Mitarbeiter 4.0 Druck rausnehmen durch Führung

von Julia Wittenhagen
Freitag, 19. Mai 2017
Ulrike Woll: Setzt gern Eselwanderungen zum Entschleunigen ein. Unter dem Namen Sanibona bietet sie Firmentrainings und Einzelcoachings zum Selbstmanagement an.
Ulrike Woll: Setzt gern Eselwanderungen zum Entschleunigen ein. Unter dem Namen Sanibona bietet sie Firmentrainings und Einzelcoachings zum Selbstmanagement an.
Der gefühlte Arbeitsdruck steigt in deutschen Firmen. Schließlich weckt die Digitalisierung die Hoffnung, schneller auf Kundenwünsche reagieren, neue Angebote entwickeln und auf den Markt bringen zu können. Trainerin Ulrike Woll mahnt zu Selbstschutz und guter Leitung.

Frau Woll, manchmal gewinnt man den Eindruck, als ob die Digitalisierung endlich Tempo in unsere Arbeit bringen soll. Dabei sind dünne Personaldecken und hohe Auslastung längst die Regel. Glauben Sie, dass sich noch Potenziale zur Effizienzsteigerung heben lassen?

Ja, aber diese Potenziale gibt es nicht umsonst. Man muss sich mit ganz subtilen Störfaktoren beschäftigen, wie unklaren Botschaften oder unklarer Führung: Wer entscheidet, bis wann ein neues Projekt Erfolge bringen muss? Mit welchen Ressourcen es ausgestattet wird? Und wer trägt die Verantwortung, wenn es schief geht? Erst wenn ich Klarheit habe, kann neue Arbeitsenergie freigesetzt werden. Früher hatten Mitarbeiter weniger Gestaltungsspielraum, konnten aber die Verantwortung an den Chef abgeben. Jetzt werden Hierarchien flacher und die Verantwortung liegt verstärkt im Team. Häufig beobachte ich nun Führungslosigkeit mit zu vielen neuen Projekten.

Wie kommt es dazu?

Der Ruf nach agilen, selbstverantwortlichen Teams birgt Fallstricke. "Macht mal" kann für das Kick-Off eines Projekts ein guter Impuls sein. Dennoch ist die Führungskraft unverzichtbar, weil sie sich nicht nur durch Macht, sondern auch bestimmte Kompetenzen auszeichnet: Sie ist gut vernetzt mit der Unternehmensleitung, kennt die Ressourcen und Wachstumsstrategie des Unternehmens. Also ist es ihre Aufgabe, dem Projektteam Timelines zu setzen für Zwischenergebnisse, nötigenfalls sogar die Arbeit zu stoppen, aber auch für ein gutes Miteinander zu sorgen. Ein Projektteam sollte sich im guten Fall selbst befeuern. Es ist aber keine Einheit, die störungsfrei nonstop arbeitet. Ein guter Chef fragt daher seine Leute immer wieder, wie es ihnen geht, mit welchen Schwierigkeiten sie kämpfen, was anders laufen könnte und welche Reibungspunkte es im Team gibt. Das ist Wertschätzung der Arbeit und der Teammitglieder. Sie darf auch im modernen Arbeitsleben nicht auf der Strecke bleiben.

Warum beklagen so viele Mitarbeiter mangelnde Wertschätzung? Das scheint derzeit einer der häufigsten Führungsfehler zu sein.

Weil der Abbau von Hierarchien Machtverhältnisse und Rollen verändert. "Weisungsbefugte" geben keine klaren Anweisungen mehr. Je mehr Selbstverantwortung der Einzelne aber übernimmt, desto mehr gibt er von sich. Zwischenmenschliche Kompetenzen bekommen ein größeres Gewicht, die früher im beruflichen Kontext gar nicht gefragt waren. Die Fragen "Wie geht es Dir?" und "Wie können wir zusammen gut arbeiten?" sind jetzt essenziell für ein gutes Arbeitsergebnis. Allerdings nur, wenn sie ehrlich gestellt und ehrlich beantwortet werden dürfen. Das ist eine Frage der Unternehmenskultur.

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Braucht es also Wohlfühl-Chefs?

Nein, denn das Ergebnis eines ehrlichen Gesprächs könnte ja auch sein, dass Chef und Mitarbeiter merken, dass sie zusammen nicht gut weiterkommen.

Warum steigt mit der Digitalisierung der Stresspegel?

Nicht nur die Geschwindigkeit der Prozesse steigt, sondern auch die anschließende Interaktion. Immer mehr Projekte werden angestoßen, ohne dass ihnen die nötige Entwicklungszeit gegeben wird.

Als positiv nehmen die Mitarbeiter wahr, dass ihr Gestaltungsspielraum steigt. Sehen Sie das auch als gut an?

Wenn in unserer Gesellschaft jeder von klein auf lernen würde, für sich und seine Leistungsfähigkeit Verantwortung zu übernehmen, ja. Leider haushalten viele nicht gut mit ihren Kräften.

Wie schützt man sich in Organisationen, die im Umbau sind, vor Stress?

Schwere Frage. Man muss gut auf sich Acht geben, Aufmerksamkeit in die Interaktion mit anderen geben und möglichst eine Führungskraft als Vorbild haben, die sich nicht ständig verausgabt.

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-Wie geht man mit ständiger Erreichbarkeit um?

Ich bin dafür, dass das Handy eine gewisse Zeit am Tag aus sein muss, habe mich aber überzeugen lassen, dass die Menschen da unterschiedlich belastbar sind. Wichtig finde ich klare Absprachen, wann jemand verfügbar sein muss und wann er off sein darf.

Wie motivieren sich "alte Hasen" zu neuen Arbeitsmethoden, neuer Arbeitskultur bis hin zum Duzen des Vorstands?

Oft sind diese neuen Maßnahmen Ausdruck anderer Dinge, die man schwer zu fassen kriegt. Ich würde mich fragen, ob ich dabei sein will. Wenn ja, muss ich nicht Hurra schreien und darf sagen, was mir schwer fällt, welche Befürchtungen ich habe. Und ich sollte überlegen, was ich tun kann, um selbst mit den Veränderungen gut zurecht zu kommen und sie so mitzugestalten, wie ich es brauche.

Wie halten Ältere dagegen, dass jungen Mitarbeitern per se mehr Digitalkompetenz zugesprochen wird?

Man kann ihren digitalen Vorsprung nicht wegreden, sollte aber selbstbewusst zur eigenen Erfahrung und Expertise stehen. Dass Jung und Alt sich gleich geschätzt fühlen, ist Aufgabe des Diversity Managements, der Teamentwicklung und braucht eine Führungskultur, die das Miteinander fördert, nicht das Gegeneinander.

Was sind die typischen Themen ihrer Coachings zur Stressbewältigung?

Wer mit 40 plus zu mir kommt und sich an der Belastungsgrenze fühlt, hat häufig existenzielle Fragen, die über das Arbeitsleben hinausgehen. Aus welchen Quellen schöpfe ich? Was gibt mir Halt? Wie pflege ich mein soziales Netzwerk, damit ich gut leben kann? Diese Menschen haben Karriere gemacht, fragen sich in der Mitte des Lebens aber nach dem Sinn all der Mühe. Glücklicherweise kann darüber heute offen gesprochen werden. Und das ist ein guter Anfang.

Wo drückt junge Manager der Schuh?

Sie fragen sich heute öfter, wohin eine Karriere sie führt. Die junge Generation ist selbstbewusster, will sich nicht verheizen lassen, sich Zeit für ihre Kinder nehmen. Aber auch hier gibt es Zukunftsängste. Nachwuchskräfte wissen nicht, ob sie materiell zum Zuge kommen, fürchten um ihren Arbeitsplatz und die Nachhaltigkeit ihrer Qualifizierung im Zuge der Digitalisierung.

Wie können Sie helfen?

Sowohl Einzelpersonen als auch Teams profitieren von der Klarheit, die sich einstellt, sobald wir eine Situation mit etwas Distanz betrachten. Manchmal sind es gezielte Stress- oder Burnout-Themen, manchmal diffuse Team-Störungen. Wie bei einer Querfeldeinwanderung halten wir ab und zu an, nehmen den Kompass in die Hand, überprüfen die Richtung und korrigieren vielleicht unseren Kurs. Anschließend gehen wir sicher und bestärkt weiter zum Ziel.

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