.

Die Handelsplattform hat sich zum Ziel gesetzt, vier Aufgabenfelder zu besetzen: Research, Recruitment, Certificate Program und Board Summit. Ziel ist es, "praktische Interessen des Einzelhandels mit darauf ausgerichteten Forschungsaufgaben in Theorie und Praxis zu verknüpfen", sagt der Initiator und Direktor des Lehrstuhls Internationales Handelsmanagement am Gottlieb Duttweiler Institut, Thomas Rudolph. Partner sind Metro C + C, Migros, die Media-Saturn-Holding, Tchibo und Valora.

Praxisnahe Forschung

Der europäische Handel legt nach wie vor Wert auf eine praxisnahe Ausbildung. Gleichzeitig haben die warenwirtschaftlichen Prozesse und die internationalen Strategien in den vergangenen Jahren an Komplexität zugenommen, so dass sie langfristig ohne akademischen Nachwuchs kaum zu bewältigen sind.

Ressentiments gab und gibt es auf beiden Seiten: Einerseits haben Handelsunternehmen mit ihrem pragmatisch geprägten Arbeitsalltag schlechte Erfahrungen mit dem Anspruchsdenken von Akademikern gemacht, andererseits nehmen Studenten und Hochschulabsolventen den Handel kaum als Forschungsfeld oder Arbeitgeber wahr. "Das ist der Image-Malus", sagt Rudolph.

Dennoch zeichnen sich, erste Veränderungen ab. Bachelor-Studenten etwa zeigen vermehrt Interesse am Handel. Rudolph will an der Universität St. Gallen nun beide Seiten verstärkt einander näher bringen.

Hinter dem Begriff Research verbirgt sich der wissenschaftliche Austausch. Zweimal im Jahr werden Workshops veranstaltet. In diesem Rahmen werden auch Forschungsaufträge für Bachelor- und Master-Abschlussarbeiten vergeben.

Das Rekrutieren akademischen Nachwuchses ist eine weitere Aufgabe, der sich das Retail Lab annimmt. Eine Job- und Praktikanten-Börse gibt es auf der Internetseite www.retail-talents.com. Dort wird Kontakt vermittelt zwischen Handelshäusern und hochtalentierten Studenten, die eine Handelskarriere anstreben.

Fallstudien sind Lernstoff

An so genannten Karrieretagen lernen Studenten mittels Fallstudien konkrete Handelsaufgaben kennen. Die ersten "Career Days" verbringen Ende Mai 25 Studenten aller Fakultäten in Palma de Mallorca. Dort entwickeln sie ein internationales Expansionskonzept.

Audimax St. Gallen
"Der Handel hat erkannt, dass nicht nur die Spitzenpositionen, sondern auch das mittlere Management mit gut ausgebildeten Menschen besetzt werden muss", sagt Rudolph. Im Bereich Certificate Program bietet der Lehrstuhl ein Weiterbildungspaket an. Da Berufstätige unter Zeitdruck stehen, wurde das Programm auf drei mal drei Tage verteilt. In den Teildisziplinen Change Management, Leadership, Innovation und Handelsmarketing führt die Ausbildung nicht nur nach St. Gallen sondern auch ins britische Oxford beziehungsweise nach Barcelona.

Das Konzept verfolgt einen einen umfassenden Ansatz. "Verknüpft werden wirtschaftliche Ansprüche mit Kunst, Kultur und Architektur" so Rudolph. Das Programm schließt mit einer Prüfung und einem Zertifikat ab. Das Board Summit, geplant für November, hat das Top-Management im Visier. Dabei sollen Zukunftsthemen diskutiert und Innovationen vorgestellt werden.

Die vier Aktionsfelder des Retail Lab sind noch im Aufbau. Sie müssen nun mit Leben gefüllt werden - seitens des Handels und der Studenten. (juh)

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