"Ich bin Bachelor und suche einen Job"

von Redaktion LZ
Freitag, 02. Juni 2006
LZ|NET. Europäische Bildungspolitik: Die Umstellung auf zweistufige Studiengänge läuft. Noch sind Bachelor- und Master-Absolventen rar. Prinzipiell ist die Akzeptanz im Handel groß. Ebenso groß ist auch das Vakuum bezüglich passender Einstiegsprofile.



Mit der Bologna-Erklärung werden sukzessive europäische Studiengänge in mehr als 40 Ländern vereinheitlicht. Der Prozess ist seit 1999 im Gang. In Deutschland werden aus dem klassischen Diplom bzw. Magister Bachelor und Master.

33,9 Prozent aller deutschen Studiengänge sind laut der Foundation for International Business Administration Accreditation (FIBAA) in Bonn bereits umgestellt. Die Entwicklung in den einzelnen Bundesländern ist unterschiedlich: Saarland, Bayern und Sachsen im Durchschnitt 19 Prozent, Hessen zirka 25 Prozent, Berlin, Brandenburg und Niedersachen im Schnitt 50 Prozent. An der Spitze liegt Berlin mit 64 Prozent (Stand: WS 05/06).

Der Umstellungsprozess soll im Wesentlichen bis zum Jahr 2010 abgeschlossen sein. Ziel sind einheitliche und vergleichbare Studiengänge in Europa.

Mitten im Prozess

Der Bachelor ist der niedrigste akademische Grad. Er kann in Deutschland sowohl an Universitäten, Fachhochschulen wie Berufsakademien innerhalb von drei Jahren erworben werden. Absolventinnen sind gerade mal Anfang 20.

Diese Erfahrung machte auch Otto. "Wir hatten eine 21-jährige Bewerberin mit einem Bachelor-Abschluss", erläutert Stefanie Hirte, zuständig für das Personalmarketing beim Versender. "Ihre theoretische Qualifikation stimmte, aber wir trauten ihr aufgrund ihres Alters die nötige Durchsetzungsfähigkeit für diese Position nicht zu", so Hirte.

Um die Vielschichtigkeit des Themas weiß auch Heiko Müller. "Früher wollten wir junge Absolventen, jetzt haben wir sie und beklagen uns", konstatiert der Personalleiter der Douglas Holding. "Wir brauchen Zeit, um uns daran zu gewöhnen." Im Zuge dieser Entwicklung wird sich mittelfristig die Qualität der Einstiegspositionen ändern, vermuten Müller und Hirte.

Interessante Kandidaten

Nichtsdestotrotz sei der Bachelor-Abschluss für den Handel interessant. Und auf diese Kandidaten wollen sich die Handelsunternehmen hierzulande vorbereiten.

Die deutsche Hochschullandschaft ist vielfältig. "Wir beschäftigen Absolventen von Berufsakademien, Fachhochschulen und Universitäten", sagt Karl-Heinz Brand, Geschäftsleitung Mensch und Arbeit bei Tegut. Unterschiede im Gehaltseinstieg gibt es nicht. "Eine Differenzierung ergibt sich aufgrund von Positionen und Funktionen sowie der persönlichen Entwicklung und des Erfolges."

Die bisherigen Diplome und Magister gelten zumindest in konservativen Kreisen als höherwertig. "Dieses Gefühl haben viele, aber es ist eben nur ein Gefühl, weil die Bachelor- und Master-Studiengänge noch nicht etabliert sind", meint Brand. "Es gibt derzeit mehr Vorurteile als Urteile."

Studieninhalte prüfen

Mit den neuen Abschlüssen will es Tegut wie mit den alten halten. "Wir wählen Absolventen nicht nach Abschlüssen aus." Dennoch rät Brand: "Wer einstellt, ist gut beraten, sich nach dem Inhalt des Studiums zu erkundigen."

Die bisherige differenzierte deutsche Studienlandschaft könnte sich mit der europäischen Hochschulreform nivellieren. Studieninhalte und das Hochschulrenommee werden eine größere Rolle spielen. Otto verfolgt hier eine interne und eine externe Strategie: "Wir müssen prüfen, ob unsere Zielhochschulen noch mit unseren Anforderungen übereinstimmen", so Hirte - auch bezüglich der Beschäftigung von Praktikanten.

Im zweiten Schritt sollen Arbeits- beziehungsweise Positionsprofile für Bachelor- und Master-Absolventen erstellt werden. "In diesem Rahmen denken wir über interne Bildungsprogramme nach", sagt Hirte. Otto bietet bislang keine Trainee-Programme sondern nur den Direkteinstieg für den akademischen Nachwuchs an.

Top-Positionen für Master

"Arbeitgeber sollten berufliche Werdegänge den internationalen Abschlüssen anpassen", rät auch Detlev Kran. Er ist Berater und Gutachter der Akkreditierungsagentur FIBAA in Bonn für Bachelor- und Master-Studiengänge. Kran schätzt, dass Bachelor-Absolventen künftig vor allem "hochqualifizierte Sachbearbeiterfunktionen" ausfüllen werden. Die Top-Führungspositionen könnten den Master-Absolventen vorbehalten bleiben.

Von der Hochschulreform profitieren laut Müller die Fachhochschulen, die mit den neuen Abschlüssen eine Aufwertung erfahren. Hirte glaubt: "Gewinner werden die BA-Studenten sein. Sie erwerben einen Bachelor-Abschluss, können einen Master draufsatteln und bringen gleichzeitig Berufspraxis mit."

Ein- und Aufstiegschancen will dem akademischen Nachwuchs im Handel niemand verwehren. Schlussendlich zählen Leistung, Persönlichkeit und Engagement.

Qualifikation und Leistung

So will es auch Metro halten. "Nicht der beste Fachmann steigt auf, sondern derjenige, der nachhaltig zur Steigerung des Unternehmenswertes beiträgt und das entsprechende Managementpotenzial mitbringt", heißt es beim Düsseldorfer Konzern.

Gehaltliche Differenzierungen soll es bei Berufseinsteigern nicht geben. In der weiterführenden Förderung von "High Potentials" spiele der Erwerb formeller Qualifikationen eine untergeordnete Rolle. "Wir sprechen daher Absolventen von Fachhochschulen und Universitäten an, fördern jedoch auch durch das Berufsakademiestudium und den berufsintegrierten Studiengang."

Als internationaler Konzern stellt Metro jährlich rund 200 Hochschulabgänger ein. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben einen "steigenden Bedarf an Absolventen mit internationaler Einsatzbereitschaft und idealer Weise internationalem Hintergrund".

Die Einstiegschancen mit Bachelor-Abschluss seien jedoch nur durch "eine konsequente Leistungsorientierung" gewährleistet, heißt es bei Metro.

Sie haben Fragen oder Anmerkungen zu diesem Artikel?
Schicken Sie eine Email an die Redaktion.

Hier können Sie die Nutzungsrechte an diesem Artikel erwerben.

Meistgelesen

stats