Mehr als nur eine braune Schachtel

von Redaktion LZ
Donnerstag, 09. April 2009
Verpackungsexperten sind in der FMCG-Branche gefragt wie nie. Denn für ein Produkt mit hochwertiger und sinnvoller Aufmachung sind Verbraucher bereit, einen höheren Preis zu bezahlen.



Die Nachfrage nach Verpackungsspezialisten steigt - vor allem in der Konsumgüterbranche. Mehr als 1.000 Fachingenieure arbeiten derzeit in Deutschland. Die knapp 40 Absolventen des Studiengangs Verpackungstechnik, die jedes Jahr die Hochschule der Medien in Stuttgart verlassen, sind nicht lange auf Jobsuche.

"Verpackt wird nun einmal überall", so Eckard Conze, Dekan des Studiengangs Verpackungstechnik an der Hochschule der Medien, Stuttgart. Er leitet Deutschlands ältesten Studiengang dieser Fachrichtung. "Verpackungsingenieure müssen in der Lage sein, interdisziplinär und in großen Zusammenhängen zu denken - von der Entwicklung eines

Innovative Lösungen:

Für das Berufsleben der späteren Ingenieure ist das unabdingbar: Die Wirtschaft fordert intelligente und interaktive Verpackungen -Beispiele dafür sind Manipulationsvisualisierung, Temperatursensorik, Preiscodierung sowie Diebstahlsicherung. Von zentraler Bedeutung sind zudem logistische Vorgaben.

Und nicht zuletzt sind bei der Verpackungsgestaltung auch gesetzliche Regelungen zu beachten. Conze: "Der Verpackungsingenieur ist ein Diener vieler Herren."

Aus Sicht der Industrie wird die "Hülle" immer mehr zum integrativen Bestandteil ihrer Produkte. Aus gutem Grund, denn sie stellt den ersten Kontakt zwischen Kunde und Produkt her.

Dabei gibt es verschiedene Ansprüche an Funktionalität. Gemeint sind Merkmale wie Klappdeckel, Wiederverschließbarkeit, Kindersicherung oder seniorengerechter Verschluss, so Conze. Ihm zufolge muss ein Fachingenieur Packungen auch aus der Sicht von Designern betrachten, für die Funktionalität oft nicht erste Priorität habe.

Anreize und Vorschläge:

Aufgabe des Verpackungsingenieurs müsse es auch sein, den Markenbotschaftern Anreize und Vorschläge zu liefern, mit ihnen in Diskurs zu treten.

Diese zweigleisige Herangehensweise, ist Conze überzeugt, führt zu kreativen Ergebnissen. "Eine Innovation entsteht nicht, wenn man die Verpackung ein bisschen ändert - etwa von dunkelblau auf hellblau", betont der Dekan.

Vielmehr müsse man Gewohntes auf den Kopf stellen - manchmal im wörtlichen Sinne, wie bei einigen Ketchup- und Mayonnaise- oder Shampoo-Packungen. Oft sei die Süßwarenbranche gut für Überraschungen. Zumeist werden jedoch keine großen Schritte gemacht, sondern eher kleine, vorsichtige.

Gut ausgebildete Verpackungsingenieure sind Spezialisten für Materialien und können mehr als nur braune Schachteln entwerfen. Conze ermuntert seine Studenten, nicht nur die optische Karte auszuspielen, sondern auch Aspekte wie Haptik und Akustik einzubeziehen.

"Wenn man ein Stück Seife in eine Kiste mit Soft-Touch-Lack steckt, bringt jede Berührung die Assoziation mit sanfter Haut." Diese Werbebotschaft müsse man nicht mehr in Worte fassen. Wie wichtig Haptik und Akustik sein können und wie stark man Konsumenten mit Hilfe dieser Aspekte beeinflussen kann, zeige das Knacken einer Tafel Schokolade ebenso wie das Knistern einer Chipstüte.

Letzteres könne ein kaufentscheidendes Kriterium sein, meint Conze. "Wenn man im Zuge immer sparsamer zu verwendender Materialen, Chipstüten zu dünn macht, hören sie auf zu knistern." Dem Verbraucher kämen unterschwellig Zweifel, ob der Inhalt der Packung trotzdem knusprig sei. "Chipstüten müssen knistern."

Seine Studenten hält Conze dazu an, früh Kontakte zu knüpfen. In sechs Semester Regelstudienzeit ist eine sechsmonatige Praxisphase integriert, die in einem Verpackungsunternehmen zu absolvieren ist. Meist wird auch die Bachelorthesis in einem Betrieb durchgeführt. "Das kann Beiersdorf, Henkel, Unilever oder aber auch eine Druckerei sein", so Conze.

Darüber hinaus bietet der Studiengang Exkursionen zu Firmen mit Verpackungsmaschinen an. Auf der Liste stehen unter anderem Namen wie Knorr und Campina. Praxisbezug hat auch der Dekan vorzuweisen. Er sieht sich keinesfalls im Elfenbeinturm und hält stetig Kontakt zu seinem ehemaligen Arbeitgeber, dem Konsumgüterkonzern Unilever.

Neben dem Studium Verpackungstechnik mit Abschluss "Bachelor of Engineering", der 1972 aus dem Studium Drucktechnik entstand, bietet die Hochschule der Medien in Stuttgart auch einen Masterstudiengang Packaging, Design und Marketing (15 Studienplätze) an.

Zum Sommersemester 2008 hat außerdem ein deutsch-chinesischer Doppelstudiengang die ersten Studierenden aufgenommen. Das Studium findet in Kooperation mit der Technischen Universität in Xi’an statt. Fünf angehende Verpackungsingenieure sollen nach sieben Semestern mit einem Doppelabschluss der beiden Hochschulen ihr Studium abschließen. (got)

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