Tesco macht sich für Bildung stark

von Christiane Düthmann
Freitag, 23. April 2010
Tesco setzt auf Qualifizierung. Jeder zehnte Mitarbeiter des britischen Handelskonzerns nimmt an Weiterbildungsprogrammen teil. Gleichzeitig verstärkt der Retailer sein gesellschaftliches Engagement für eine bessere Ausbildung von Kindern und Jugendlichen.
"Bildung ist äußerst wichtig – für Tesco, die Branche und das ganze Land", ist Lucy Neville-Rolfe überzeugt. Im Führungsgremium des Retailers zeichnet sie für Corporate und Legal Affairs verantwortlich. Anlässlich einer Tagung des britischen Branchenverbands IGD (Institute of Grocery Distribution) zum Thema Qualifizierung machte die Managerin auf die wachsenden Defizite in der schulischen und universitären Bildung in Großbritannien und die drohenden Folgen für Unternehmen und Gesellschaft aufmerksam.

"Eine gut ausgebildete Belegschaft ist produktiver", benennt sie die ökonomische Dimension. Doch sie sieht, gerade für marktbedeutende Companies, ebenso eine moralische Verpflichtung, sich diesen Fragen zu widmen. Für Tesco, den größten privaten Arbeitgeber in Großbritannien, ist dies zudem eine Chance, sein soziales Profil zu schärfen. Denn der Handelsriese, nach Walmart, Carrefour und Metro viertgrößter Retailer der Welt, musste aufgrund seiner dominanten Wettbewerbsposition schon mal Kritik einstecken. Das Unternehmen beschäftigt weltweit 450.000 Mitarbeiter, allein in UK sind es 280.000.

Jeder zehnte davon befinde sich durchschnittlich in einer Weiterbildungsmaßnahme auf dem Weg zum nächsten Karriereschritt, berichtet Neville-Rolfe nicht ohne Stolz auf diese hohe Quote. Es sei wichtig, jedem Einzelnen ein Ziel vor Augen zu halten und hohe Erwartungen an ihn zu stellen, skizziert sie ihre Philosophie in Sachen Personalentwicklung. Hinzu komme die konsequente Übertragung von Verantwortung. "Eine der entscheidenden Lektionen, die wir gelernt haben, ist, den Leuten etwas zuzutrauen", sagt sie und nennt die Funktion des Marktleiters als Beispiel. "Das ist einer der wichtigsten Manager in unserer Organisation."

Die größten Defizite macht sie in der schulischen Bildung aus. Großbritannien falle im internationalen Vergleich immer weiter zurück. So habe ein aktueller Report des World Economic Forums ergeben, dass das Land inzwischen auf den 24. Platz bei der Grundschulbildung abgerutscht sei. Auch in Sachen Pisa stehe man nicht gut da. Es mangele den Schulabgängern an Basiswissen in Rechtschreibung und Mathematik. Mittlerweile erreichen schon etwa 40 Prozent der Elfjährigen nicht das erwartete Level im Schreiben und Rechnen, zitiert die Tesco-Managerin eine britische Statistik. Und an den weiterführenden Schulen seien es dann sogar sechs von zehn Schülern, die in diesen Disziplinen hinterherhinken.

Es hapere überdies bei vielen Youngsters an der adäquaten Einstellung für die Arbeitswelt. "Sie verstehen nicht, warum eine gepflegte Erscheinung von Vorteil ist, haben ein Problem mit Pünktlichkeit und nie gelernt, im Team zu arbeiten", nennt sie Beispiele. Auch die Sprachbarrieren erhöhen sich. So kletterte der Prozentsatz der Kinder mit einer anderen Muttersprache als Englisch im Zeitraum 2003 bis 2009 von 10,5 auf 15,2 Prozent – "ein erstaunlicher Anstieg in so kurzer Zeit", findet Neville-Rolfe.

Für Tesco lautet die Konsequenz aus all dem, sich einzumischen. "Es gibt eine Menge Möglichkeiten für den Handel, in Bildungsfragen eine Rolle zu spielen." Manager können Schulpatenschaften übernehmen, Mitarbeiter Schülern Nachhilfe im Lesen geben oder ihnen beibringen, wie man frisches Gemüse anbaut. 120 Tesco-Freiwillige, so genannte Community Champions, haben sich auf diese Weise im vergangenen Jahr in ihrem Umfeld engagiert.
Erst vor kurzem rief der Lebensmittelhändler ein Förderprogramm für 16-jährige Schulabgänger ins Leben.

Damit sollen die Jugendlichen "on the Job" die wesentlichen beruflichen Fähigkeiten erlernen, die die Schule ihnen nicht mitgegeben hat. Wer sich bewährt, kann mit 23 Jahren Store Manager sein – bei einem Jahresgehalt von 50.000 britischen Pfund. Auch die Wiedereingliederung von Arbeitslosen ist Tesco ein Anliegen. In 26 "Regeneration Partnership Stores" ist jeweils eine bestimmte Anzahl von Stellen für Menschen reserviert, die mehr als sechs Monate ohne Job waren. Im neuesten dieser Läden in Hodge Hill, einem Stadtteil von Birmingham, arbeiten 90 ehemalige Langzeitarbeitslose.

Die jüngste Initiative des Handelskonzerns ist eine Partnerschaft mit "Teach First". Diese gemeinnützige Bildungsinitiative ist in vielen Ländern aktiv und hat sich zum Ziel gesetzt, bessere Chancen für Kinder und Jugendliche mit schlechten Startbedingungen zu schaffen. Dazu unterrichten Hochschulabsolventen, bevor sie ihre Karriere starten, eine Zeitlang an sozialen Brennpunkten. Unternehmen unterschiedlicher Branchen sponsern Teach First. Tesco will die Anstellung von Akademikern in besonders benachteiligten Schulen in Hertfordshire unterstützen.
(cd)

Sie haben Fragen oder Anmerkungen zu diesem Artikel?
Schicken Sie eine Email an die Redaktion.

Hier können Sie die Nutzungsrechte an diesem Artikel erwerben.

Meistgelesen

stats