Deutsche Chefsitze wackeln

von Judit Hillemeyer
Donnerstag, 31. Mai 2007
Deutschland ist kein leichtes Pflaster für Unternehmenslenker. Konzernchefs bleiben immer kürzer im Amt. Zudem ist die oberste Führungsriege überaltert, und im Mittelstand fehlt es an Nachwuchs.



Deutsche Chefposten sind Schleudersitze - nicht nur bei Siemens, VW und der Telekom, auch im Einzelhandel. Die Abgänge von Plus-Chef Michael Hürter und Rewe-Vorstandsmitglied Stephan Fanderl zeigen, wie wackelig diese Stühle sind. Das belegt auch eine Studie der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton.

Demnach mussten im vergangenen Jahr 10,7 Prozent der Firmenchefs im deutschsprachigen Raum ihre Posten räumen. Aus welchen Gründen auch immer - sie werden immer schneller geschasst. Die Verweildauer deutscher Konzernschefs hat sich seit 1998 von durchschnittlich 8,3 auf 4,7 Jahre verkürzt. In Europa liegt der Führungswechsel mit 15,4 Prozent auf relativ hohem Niveau. Die Verweildauer gibt die Unternehmensberatung mit 5,7 Jahren an. Riege der Topmanager ist überaltert#/ZT# Trotz dieser hohen Fluktuation ist die Riege der deutschen Topmanager überaltert. Mehr als 39.000 Entscheider haben die Grenze von 65 Jahren überschritten. Dies ergibt sich aus einer aktuellen Untersuchung des Wirtschaftsinformationsdienstleisters Hoppenstedt. Nach einer Analyse der großen deutschen Unternehmen sind damit mehr als 10 Prozent der Manager in der ersten Führungsebene bereits in einem Alter, in dem sie sich eigentlich zur Ruhe setzen könnten.

Die Untersuchung basiert auf der Hoppenstedt-Managerdatenbank, die 230.000 deutsche Firmen umfasst. Errechnet wurde weiterhin, dass rund 67.500 Topmanager von Unternehmen mit mehr als zehn Mitarbeitern oder einem Jahresumsatz von mehr als 1 Mio. Euro bereits 60 Jahre oder älter sind. Diese entspricht einem Anteil von rund 17 Prozent an der ersten Führungsebene der untersuchten Unternehmen in Deutschland. Mehr als 4500 Chefs sind 65 Jahre und älter#/ZT# 4500 Familienunternehmer brauchen einen Nachfolger. Doch gerade die Nachfolge stellt insbesondere für Familien- und Einzelunternehmen in naher Zukunft ein erhebliches Problem dar. Mehr als 4500 Chefs von mittelständischen Familien- oder Einzelfirmen in Deutschland sind nach der Hoppenstedt-Analyse 65 Jahre oder älter und müssen sich daher intensive Gedanken über die Zukunft machen. Rein rechnerisch steht damit bei 10 Prozent der Familienunternehmen in nächster Zeit ein Führungswechsel an. 5900 Unternehmen könnten sogar von der Schließung bedroht sein.

Das Institut für Mittelstandforschung (IfM) hat kürzlich eine Studie veröffentlich, wonach jährlich knapp 6 000 Unternehmen in Deutschland ihre Pforten schließen müssen, weil kein Nachfolger gefunden werden konnte. Davon wären dann mehr als 33 000 Arbeitsplätze betroffen. Die Nachfolge-Börse www.Nexxt-change.org, eine Initiative des Bundeswirtschaftsministeriums und des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, versucht hier Hilfestellungen zu bieten. (juh)

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