Bewerber mit Herz und Verstand gesucht

von Judit Hillemeyer
Freitag, 12. Mai 2006
Teilnehmer am Tag des Handels der Universität Köln, Foto: Uni Köln
Teilnehmer am Tag des Handels der Universität Köln, Foto: Uni Köln
Personalmarketing: Beim "Tag des Handels" der Universität Köln präsentierten sich vergangene Woche ein Dutzend Handelsunternehmen BWL-Studenten als potenzielle Arbeitgeber. Vorgestellt wurden Vertriebsstrukturen und Berufschancen.



"Es liegt uns nicht, über uns selbst zu sprechen, das überlassen wir anderen", leitete Eckard Otte, Geschäftsführer Aldi Süd in Kerpen, seinen Vortrag ein und erläuterte dann Struktur und Einstiegschancen. "Aldi ist die Nummer eins unter den Discountern - es kann eben nur einen Highlander geben", sagte Otte.

Der deutsche Einzelhandel klappert als Arbeitgeber. Er braucht akademischen Nachwuchs, bei immer komplexer werdenden Prozessen im In- und Ausland. Die Globalisierung fordert ihren Tribut.

Und so stellten Personalentscheider aus dem Groß- und Einzelhandel Kölner BWL-Studenten mit dem Schwerpunkt Handel im Zwölfminutentakt ihre Unternehmen vor. Mit von der Partie waren auch das Beratungsunternehmen KPMG sowie GS1.

Die beruflichen Perspektiven unterscheiden sich kaum voneinander. Neben dem Direkteinstieg bieten nahezu alle Händler Trainee-Programme an. Sie erstrecken sich in der Regel über 18 Monate. Während dieser Phase durchlaufen die Kandidaten verschiedene Abteilungen. Ziel ist es, den Arbeitgeber aus verschiedenen Perspektiven kennen zu lernen.

Emotionale Bindung

Nicht nur die Angebote, auch die Anforderungen an Bewerber sind vergleichbar. Wer im Handel arbeitet will, braucht "Herz und Verstand" - sprich emotionale Bindung, betriebswissenschaftliches Wissen und Flexibilität. Das betonten alle Referenten.

Mitbringen sollten die Bewerber außerdem das Potenzial einer ausbaufähigen Führungspersönlichkeit. Denn zum Arbeitsalltag eines Bereichsleiters bei Aldi Süd gehören Personal- und betriebswirtschaftliche Verantwortung. Diese Aufgabe übernehmen Hochschulabsolventen nach einem Trainingsjahr - inklusive Marktbeobachtungen und Filialneueröffnungen.

Die Karriereleiter zum Geschäftsführer steht ausschließlich Eigengewächsen offen. "Wir stellen keine Seiteneinsteiger ein", betonte Otte. Zur Philosophie des Discounters zählen "Konsequenz, Einfachheit und Fairness". Das scheint sich bis in die Büroräume zu erstrecken: Bilder werden nach vorgegebenem Maß und millimetergenau an die Wände gehängt - zumindest in den Büros der Geschäftsführer, scherzte Prof. Dr. Lothar Müller-Hagedorn mit Otte. Der Hochschullehrer ist Initiator und Moderator des Handelstages.

Die phantastische Welt

Ganz auf Emotionen setzte Metro mit einem Video-Clip. Ein Junge steht in den Fluren der Metro-Zentrale. Er wartet auf seinen Vater. Die Zeit wird länger, die Neugierde größer und so steckt er seinen Kopf hinter die eine oder andere Tür und entdeckt die phantastische Welt des Handels.

Und weil es so schön ist, will er morgen wiederkommen. Und so soll es auch mit dem akademischen Nachwuchs sein. Aufgaben und Positionen unter dem Metro-Dach sind vielfältig - vom Immobilienmanagement über Logistik bis hin zu Führungspositionen in den einzelnen "Vertriebsmarken".

Die Prozesse sind dabei ganz unterschiedlich, erklärte Dr. Oliver Hackl, Head of University Contacts and Scouting bei Media-Saturn. "Der Lebensmittelhandel funktioniert beispielsweise mit Systematik, der Elektronikhandel ist ein Postengeschäft." Media-Markt will im In- und Ausland wachsen und pro Jahr 30 bis 40 Häuser eröffnen. Diese Pläne sollen mit jungen Nachwuchskräften realisiert werden.

Marktposition ausbauen

Vielfalt und Internationalität waren auch die Argumente Rewes. Das Unternehmen ist derzeit in 14 Ländern aktiv. "Unserer Marktposition wollen wir in Deutschland und Europa ausbauen", sagte Katja Hoppmann, Referentin für Personalmarketing der Rewe.

Zum Trainee-Programm gehört grundsätzlich eine Arbeitsphase im Lebensmittelmarkt. Als künftige Bezirksleiter sind die Akademiker für acht Märkte verantwortlich.

Prof. Dr. Lothar Müller-Hagedorn (l.), Uni Köln, im Gespräch mit Personalentscheidern aus dem Handel, Foto: Uni Köln
Auch bei Lekkerland wird der Berufsalltag 18 Monate lang trainiert. Inbegriffen sind Arbeitsbereiche im In- und Ausland, so Kerstin Schaller, Referentin für Personalmarketing. Die Ausbildung ist "generalistisch" angelegt und mit einer individuellen Note versehen - je nach Neigung der Mitarbeiter.

Bei Tchibo haben die Trainee-Programme gemäß der für sie Zuständigen, Christiane Janssen, eigene Schwerpunkte: Food, Nonfood, SCM, Unternehmensteuerung. Das Einstiegsgehalt beläuft sich auf 40.500 Euro. Das eigens aufgebaute Führungskräftenachwuchsprogramm umfasst 24 Monate.

Ein virtueller Rundgang

Mit einem klassischen Werbefilm nahm Klaus Eckmann die Studenten mit auf einen virtuellen Rundgang durch die Douglas-Läden. Er riet ihnen, vor dem Traineeship- (Vertrieb) oder dem Leadership-Programm (Thalia) ein Schnupperpraktikum zu machen, damit man wisse, ob das Arbeitsfeld als Beruf in Frage komme.

Karstadt schaut auf den nationalen Markt. Gesteuert werden müssen 90 Waren- und 32 Sporthäuser. Neben dem klassischen Trainee-Programm gibt es ein spezielles für angehende Geschäftsführer, das sich aus Projekt- und Einarbeitungsphasen zusammensetzt.

Praktiker hat Bedarf an akademischem Nachwuchs vor allem für zentrale Positionen, die zuvor Metro als Muttergesellschaft übernahm.

Handelsluft schnuppern

Otto bietet keine Trainee-Stellen. Vergeben werden zunächst Praktikantenplätze für die Dauer von drei beziehungsweise sechs Monaten. Wer hier Feuer gefangen hat, kann bei dem Versandhändler in den Geschäftsbereichen T-, E- und M-Commerce einsteigen, erklärte Stefanie Hirte den Studenten.

Die berufliche Eingliederung läuft über ein so genanntes Integrations- und Aufbauprogramm und kann schließlich in die Management-Akademie münden. Im Auswahlverfahren setzt Otto vor allem auf eine stark ausgeprägte Eigenmotivation bei den Hochschulabsolventen.

Auf dem Podium diskutierten die Personaler abschließend die Kriterien bei der Bewerberauswahl. Sie reichen von guten Noten über ordentliche Fachkenntnisse bis hin zur ausgeprägten Persönlichkeit.

Hackl brachte es auf den Punkt: "Schlussendlich zählen die Sympathie und ob man dem Kandidaten die Position zutraut". Auf Praktika (drei bis sechs Monate) legen alle Handelsunternehmen Wert.

Praktische Erfahrungen

"Mehrere Fremdsprachen, erstklassige Zeugnisse und Praktika, dazu fehlt uns schlicht weg die Zeit", beschwerte sich ein Student. Vor diesem Hintergrund würden sich einige seiner Kommilitonen Praktika von Verwandten und Bekannten attestieren lassen. Darüber waren einige Handelsvertreter bass erstaunt.

Müller-Hagedorn betonte, dass die Semesterferien eine derart lange Praxisphase nicht vorsehen. Schließlich könne nicht für jedes Praktikum ein Urlaubssemester eingereicht werden. Sein Vorschlag, die Praxiserfahrungen zu stückeln, wurde von einigen Personalern als "nachdenkenswert" aufgenommen. (juh)

Sie haben Fragen oder Anmerkungen zu diesem Artikel?
Schicken Sie eine Email an die Redaktion.

Hier können Sie die Nutzungsrechte an diesem Artikel erwerben.

Meistgelesen

stats