Vorbehalte durch Annäherung abbauen

von Judit Hillemeyer
Freitag, 26. August 2005
Fachhochschule Amberg-Weiden
Fachhochschule Amberg-Weiden
Mit Gründung des Instituts für Handelsmanagement wird das Handelswissen an der FH Amberg-Weiden stärker verankert. Die Einrichtung gehört zur BayTech, der Bayern Innovativ GmbH.



Der Einzelhandel ist an den deutschen Universitäten und Fachhochschulen allgemein unterrepräsentiert. Berufsakademien sind häufig an die Anforderungen einzelner Unternehmen geknüpft. In diese Bresche springt das Institut für Handelsmanagement an der Fachhochschule Amberg-Weiden, nahe der tschechischen Grenze.

Auch wenn sich der Fachbereich nicht als regionale Einrichtung versteht, so profitiert er dennoch von einem Alleinstellungsmerkmal in Bayern. Denn bislang sind Discounter wie Lidl aber auch andere Handelsunternehmen gezwungen, für den Nachwuchs entsprechende Akademien in Baden-Württemberg zu nutzen.

Das Institut für Handelsmanagement steht auf zwei Säulen: Lehre sowie Beratung und Projektmanagement, erklärt Prof. Dr. Reiner Anselstetter, Leiter des BayTech IHM Institutes. Alle Facetten des Handels sind in das Lehrprogramm des betriebswirtschaftlichen Studiengangs (sechs Semester) an der FH integriert.

Kooperation mit dem Handel

Thematisch und inhaltlich wird eng mit Handelsunternehmen und Verbänden zusammengearbeitet. In Vorbereitung ist derzeit die Anpassung des Studiengangs mit dem Schwerpunkt Handelsmanagement an die Anforderungen der internationalen Abschlüsse Master beziehungsweise Bachelor.

Bestritten werden die Lehrveranstaltung in Sachen Handelsmanagement von Anselstetter, seinen Kollegen und Gastreferenten aus der Praxis, die zu bestimmten Themenbereichen eingeladen werden. Auch ehemalige Studenten, die heute im Handel arbeiten, berichten von ihren Erfahrungen und Aufgaben.

Prof. Dr. Reiner Anselstetter
Die Seminare und Vorlesungen reichen von Kundenbindung und Personalmanagement über Kostensenkungs- und Ertragspotenziale bis hin zu Handelscontrolling, Direktmarketing und E-Business. "Studenten sollen den Kostendruck des Handels ebenso verstehen wie seine Preis- und Sortimentspolitik", so Anselstetter.

Ost-West-Komptentenz

Dabei steht nicht nur die nationale Handelswelt im Fokus. Das Institut will seine internationale Ausrichtung mit dem Schwerpunkt einer Ost-West-Kompetenz ausbauen. In diesem Rahmen ist es Mitglied der European Retail Akademy.

Mit der Institution schwebt Anselstetter die Realisierung einer Art "Corporate University" vor. Der Handel sei nicht nur ein interessantes Wissenschaftsfeld, sondern auch ein potenzieller Arbeitgeber. Der von Handelsunternehmen geforderte Praxisbezug in der akademischen Erstausbildung werde durch Beratungs- und Projektarbeit hergestellt - dem zweiten Standbein des Institutes.

So entstehen im Auftrag von Handelshäusern beispielsweise Vergütungs- und Prämiensysteme für den Vertrieb oder internationale Expansionsstrategien. Hinzu kommen Praktika und Exkursionen.

Die praktische Arbeit "dient dem gegenseitigen Image-Transfer", unterstreicht der Institutsleiter, denn die Handelsbranche habe künftig steigenden Bedarf an betriebswirtschaftlich ausgebildeten Hochschulabsolventen. Vor allem auf der Führungsebene werde die Branche nicht mehr ohne sie auskommen.

Komplexe Aufgaben

Zwar rekrutierten viele Handelsunternehmen ihren Nachwuchs noch überwiegend aus eigenen Reihen, doch mit der Marktkonzentration und der zunehmenden Komplexität der Aufgaben, auch in geographischer Hinsicht, sei es mittelfristig unumgänglich, mehr Hochschulabsolventen für den rückwärtigen Dienst zu rekrutieren.

Gebraucht würden unter anderem Wirtschaftsinformatiker, Controller und Marketingspezialisten. Doch das angeschlagene Supermarkt-Image des LEH führe dazu, dass sich der studentische Nachwuchs lieber in anderen Branchen umschaue.

"Wir wollen mit dem Institut auch die Skepsis der Hochschulabsolventen gegenüber dem Handel aufbrechen", so Anselstetter. Dabei stehe nicht nur der Handel selbst im Mittelpunkt aller Aktivitäten. Handels-Know-how ist vielmehr genauso dort gefragt, wo enge Verbindungen bestehen - ob Immobilienbranche, IT- und Softwarehäuser, Logistikdienstleister oder Werbeagenturen.

Unternehmen, die Warenwirtschaftssysteme für den Handel konzipieren, fragen auch Hochschulabsolventen mit Handelskenntnissen nach. Produktmanager in der Markenartikelindustrie haben zwangläufig Handelskontakte. "So gesehen ist es gut zu wissen, wie diese Branche tickt", betont Anselstetter.

Gute Karrierechancen

Die Stellen im rückwärtigen Dienst des Handels sind rarer als in der Industrie. Große Filialisten und Discounter wie Netto beispielsweise suchen in erster Linie Vertriebsleute. Bis zu 45 000 Euro plus Dienstwagen könnten Berufsanfänger in dieser Sparte verdienen.

Wer als Bezirksleiter bei Aldi erste Berufserfahrungen gesammelt hat, habe gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Allerdings sei bei diesen "Knochenjobs" die Fluktuation relativ hoch. Anselstetter schätzt, dass ein Drittel nach den ersten drei bis vier Berufsjahren den Job wechselt. Es seien auch nicht alle Kandidaten diesen Aufgaben gewachsen.

Insgesamt müsse es dem Handel gelingen, den akademischen Nachwuchs für sich zu gewinnen und ihn zu halten. Oft seien die Trainees im Handel noch unstrukturiert. "Die Vorbehalte der Praktiker gegenüber Akademikern müssen abgebaut werden und zwar über Annäherung." Das sei ein schwieriger Erfahrungswert, für beide Seiten.

Bislang beschäftigten sich pro Semester an der FH in Weiden 50 Studenten mit dem Handel in ihrem BWL-Studium. Diese Zahl soll mit dem neuen Institut erhöht werden. Die Resonanz des Handels auf die neue Einrichtung sei "sehr positiv". Für zwei Unternehmen werde derzeit ein Ausbildungskonzept entwickelt.

(juh)

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